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Montenegro:Die Skitour-Pionierin kam aus Österreich

Immer steiler steigen wir in Spitzkehren hinauf, Šćepanović müht sich mit seinen breiten, schweren Freeride-Skiern. Wieder und wieder rutschen sie weg, irgendwann schnallt er ab, rammt seine Stiefel in den Hang und steigt mit geschulterten Skiern auf. Oben bläst der Wind über den Grat, ein hastiges "Berg Heil" am Gipfel, eine schnelle Specksemmel, dann stellen wir die Bindung um und fahren ab.

Die 20 Zentimeter Neuschnee aus der Vorwoche machen sich ausgezeichnet unter den Skiern. Wir gleiten über weite Hänge hinab, die unbefleckt sind von einer Spur. Und stehen an einer Engstelle plötzlich neben vier Montenegrinern, in uralten Skianzügen, auf Telemarkskiern. Šćepanović begrüßt sie herzlich und übersetzt, dass sie 20 Kilometer hierher gewandert sind. Unten im Bergwald treffen wir einen von ihnen wieder. Als wir gerade im Slalom zwischen kahlen Bäumen hindurch wedeln, jagt ein roter Blitz vorbei, im Schuss, den Kopf unten, die Zweige klatschen auf den Helm. "Wuide Hund san des hier", sagt Greussing abends, lachend und kopfschüttelnd. "Aber koane Skifahrer."

SZ-Karte

Tatsächlich hat der Wintersport eine lange Geschichte in Montenegro, schon vor dem Zweiten Weltkrieg fuhr man hier Ski. "Früher kamen viele Gäste aus Serbien", sagt Erminia Reljić, 62, die Besitzerin des Hotel Brile in Kolašin. "Aber jetzt ist ihnen das Skifahren zu teuer." Genauso wie den meisten Einheimischen. Vor zehn Jahren verkaufte der Staat das Skigebiet, und die Käufer erhöhten die Preise. "Damit starb hier die ganze Skikultur", sagt Šćepanović.

Heute reisen im Winter in Kolašin vor allem Albaner an, aber auch Bosnier, Kroaten und Slowenen. Abseits der Piste wagen sich freilich noch sehr wenige ins Gelände. "Ich schätze, dass es im ganzen Land keine 20 Tourengeher gibt", sagt Šćepanović. Viele seiner Freunde verstünden nicht, was er da macht: mit Skiern Berge hochsteigen, wenn es doch Lifte gibt?

Die Pionierin des Skibergsteigens in Montenegro ist eine Österreicherin. Angelika Temper-Jablan, 40, kam 2004 im Rahmen eines Entwicklungshilfe-Projekts als Expertin für Bergtourismus in das winzige Balkanland. Sie schickte Bergführer aus der Heimat mit alten Militärkarten los, um das Potenzial zu testen. Die Routen, die sie fanden, sind bis heute die Klassiker.

Routen-Beschreibungen sind rar

Dabei gäbe es durchaus Alternativen, sagt Temper-Jablan. Zum Beispiel die Prokletije-Kette an der Grenze zu Albanien. Hoch, steil, vollkommen unerschlossen. Bis vor Kurzem dauerte es mindestens fünf Stunden, dorthin zu gelangen, jetzt verkürzt eine neue Straße die Fahrt auf eineinhalb Stunden.

Auf eigene Faust wären diese Berge allerdings ein Abenteuer. Denn einen Lawinen-Lagebericht sucht man bisher in Montenegro ebenso vergeblich wie Bücher über Skitouren. Nur online sind einige Routen mit Karte beschrieben. Zumindest die Bergrettung sei mittlerweile auf einem guten Niveau, sagt Temper-Jablan. "In den vergangenen zehn Jahren wurde viel in die Ausbildung und das Equipment investiert." Und im schlimmsten Fall könnte ein Polizeihelikopter Verunglückte bergen.

Reiseinformationen

Anreise: Mehrere Fluggesellschaften wie beispielsweise Austrian Airlines fliegen mit Zwischenstopp ab circa 200 Euro nach Podgorica und zurück.

Skifahren: In Montenegro gibt es zwei halbwegs moderne Skigebiete: Kolašin 1450 hat sieben Pisten und sogar einen Sechser-Sessellift. Savin Kuk bietet eine lange Abfahrt, die Lifte sind sehr alt und langsam. Geführte Skitouren in der Gruppe sind zum Beispiel bei Hauser Exkursionen (in Kooperation mit Bergspechte) zu buchen, acht Tage ab 1290 Euro, www.hauser-exkursionen.de, Tel.: 089 / 235 00 60. Februar und März sind die besten Monate für Skitouren.

Weitere Auskünfte: Tourismusorganisation von Montenegro, Tel.: 00382 / 077 /10 00 01, www.montenegro.travel/de

Wir halten uns trotzdem lieber an die Klassiker. Entlang dem türkisen Tara-Fluss fahren wir nach Žabljak. Das höchstgelegene Dorf Montenegros schmückt sich mit einer erhabenen Kulisse, den schroffen Felswänden und Gipfeln des Durmitor-Nationalparks. Žabljak selbst ist weniger hübsch, ein konfuser Wildwuchs aus Betonungetümen und Holzhäuschen, die Umgebung mit uniformierten Apartmenthäusern zersiedelt. Im Sommer kommen viele Sommerfrischler hierher, um im Nationalpark mit seinen Jahrhunderte alten Kiefern und seinen 22 Gipfeln über 2000 Meter zu wandern oder in einem der 19 Seen zu baden, die hier poetisch Bergaugen heißen. Im Winter herrscht die Tristesse der Nebensaison.

Wir steigen am Rand der Skipiste auf. Der altersschwache Lift ist kaum schneller als wir, die wenigen Skifahrer in den Metallsesseln schauen erstaunt zu uns herab. Aber bald biegt Greussing in ein schmales Kar ab und erklimmt einen breiten Bergrücken. In meditativem Gleichschritt geht es bergauf, Schneeschleier treiben über den geriffelten Harsch, die Stöcke helfen, nicht von den Windböen umgeworfen zu werden. Unter uns breiten sich angezuckerte Wälder und weites, weißes Land aus. Das Gipfelfoto sparen wir uns und passen lieber auf, dass uns der Wind nicht die Felle aus der Hand reißt. Ein kurzer Hindernisparcours durch Steine und Grasbüschel, dann belohnt eine Abfahrt über angefirnten Schnee. Und ein Bier in der Sonne an der Talstation. Fast wie zu Hause in den Alpen - nur sehr viel ruhiger.

© SZ vom 09.03.2017/edi
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