bedeckt München 32°

Montenegro:Skitouren für Abenteurer

Kaum Tourenbeschreibungen, kein Lawinenwarnsystem, die Anfahrt im Geländewagen: Wer sich im Winter in die Gebirge von Montenegro wagt, erlebt einsame Abfahrten - und mutige Einheimische.

Was Werner Greussing jetzt macht, wäre in den Alpen Selbstmord. In aller Seelenruhe quert der Bergführer die Skipiste, hinter sich eine Kolonne von Tourengehern. Gleich wird jemand über die Kuppe schießen, fürchtet man, und die Tourengeher abräumen wie Kegel. Aber nichts passiert. Obwohl die Sonne scheint und der Schnee glatt gebügelt ist, sind die Pisten leer in Savin Kuk, einem der beiden großen Skigebiete in Montenegro. Und die Berge jenseits der Pisten sowieso.

"Wir Montenegriner haben keine Outdoor-Kultur", sagt Janko Šćepanović. Der 33-jährige Sonnyboy mit dem Dreitagebart ist Guide, im Sommer arbeitet er in dem luxuriösen Yachthafen eines kanadischen Milliardärs und nimmt Segler mit zum Rafting und Canyoning. Im Winter hat er frei. Und deshalb Zeit, uns zusammen mit Werner Greussing, dem Bergführer aus Österreich, durch die wilden Berge seiner Heimat zu führen.

Montenegro ist, der Name lässt es ahnen, ein Gebirgsland. Und ein Urlaubsland. Tourismus ist der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig des winzigen Balkanstaats. Aber bisher kommen die Besucher vor allem aus einem Grund: um im Meer zu baden. Ins Landesinnere fährt man eigentlich nur, um in der Schlucht der Tara zu raften oder ein Kloster zu besichtigen. Auf die Berge, etwa im Durmitor Nationalpark, steigen nur ein paar Verwegene. Und das nur im Sommer.

Allerdings bieten seit ein paar Jahren Reiseveranstalter und Alpinschulen in Deutschland und Österreich Skitouren in Montenegro an. Das passt zum Trend, immer neue abgelegene und unbekannte Ziele auf den Markt zu bringen. Die mitreisenden Österreicher waren schon in der Hohen Tatra, in den Karpaten und auf den Lofoten. Wir sind zu neunt, die Jüngste eine 30-jährige Wienerin, der Älteste ein 73-jähriger Kitzbüheler. Drei Männer sind bei der Bergwacht im Salzburger Land. Beruhigend, denn "bisher gibt es in Montenegro kein Wissen über Lawinen und kein Warnsystem", wie Šćepanović ehrlich sagt.

Im Zigarettenkiosk werden auch Skier verliehen

Die Rundreise beginnt in Kolašin, einem Bergstädtchen, das seit Jahrzehnten vom Tourismus lebt. Im Zentrum leistete man sich einen Parkstreifen mit Brunnen, Partisanendenkmal und einer Stadthalle im schönsten Brutalismus. Außenrum drängen sich schäbige Bauten aus der Tito-Zeit, einige Bürgerhäuser und Holzkioske, die Spielzeug und Zigaretten verkaufen und Ski verleihen.

Šćepanović ist hier in einer Berglerfamilie aufgewachsen. "Mein Opa fuhr schon auf Skiern ins Sägewerk zum Arbeiten", erzählt er. Er selbst lernte das Skifahren von seinem Vater. Der war Jäger, "damals der einzige Weg, in den Bergen sein zu können und nicht für verrückt erklärt zu werden". Jeden Winter kommt Šćepanović zurück in seine Heimatstadt. Denn rings um Kolašin erheben sich mehrere Gebirge, ein idealer Spielplatz für seine Touren. Die zahme Bjelasica, deren abgeschliffene Berge wie die Troglava perfekt sind für Einsteigertouren. Die steilen Felsflanken der Komovi, auf die in der Regel der meiste Schnee fällt. Und das Sinjajevina-Massiv, wo die Lieblingstour von Šćepanović liegt: zum Jablanov Vrh.

Die Anfahrt fühlt sich wie eine Expedition an, im Konvoi von drei Geländewagen, vorbei an alten Steinhäusern, deren steile Dächer mit Schindeln und Aluplatten gedeckt sind. Über eine Forststraße spuren wir leicht bergan bis zum Talschluss, einem Amphitheater aus zerklüfteten Felswänden, in die sich uralte Kiefern krallen. Normalerweise steigt man hier in vielen Serpentinen auf, aber Šćepanović kürzt durch den Wald ab. Es geht steil bergauf, Zweige schnalzen uns entgegen, der Schweiß rinnt. Und dann, am Ende einer Rinne, öffnet sich ein Panorama wie in Island: weiße Hügel bis zum Horizont. "Wie am Dachstein", sagt einer der Österreicher, "nur dass die Weite hier gewaltiger ist."

Jeden März hetzen Langläufer in einem 50-Kilometer-Rennen über dieses Hochplateau, zwischen acht und zehn Stunden braucht Šćepanović dafür, je nach Jahresform. An diesem Tag lässt er es langsamer angehen. Es ist noch ein langer Weg. Hinter einem Hügel breitet sich der nächste weiße Kessel aus, gesprenkelt mit ein paar Kiefern. Und dahinter erhebt sich wie ein riesiger Dom der Gipfelaufbau des Jablanov. "Ja leck mi", murmelt Herbert, der 73-Jährige.