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Mitten in Absurdistan:Letztendlich geht es ums Schaf

Ein aufgeregter deutscher Tourist lernt in Neuseeland den Blick für Wesentliches zu schärfen. Und in der Schweiz weiß man mal wieder kaum, wohin mit den Millionen.

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Zuerich 14 8 2014 Eine Frau fuellt einen Euro Millions Lottoschein aus Der Jackpot im Schweizer L

Quelle: imago/EQ Images

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Mitten in ... Zürich

Ein kleiner Quartierladen, man kann Milch und Briefmarken kaufen. Außerdem, daran erinnert der Verkäufer gern, Lotto spielen. "Der höchste Jackpot aller Zeiten", raunt er seit Tagen, jetzt also: Einmal für fünf Franken mitspielen, bitte. Begeisterung. "Irgendjemand muss ihn knacken!" Ich finde auch. Zu Hause fotografiere ich den Schein und schicke ihn an Freunde. Die ganze Schweiz versucht gerade, an die 64 Millionen Franken zu kommen. News-Seiten drucken Ratgeber: Was tun mit dem Gewinn? Umziehen, zum Beispiel nach Wollerau, Kanton Schwyz. Je nach Gemeinde unterscheidet sich die Steuerlast erheblich. Was man nicht tun sollte: Den Schein per Whatsapp rumschicken, im Falle eines Gewinns kann der Freundeskreis unüberschaubar werden. So gesehen: Null Richtige, Glück gehabt. Und: Neuer Jackpot, 70 Millionen.

Charlotte Theile

SZ vom 16. Dezember 2016

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Quelle: Paul-Anton Krüger

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Mitten in ... Kairo

Deutschland steht bei Ägyptern hoch im Kurs; Mercedes, BMW und Schweinsteiger kennt jeder Taxifahrer, auch Hitler finden manche gut. Die Türkei ist eher im Verschiss, weil sie die Muslimbrüder unterstützt, die hierzulande für jede Unbill verantwortlich gemacht werden, selbst wenn die Nationalmannschaft verliert. So könnte man Kairos neueste kulinarische Errungenschaft erklären: "Döner Kebab - Home of The Best German Doner Kebab", verspricht die Bauplane. Dreht sich hier bald Schwein am Spieß? Firmenchef Farshad Abbaszadeh, dessen Name nicht gerade türkisch klingt, wuchs in Berlin auf, wo er 1989 seine erste Döner-Bude aufmachte. Heute verkauft er die deutsche Spezialität in den Emiraten, in Schweden, Großbritannien. Als Reminiszenz an die alte Heimat gibt es nun auch in Kairo Döner - mit Frikadelle und Kartoffelsalat.

Paul-Anton Krüger

SZ vom 16. Dezember 2016

New Zealand Golden Bay Wharariki Beach sheep on top of a ridge in the evening sun PUBLICATIONxINx

Quelle: imago

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Mitten in ... Twizel

Eine Schafsfarm in Twizel, am Fuß der neuseeländischen Alpen. Freundliche Tiere, klarer Blick auf den Mount Cook. Gerade ist der neuseeländische Premierminister zurückgetreten, ein politischer Donnerschlag. Der deutsche Tourist ist sehr aufgeregt. Da ist er aber auch der Einzige. Der Farmer, ein gescheiter Typ, sagt: "Ach, Politik, einer geht, ein anderer kommt." Auf dem Zimmer im Farmhaus sofort den Fernseher an, 20 Uhr: Kein Kanal lässt sich zu einer Sondersendung hinreißen. Stattdessen Dating- und Koch-Shows. 22.30 Uhr, die Hauptnachrichten. Sie dauern dreißig Minuten - der Premier kriegt zehn davon. Danach geht es viel um Schafe. Am nächsten Morgen fragt der Tourist den Farmer, was er sich denn vom neuen Premier erhofft. Der Farmer sagt: "Ich hoffe, dass wir heute wieder einen klaren Blick auf die Berge haben."

Roman Deininger

SZ vom 16. Dezember 2016

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Quelle: AFP

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Mitten in ... New York

Mit Durchschnitt, das weiß man, gibt sich der Amerikaner nicht zufrieden. Makellosigkeit ist hier eine Tugend, deshalb sieht etwa die Barbie aus, wie sie aussieht. In einer solchen Welt hat auch der Christbaum höchsten Ansprüchen zu genügen - und das tut er, wie ein Gang durch die Straßen von Brooklyn zeigt: Vollkommen sind die Bäume, die feilgeboten werden, satt grün, dicht gewachsen, perfekte Kegel wie die Kleider spanischer Renaissance-Königinnen. Kurzum: das glatte Gegenteil jener oft lichten, grotesk verzweigten Klimawandelopfer, die in vielen deutschen Wohnstuben stehen. Nur die kleinen Schnittwunden am Ende beinahe aller Äste irritieren: Da wird doch kein Schönheitsdoktor mit Gartenschere und Dachlatte nachgeholfen haben? Ach, was soll's - jetzt, da die Plastische Chirurgie sogar Einzug ins Weiße Haus hält.

Claus Hulverscheidt

SZ vom 9. Dezember 2016

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Quelle: AFP

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Mitten in ... Kairo

Die Mitfahr-Firma Uber lässt mich wissen, ich habe in Kairo 47 Mal seit Juli 2015 ihre Dienste in Anspruch genommen: 1085 Kilometer in 34 Stunden. Und da sind viele Nachtfahrten zum Flughafen dabei, wenn man 20 Minuten für die 25 Kilometer braucht. Was läge also näher, als im täglichen Stau nicht nur aufs Handy zu stieren, sondern mit Menschen im Nachbarauto zu kommunizieren? Ein paar Taxifahrer, auffällig freundlich, seit Uber ihnen das Geschäft abgräbt, sind besonders findig: Sie haben auf dem Dach oder im Kofferraumdeckel rote LED-Laufschrift-Anzeigen eingebaut, wie sie in den Achtzigern Schaufenster zierten. Der neueste Schrei. Name und Handynummer könnte man damit übermitteln, denkt man. Stattdessen auf Englisch dutzendfach die gleiche Ansage: "Programmieren Sie bis zu 5 individuelle Botschaften!"

Paul-Anton Krüger

SZ vom 9. Dezember 2016

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Quelle: AFP

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Mitten in ... Venedig

Jetzt, da es in Venedig allmählich leerer wird und man den Markusplatz gelegentlich betreten kann, fallen die fliegenden Händler noch mehr auf als gewöhnlich. Wie viele es von ihnen gibt! Manchmal sind es zehn, manchmal zwanzig, an einem Sonntag mit schönem Wetter wohl an die vierzig. Die meisten kommen aus Bangladesch, und von ihnen wiederum die meisten verkaufen "selfie sticks". Das ging dem Besitzer eines mobilen Andenkenstands (von denen es wohl ein halbes Dutzend gibt) vor ein paar Tagen so auf die Nerven, dass der große, dicke Italiener zu einem kleinen, dünnen Mann aus Bangladesch ging, ihn umwarf, ihm ein Bündel "selfie sticks" entriss und sie zerbrach. Dann ging er davon, schweigend. Der fliegende Händler rappelte sich auf und verschwand. Und auch die Passanten gingen weiter, schweigend.

Thomas Steinfeld

SZ vom 2. Dezember 2016

Taxifahren wird teurer

Quelle: dpa

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Mitten in ... Berlin

Taxi! Hier! Ich! Also, Sie steigen da jetzt schon mal nicht ein! Wir waren zuerst da! Wilhelm, komm schon! Jeder Taxifahrer in dieser Stadt weiß, wann die Konzerte in der Philharmonie zu Ende sind. Und trotzdem veranstalten sie dieses psychologische Experiment auf der Herbert-von-Karajan-Straße immer wieder. Mal sehen, wie wütend, böse und andere übervorteilend Menschen mit weißen Köpfen in teurem Tuch werden können, die eben noch vor Rührung beinahe erstickt wären an Mozart und Bach. Jetzt aber: drei Taxen, 2500 Menschen, Endkampf ums Heimfahren. Noch einmal beweisen, dass der Mensch Beethoven lieben und trotzdem schlecht sein kann. Und dann fahren sie nach Hause in ihre schlaflosen Nächte, die man ihnen, weil man selber längst Berliner geworden ist, von ganzem Herzen wünscht.

Evelyn Roll

SZ vom 2. Dezember 2016

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Quelle: Titus Arnu

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Mitten in ... Kathmandu

Die Stadt ist ein einziges Chaos. Um über die Straße zu kommen, muss man sich in den höllischen Verkehrsstrom stürzen und hoffen, dass er um einen herumfließt. Es funktioniert, man darf nur keine Angst haben und stehen bleiben. In Thamel, der labyrinthischen Altstadt, stehen neue Hotels zwischen Ruinen von fünfstöckigen Häusern. Seit dem Erdbeben im April 2015 wurde einiges wieder aufgebaut, aber überall sind noch Schutthaufen zu sehen. Die Stupa von Bodnath, ein buddhistisches Heiligtum, ist gerade wieder eröffnet worden. So weit ist man bei einem unscheinbaren Geschäftshaus in Thamel noch nicht: Die Wände sind schief, sie wirken einsturzgefährdet, die abgerissenen Stromkabel über dem Eingang sind auch nicht vertrauenerweckend. Aber ein Werbeschild verspricht: "New building inside!" Mal reinschauen? Lieber nicht.

Titus Arnu

SZ vom 2. Dezember 2016

Fashion Week Berlin - Curvy is sexy

Quelle: dpa

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Mitten in ... Aschaffenburg

Kurz vor Aschaffenburg, die wichtig schwätzenden Anzugträger haben den ICE in Frankfurt verlassen, ist im Großraumabteil nur noch eine Stimme zu hören. Sie kommt vom Vierertisch, an dem drei Asiaten sitzen. Die Tochter liest, der Vater schläft vornübergebeugt, sein Kopf ruht auf einer Jacke. Eine beachtliche Leistung, denn neben ihm spricht, nein: schreit seine Frau in ihr Smartphone, während sie selbst mit dem Kopf schräg auf dem Tisch liegt. Als versuche sie, nicht nur das Abteil, sondern gleich den ganzen Zug zu erreichen, hebt sie ihre Stimme immer wieder. Die Gespräche beendet sie, indem sie ihr Telefon auf den Tisch knallt. Dann plötzlich: Stille. Die Telefonistin liegt nun da wie ihr Mann, als würden beide bei einem Wettbewerb im Synchronschlafen teilnehmen. Ein himmlischer Moment. Bis ihr Smartphone wieder klingelt.

Milan Pavlovic

SZ vom 25. November 2016

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Quelle: Peter Münch

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Mitten in ... Gaza

Die Mauern und Wände im Gazastreifen sind voller bunter Beschriftungen. Manchmal ist es Werbung, mal tut die Hamas was kund, mal ist einer gestorben. Doch dieses Graffito, im Vorbeifahren kurz erblickt, sticht heraus aus der Masse: "Ich liebe dich", steht da auf einem Haus geschrieben - in Blau, auf Deutsch und fehlerfrei. Darunter ein Herz mit den Buchstaben "M" und "H". Wer hat das getan? Warum? Und für wen? Das Rätsel verlangt nach intensiver Recherche in der Nachbarschaft. Sie führt zu Mahmud Abu Daken, 21 Jahre alt. "Ich hab das gemacht", sagt er, "für meinen Freund Mahmud." Der Freund lebe in Berlin, und ab und zu sende der ihm via Facebook einen deutschen Satz. "Diesen hier hat er mir für seine Verlobte Hanadi geschickt", erzählt er. "Ich weiß gar nicht, was es bedeutet, aber ich sollte es hier auf die Hauswand schreiben."

Peter Münch

SZ vom 25. November 2016

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Quelle: SZ

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Mitten in ... München

Neulich auf einer türkischen Hochzeit. Es wird durchgetanzt, kaum eine Minute, in der sich die Füße erholen können. Das hält auch einen Kameramann auf Trab, der auf der Tanzfläche mithalten muss, gefolgt von einem Scheinwerferträger, dessen Lichtgerät einen Eisenbahntunnel ausleuchten könnte. Ah, Hochzeitsfilm, denkt man. "Nein", sagt meine türkische Freundin, "Livestream", und schaut mich an, als befände ich mich hinter dem Mond und nicht in einem türkischen Hochzeitssalon in München-Daglfing. Direktübertragung also nach Istanbul und Trabzon. Nach sieben Stunden werden auch die letzten Gäste dann doch müde. Bevor die Band die Instrumente wegpackt, stellen sich alle noch mal vor der Bühne in einer Reihe auf, samt Braut und Bräutigam, und winken. "Sie verabschieden sich vom Internet", sagt meine Freundin.

Christiane Schlötzer

SZ vom 18. November 2016

A modern woman creating the traditional geisha vivid red lips by painting on lipstick with a fine br

Quelle: imago/Mint Images

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Mitten in ... Tokio

Zeit ist Geld in Japan. Deshalb schminkt sich diese Frau gerade unterwegs. Im Zug. In vielen Firmen Japans herrscht Make-up-Pflicht, auch wenn das nirgendwo geschrieben steht. Und weil die Arbeitswege in Tokio lang sind, muss man die Zeit halt gut nutzen. So wie diese Frau im Zug. Manchmal kann man auch Männer dabei beobachten, wie sie sich auf der Straße rasieren. Oder im Stau, am Steuer ihres Autos. Wenn mehr Japaner zu Hause arbeiteten könnten, wäre so vieles einfacher. Oder doch nicht? Japanische Firmen wollen unbedingt die Kontrolle über ihre Leute behalten, also auch über deren Gesichter. Ein Kosmetikkonzern hat deshalb eine App entwickelt, die "Telebeauty" heißt. Die App verpasst jedem ungeschminkten Gesicht elektronisch ein Make-up. Tolle Sache. Nicht nur für diese arme gestresste Frau im Zug.

Christoph Neidhart

SZ vom 18. November 2016

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Quelle: imago stock&people

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Mitten in ... Ebersbach

Das Bahnhofsgebäude in Ebersbach ist voluminös, lang und hoch und leer. Fenster und Türen sind mit Brettern vernagelt, willkommen in der Oberlausitz. Auf einem Hügel thront das Hotel für die eine Nacht an der Grenze. Die Aussicht geht weit ins Land, auch wenn Deutschland hier zu Ende ist. Unten im Tal ist schon Böhmen. Zu DDR-Zeiten war das Haus Ferienheim eines Baukombinats, die Eingangshalle lässt die einstige Bedeutung ahnen. Im Zimmer macht es pffft, ein Duftsprayautomat tut Dienst und verbreitet Parfümfabrikatmosphäre. An der Wand hängt ein Bildschirm, es ist abends um acht, Zeit für die Tagesschau, mal gucken, ob wieder irgendwas passiert ist in Sachsen. Erstes Programm, aber das Erste ist das nicht. Man spricht nicht Deutsch, es kommt einem Spanisch vor. Kuba-TV. Es ist zwei Uhr auf Fidel Castros Insel.

Bernd Kastner

SZ vom 18. November 2016

Alptraum

Quelle: Getty Images

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Mitten in ... Friedrichshafen

Es sollten ein paar entspannte Tage werden in Friedrichshafen. Radeln am Bodensee, Ausflüge in die Berge. Nun aber schnarcht der Kerl im Zimmer nebenan. Natürlich ist eine Jugendherberge kein Hort der Ruhe, war sie noch nie. Aber das hier ist Folter. Selbst kräftiges Hämmern gegen die Wand bremst den Schnarcher nur kurz. Nach wenigen Minuten sägt er erneut. Am nächsten Morgen im Frühstücksraum: vier Frauen, drei Männer am Nebentisch. "Sagt mal", fragt eine in die Runde. "Wie viele Zimmer hattet ihr jetzt gebucht?" Zwei Doppelzimmer für die Damen, zählt einer auf. Außerdem die Drei-Bett-Unterkunft für die Herrn. "Und das Einzelzimmer für den Sigi - der schnarcht ja so dermaßen." In dem Moment betritt Sigi den Raum. Frisch rasiert, bestens gelaunt. "Und?", fragt er. "Alle gut geschlafen?"

Marco Völklein

SZ vom 11. November 2016

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Quelle: AP

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Mitten in ... Peking

Die US-Wahl vorüber. Ich: leer, taub. Das Letzte, was ich las, war der Tweet eines Kollegen aus den USA, der wie ich seit vielen Jahren in Peking lebt: "Ich habe den Großteil meines Erwachsenenlebens in einem autoritären Land verbracht", stand da. "Aber bislang konnte ich wenigstens immer nach Hause gehen." Ich brachte meine Fünfjährige und den Achtjährigen ins Bett.

Sie: Erzähl uns noch ne Geschichte!!!

Ich: Puh, Kinder, nee, nicht heute...

Er: Von Geistern!

Ich: Tut mir leid. Mein Hirn...

Sie: Wieso?

Ich: Ich bin zu traurig. Frustriert.

Sie: Was ist fustiert?

Er: Vom kleinen Gespenst. Oder Dieben.

Sie: Von Drachen. Von Zombies!!

Ich: Echt Kinder... es geht nicht...

Er: Oder von Trump, wie er gegen Clinton gewinnt.

Kai Strittmatter

SZ vom 11. November 2016

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Quelle: SZ

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Mitten in ... Berlin

Es stimmt ja, dass Berlin von Neubürgern und Touristenhorden heimgesucht wird, was den Finanzsenator freut, denn die Horden sorgen für vollere Kassen in der chronisch verschuldeten Hauptstadt. Offenbar jedoch versacken immer noch viele Millionen Euro einfach so in der verstaubenden Flughafenbaustelle, soll heißen: Nicht alle Berliner profitieren von dem Geld. Mittwochmorgen, eine Seitenstraße am Alexanderplatz. Fleißig schreiben zwei Politessen Strafzettel. Die eine raucht, die andere hält ihr Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt und schafft es außerdem, dabei die Geldschlitze dreier Parkscheinautomaten abzusuchen. Vorsichtige Frage, man macht sich bereits auf eine Ohrfeige gefasst, man ist ja in Berlin: Was machen Sie denn da? "Wenn Sie dit verdienen würden, wat wir hier kriejen, würden Sie dit ooch machen."

Thorsten Schmitz

SZ vom 11. November 2016

Das Beste kommt zum Schluss

Quelle: TM and 2007 Warner Bros

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Mitten in ... Canyonlands

Es gibt diesen Film mit Jack Nicholson, in dem zwei alte Männer beschließen, noch ein paar draufgängerische Dinge zu tun, bevor sie sterben: Fallschirmspringen, so was. In einem Nationalpark in Utah treffen wir nach langer Wanderung auf zwei Senioren, die ihren Jeep an einem Felsen geschrottet haben. Der Wagen habe den Abflug gemacht, erzählt der eine. Der andere sitzt reglos auf einem Campingstuhl, er ist schwerhörig. Der Dritte hat sich aufgemacht, Hilfe zu holen. Immerhin, sie leben, neben dem Felsen geht es steil nach unten. Sie stellen sich schon auf eine Nacht im Freien ein, da kommt ein Abschleppwagen angerumpelt. Das macht den einen Alten so glücklich, dass er uns umarmt. Der Typ mit dem Abschleppauto verdreht die Augen, er kennt das schon. Mit den Opas, die unbedingt ein Abenteuer erleben wollten, wird er 2000 Dollar verdienen.

Christoph Dorner

SZ vom 4. November 2016

Mann mit Koffer und Schriftzug Berlin Deutschland

Quelle: imago/Ralph Peters

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Mitten in ... Berlin

Ein Montagvormittag im Apple-Shop auf dem Ku'damm. Menschentrauben, die vor allem aus Männern bestehen, bilden sich um die Tische herum, auf denen sündhaft teure Telefone, Laptops und Tablets liegen. Müssen die alle nicht arbeiten? Oder ist das hier eben Berlin, wo du bei einem Start-up beschäftigt bist und eh erst frühestens um zwölf im Büroloft erscheinen musst? Ich vertreibe mir die zwanzig Minuten Wartezeit, bis ein Verkäufer für mich da ist, mit einer kleinen anthropologischen Studie. Ich beobachte und belausche einen Inder aus Bangalore. Er kauft: ein iPhone 7 plus und ein iPad und zahlt 2000 Euro in bar. Während er an der Kasse zwanzig Hundert-Euro-Scheine hinblättert, fragt der Mann an der Kasse: "Möchten Sie eine Tüte für Ihren Einkauf?" Der Mann hält kurz inne beim Blättern: "Muss ich dafür zahlen?"

Thorsten Schmitz

SZ vom 4. November 2016

Moore

Quelle: ASSOCIATED PRESS

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Mitten in ... Rio de Janeiro

Fernando ist ein solider Verteidiger, jeden Dienstag auf einem Bolzplatz von Rio. Außerdem ist er ein solider Erzähler, auch nach Spielschluss. Obwohl er keine Fremdsprache spricht, ist sich Fernando sicher, dass Japanisch die mit Abstand einfachste Sprache der Welt ist - er hat es angeblich mal gelernt, aber wieder vergessen. Zu seinem unerschöpflichen Repertoire an interessanten Thesen gehört auch die Behauptung, der einstige Weltfußballer Romario sei allenfalls ein solider Stürmer gewesen, er selbst, bekanntlich Verteidiger, habe früher mehr Tore geschossen. Neulich ging es um Kinogeschichte. Ende der Siebziger wurde an der Zuckerhut-Seilbahn eine Szene für den 007-Film "Moonraker" gedreht. Die Streitfrage war, wieso Bond eigentlich Bond heißt? Niemand wusste es, außer Fernando. Der Agent ist nach der Seilbahn benannt, dem Bondinho.

Boris Herrmann

SZ vom 4. November 2016

Gefängnisausbruch  Aachen - Hauptbahnhof Köln

Quelle: dpa

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Mitten in ... Köln

Mühsame Rückreise aus den Herbstferien, doch die Kinder haben gute Laune. Sie freuen sich auf Köln. Am Bahnhof geht's ins Taxi , der Fahrer ist ein Eingeborener in Jeansjacke. Offenbar hat er sehr schlechte Laune. Als er das Ziel der Tour hört, lacht er bösartig und sagt etwas vom größten Fehler seines Lebens. Meint er uns? Er rast drauflos, fast erwischt er eine Frau mit Rollator, dann weiter mit Vollgas auf die rote Ampel zu. Er habe keine Lust mehr auf Köln, auf Deutschland, "auf das ganze Programm", sagt der Taximann düster. Die Kinder sind verstummt. Das nächste Linksabbiegen ist so verboten wie gefährlich. Dann sei der Lappen halt weg, sagt er, "ist jetzt auch egal". Wie wäre es mit Auswandern? Genau das, erwidert er. Am 22. Dezember geht's nach Thailand. Ins goldene Dreieck. Wo es keine Deutschen gebe. Oder gar lustige Rheinländer.

Philipp Selldorf

SZ vom 4. November 2016

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