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Miami in Florida:Berüchtigt für Experimente

Etwa den in der Washington Avenue hinter einer schlichten schwarzen Tür versteckten Live-Club Jazid.

(Foto: Grafik: SZ)

Miamis Clubabende fangen spät an. Erst kurz nach Mitternacht, wenn die tropische Schwüle draußen einer frischen Meeresbrise weicht, betritt das Duo Afrobeta die Bühne des Jazid. College-Studenten drängen herein, Mädchen in Hippie-Klamotten, Rasta-Typen - alle nicht halb so glamourös gekleidet wie die Menschenschlangen vor den benachbarten House-Clubs.

Das etwas ranzige Interieur scheint bewusst die Zuckerbäcker-Schönheit des umgebenden Art-Déco-District zu missachten. Hier geht es schließlich nicht um Sehen und Gesehenwerden, sondern um Musik. Um eine Szene, die für ihre Experimente berüchtigt ist.

Die beiden Afrobeta-Musiker hüpfen auf der Stelle, drehen an den Knöpfen ihrer Keyboards. Synthetische Basslinien, Hip-Hop-Beats und ein Hauch von Salsa. "Viele der älteren Latino-Musiker verstehen nicht, was wir tun", erzählt Cuci in einer Setpause und wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß aus dem Gesicht. "Dabei führen wir das Erbe unserer kubanischen Eltern fort - nur aufgerüstet mit Elektronik. Aber egal wie unsere Mischung nun heißt, man kann immer noch den Clave-Beat heraushören."

Miami ist heute mehr denn je ein kulturelles Experimentierfeld - und das Jazid eine Art öffentliches Reagenzglas. Nacht für Nacht werden hier die Beats westlicher Großstadtclubs mit verschiedensten Latino-Traditionen verlötet. "Wir versuchen, ein neues, urbanes Genre zu kreieren", sagt Kondrat, der Leader der Band Xperimento. Seine Familie stammt aus Kolumbien, er glaubt, in Miami den idealen Boden für seine Musik gefunden zu haben: "Die Stadt war schon immer ein Durchgangsort. Alle zehn Jahre gibt es eine völlig neu gemischte Szene."

Diese Panscherei hat in Miami Tradition: Schon 1937 hatte der Kubaner Desi Arnaz hier die Conga-Sektion als Orchesterbestandteil eingeführt. Von den siebziger Jahren an nahmen exilkubanische Musiker auch die Herausforderung durch die aktuellen amerikanischen Popmoden an. Heute gehören die R'n'B-Chanteuse Shakira, Jazz-Trompeter Arturo Sandoval wie auch Gloria Estefan zu den Latin-Pop-Stars, die ihren Erfolg der genialen Bastard-Szene Miamis verdanken.

Will man allerdings der lateinamerikanischen Heimat der Musiker auch atmosphärisch näherkommen, muss man die Brücke von der Strandmeile in South Beach Richtung City überqueren. Das Hoy Como Ayer an Little Havannas Hauptverkehrsstraße ist trotz stattlicher 25 Dollar Eintritt gut gefüllt. Exilkubaner und Gringos halten sich in dem holzgetäfelten rustikalen Club die Waage.

An der Wand hängen gerahmte Bilder kubanischer Musiker, an den schmucklosen Tischen klirren Mojito-Gläser. Es riecht nach frisch servierten Tamales. Zwei ältere schwarze Herren betreten die Bühne, setzen sich hinter ihre Congas, ein dritter ergreift eine Shekere-Rassel, und sie nehmen einen Rumba-Rhythmus auf. Er gilt dem Yoruba-Gott Shango. Doch so alt diese afrokubanischen Litaneien auch sein mögen, ihre Musik ist es kaum.

Bandleader Andrew Yeomanson alias DJ Spam bedient Plattenspieler und Mischpult in der Bühnenmitte: Gesänge, Echos, Verzerrungen. Shango ist längst elektrifiziert. Und die Spam Allstars sind alles andere als Folklore: Studenten in Batik-T-Shirts, Hip-Hop-Kids mit verdrehten Baseball-Mützen, aber auch schlipstragende Herren und ihre Latina-Damen in Miniröcken und High Heels lassen sich von den Percussionwellen in Bewegung versetzen.

Yeomanson, seit 16 Jahren mit den Spam Allstars eine lokale Größe, nennt seinen Stil "Electric Descarga". Eine Mischung, die nur in Miami entstehen konnte, wie der venezolanische Musiker meint: "In den örtlichen Bands finden Musiker aus Kuba, Nicaragua, Kolumbien, Puerto Rico, Brasilien und allen Ländern Mittelamerikas zusammen. Jeder bringt seine eigenen Traditionen ins Spiel. Dazu kommt der Einfluss der örtlich dominierenden DJ- und Clubkultur."

DJ Spam gilt als Pionier der miamitypischen Fusionklänge. Doch längst ist die hier produzierte spanischsprachige Musik kein lokales Phänomen mehr. Die Spam Allstars haben so diverse Stars wie Ricky Martin, Daddy Yankee und Julio Iglesias bei ihren Aufnahmen begleitet.

Ja, gelegentlich laden große Rockstars sie auch in Lenny Kravitz' Tonstudio im Hotel Setai ein. Gilt doch Miami längst als Zentrum der Latino-Musikwelt, wo die bedeutendsten Plattendeals und Studiosessions für einen immer noch wachsenden Markt abgewickelt werden.

Sichtbarstes Aushängeschild des Latinbooms der Stadt ist das Bongo's Cuban Café, ein von Gloria Estefan betriebenes Panoramarestaurant mit Blick zum Hafen, vor dessen Pforten jedes Wochenende Hunderte Nachtschwärmer in Abendkleidung anstehen. Auch in South Beach gehören Estefan diverse Restaurants. Erst seit den neunziger Jahren holen sich die Latinos zurück, was schon immer von ihrer Kultur inspiriert wurde, mischen spanischsprachige DJs vermehrt Salsa und Cumbia in die allgegenwärtige Tanzanimation.

Estefan, Tochter eines 1959 aus Havanna geflüchteten Batista-Leibwächters, hat selbst lange gebraucht, um zu den eigenen kubanischen Traditionen zu finden.