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Mexiko:Sie flüchteten vor den Weißen und bauten sich Höhlen in die felsigen Abhänge

Woher kommt diese sagenhafte Ausdauer? "Die Tarahumara trainieren nicht", sagt Guadalupe Aguero Loya, seit zwölf Jahren Guide im Kupfercanyon. "Sie laufen ihr ganzes Leben." Zur Schule, zum nächsten Dorf, zu ihren Feldern. "Überall, wo du Terrassen in den Hängen siehst, leben Tarahumara", sagt Loya, dort bauen sie Bohnen, Kürbisse und vor allem Mais an. Er deutet hinaus auf die steilen Hänge des Urique Canyon, in die ein Netz von Trampelpfaden eingraviert ist. Weit unten glänzt der Fluss wie eine silberne Schlange in einem zerwühlten, grünen Samtkissen. An seinem Ufer stehen winzige Häuschen. Dort unten sei das Klima tropisch, sagt Loya. Wenn der Winter komme, zögen viele Tarahumara zum Grund der Schluchten.

Bis vor 400 Jahren lebte das Volk von Bergläufern im Flachland. Aber als die Spanier sie als Sklaven in ihre Silberminen peitschen wollten, reagierten die Tarahumara auf ihre Weise: Statt zu kämpfen, zogen sie sich immer weiter in die Schluchten zurück. Heute zwingen Drogenbanden sie, auf ihren Feldern Marihuana anzubauen. Kein Wunder, dass viele Tarahumara alle Weißen und Mestizen meiden. Sie nennen die bärtigen Fremden Chabochi, "Menschen mit Spinnweben im Gesicht".

Um vor den Chabochi sicher zu sein, haben sich die Tarahumara in Höhlen hoch oben in den Klippen eingerichtet. Eines ihrer früheren Verstecke sieht man heute vom Hotelbalkon, gleich unterhalb in der Felswand. Das Hotel hat extra Stufen betoniert für den Kurzausflug in die andere Welt. Wir spazieren vorbei an Hühnerställen auf Stelzen und an Steinbecken unter einer natürlichen Regenrinne. Die Höhlen sind längst zu eng geworden, viele Familien haben fünf bis zehn Kinder, sagt Guadalupe Aguero Loya. Also haben sie vor die Höhlen zusätzliche Zimmer aus Lehmziegeln gemauert und sich daneben Häuser gebaut. Auf eines der Wellblechdächer sind sogar Solarpaneele montiert.

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Zwischen den Häusern sitzen Mädchen in bunter Tracht hinter Bergen von Halsketten, Masken und Körben. Was denken sie über die komischen Weißen, die viel Geld dafür zahlen, um vor ihrer Haustür kreischend durch die Luft zu fliegen? Auf die Frage geben die Mädchen keine Antwort. Sie sagen höflich, sie verstünden nur "un poquito" Spanisch. Dann lächeln sie scheu und senken wieder den Blick.

Bisher konnten die Tarahumara ihre Kultur in der selbstgewählten Abgeschiedenheit bewahren. Ihre Zahl wird heute auf 70 000 bis 100 000 geschätzt. Sie sind das größte Volk, das nicht in der Mestizaje, der Mehrheitsmischkultur Mexikos, aufging. Aber wie werden jene Kinder später leben wollen, die überall zu den Geländewagen der Touristen gerannt kommen und um Süßigkeiten betteln? Werden sie weiter stundenlang durch die Schluchten laufen und Pinole schlürfen, den Brei aus geröstetem, gemahlenem Mais und Wasser? Oder werden sie lieber Tacos essen und fernsehen? Und welche Rolle wird es spielen, wenn mehr und mehr Chabochi in ihre Berge kommen?

In ein paar Jahren soll die Straße zwischen Chihuahua und Los Mochis geteert sein. Der neue Flughafen im Touristenzentrum Creel hätte eigentlich schon im vergangenen Jahr eröffnet werden sollen, der Lonely Planet setzte den Kupfercanyon deshalb auf seine Top-Ten-Liste 2015. Und Hollywood verfilmt gerade "Born to Run". Angeblich übernimmt Matthew McConaughey die Rolle des Caballo Blanco. Der hagere Ex-Boxer, der sich Micah True nannte, hatte sich im Urique Canyon eine Hütte gezimmert. Er wollte dort mit den Tarahumara laufen und in Ruhe leben. Am Ende wurde er fotografiert wie ein Filmstar.

Info

Anreise: Flug über die USA nach Chihuahua oder Los Mochis, von dort mit dem Zug "El Chepe" nach Posada Barrancas, Divisadero oder Creel.

Unterkunft: Die meisten Hotels und Pensionen gibt es in Creel und in Posada Barrancas. Doppelzimmer gibt es ab 55 Euro ohne Frühstück.

Reisearrangement: Der deutsche Veranstalter Amapa Tours ist auf Reisen durch den Kupfercanyon spezialisiert, www.amapatours.de; mehrtägige Wandertouren lassen sich bei 3 Amigos buchen, www.amigos3.com

Reisezeit: Die besten Monate sind September bis November. Dann ist die sommerliche Regenzeit vorbei, das Gebirge ist grün und die Wasserfälle sind in voller Pracht zu sehen. Im April und Mai ist der Kupfercanyon trockener, dafür blühen viele Bäume. Im Winter können in den Bergen Minusgrade herrschen.

Weitere Auskünfte: Mexikanisches Fremdenverkehrsbüro, Tel.: 030/26 39 79 40, www.visitmexico.com; http://parquebarrancas.com

© SZ vom 24.11.2016/ihe

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