Mettelhorn bei Zermatt:Schönster Berg im Schatten des Matterhorns

Blick auf das Mettelhorn

Das Mettelhorn kurz vor dem Gipfel.

(Foto: Jochen Temsch)

Das Matterhorn dominiert die Bergwelt um Zermatt. Aber den besten Blick darauf bietet ein unbekannter Gipfel, der zudem besondere Hochtouren-Gefühle vermittelt.

Von Jochen Temsch

In dieser Geschichte kommen viele Hörner vor. Das erste ist nicht aus Fels und Eis, sondern aus Holz, und wenn Hugo Biner hineinbläst, vibriert die Luft im oberen Trifttal. Man kann diese langen, schwebenden Töne kilometerweit hören. Sie überlagern das Rauschen der Bäche und Wasserfälle, den Wind und das Blöken der Schafe, und wenn man den Tönen nachgeht, steht man schließlich oberhalb der Baumgrenze vor dem Hotel du Trift auf 2337 Höhenmetern.

Hugo Biner, der 49-jährige Wirt, beendet sein Stück und sagt: "Ein besonders guter Bläser bin ich nicht, aber es reicht, und den Gästen gefällt's." Das wiederum ist ein Grundton von Biners Wesen: freundliche Zurückhaltung, Bescheidenheit - und trotzdem ein starker Auftritt.

Zusammen mit seiner Frau Fabienne führt er das Hotel du Trift nun in den 19. Sommer unter seiner Pächterschaft. Wegen seines rosafarbenen Anstrichs nennt Biner das Haus "ein Bonbon in der Natur". Es ist rosa, weil es schon vor 100 Jahren nur diese Farbe und Beige und Braun an den Fassaden der Walliser Häuser gab. Es hat einen französischen Namen, weil damals vom Bäcker über den Schneider bis zu den Herbergen alles französische Bezeichnungen hatte.

Und es heißt "Hotel", weil es schon früher so geheißen hat, obwohl es ein Berggasthaus ist - also eine einfache Unterkunft für maximal 50 Gäste, die im Lager oder in Zimmern nächtigen; ein Haus, dessen Stube mit einem Holzofen geheizt wird, das andererseits aber auch den Luxus einer warmen Dusche bietet. Das Alte zu bewahren, ist Biner wichtig.

Er sagt: "Ich bin doch nur ein Glied einer langen Generationen-Kette. Viele waren vor mir da, andere kommen nach mir, da hat man auch eine Verantwortung und muss nicht gleich alles hinterfragen und anders machen."

Seine Frau Fabienne ist eine Urenkelin des Erbauers der Trifthütte, der die Unterkunft ursprünglich im Jahr 1887 knapp 100 Höhenmeter oberhalb des heutigen Standorts platzierte. Eine gewaltige Lawine zerstörte dieses erste Gebäude.

Die Chronik sagt, bis hinunter nach Zermatt, von dem aus man ungefähr zwei Stunden zur Hütte hochgeht, habe der Schnee Weinflaschen mitgerissen. Im Jahr 1900 wurde das zweite Hotel du Trift erbaut, an der Stelle, an der es heute noch steht - mitten in der Wildnis. Das Trifttal ist das einzige Tal bei Zermatt, das nicht mit Pisten und Skiliften bebaut, sondern weitgehend ursprünglich geblieben ist.

Die Geschäfte liefen gut. Zermatt, das kleine Bergdorf, war Ende des 19. Jahrhunderts längst auf dem Weg, zum Weltkurort zu werden. Allein im Sommer 1891, im ersten Jahr ihres Bestehens, beförderte die Zermatt-Bahn 33.000 Touristen durch das Mattertal. Die Besucher wollten die hochalpine Bergwelt erleben, und das Hotel du Trift war lange einer ihrer Stützpunkte für Touren auf Viertausender wie Ober Gabelhorn und Zinalrothorn.

Doch 1949 begann eine schwierige Zeit. 900 Höhenmeter weiter oben wurde die Rothornhütte eröffnet, was die Hochtouren um eineinhalb Stunden verkürzte. Die Wanderer zogen am Hotel du Trift vorbei, es rentierte sich nicht mehr, wurde zugemacht und erst Ende der Siebzigerjahre wieder für Gäste aufgesperrt.

Heute übernachten jedes Jahr zwei Millionen Menschen in Zermatt. Die meisten wollen wie schon die Touristen vor 120 Jahren die Viertausender sehen, nicht die kleineren Gipfel rund um die Trifthütte, diese Berge im Schatten der vergletscherten Riesen, deren riesigster, zumindest der internationalen Bekanntheit nach, das Matterhorn ist. "In diesem Schatten stehen alle anderen Berge", sagt Hugo Biner, "dabei bieten auch die niedrigeren Gipfel ein tolles Erlebnis."

Auf das 3392 Meter hohe Unter Gabelhorn zum Beispiel, das man von Biners Terrasse aus sieht, steigen nach seiner Schätzung gerade mal fünf bis zehn Wanderer pro Jahr. Auf das Matterhorn klettern mehrere tausend innerhalb von zwei Monaten. Und dann gibt es noch den schönsten aller Berge im Schatten, von dem selbst viele Alpinisten noch nicht einmal den Namen kennen: das Mettelhorn.

Schön wie eine Hochtour

Ausgerichtet auf das Mattertal, bietet es einen unschlagbar weiten Blick auf die Bergwelt des Wallis bis hinüber auf den Aletschgletscher im Berner Oberland. Der 3406 Meter hoch gelegene Gipfel, eine Kuppe aus aufgehäuften Gneisplatten, ist die reinste Loge. Egal, wohin man blickt, zu allen Seiten ragen die Viertausender empor, wölben sich die Eismassen von Gabelhorn-, Trift- und Hohlichtgletscher in nächster Nähe, und der Anblick des Matterhorns ist schöner als auf jeder Postkarte.

Mettelhorn statt Matterhorn

Seit Jahrhunderten grasen Schwarznasenschafe an den Berghängen.

(Foto: Temsch)

Das Beste: So stark die Hochtouren-Gefühle sein mögen, die bei einer Besteigung des Mettelhorns aufkommen - nach der Schwierigkeitsskala des Schweizer Alpen-Clubs ist es doch nur eine alpine Wanderung ohne Kletterei und mit wenigen heiklen Stellen. Allerdings führt der Weg etwa 300 Meter weit über teils aperen Gletscherfirn und dann im steilen Zickzack weiter.

Wer hinauf will, macht bei Hugo Biner Station und erkundigt sich bei ihm nach den Schneebedingungen. Manchmal rät er dann zu Steigeisen, und wenn es gar nicht geht, schlägt er Alternativrouten vor, etwa auf das Platthorn.

Biner ist ausgebildeter Bergführer - in der fünften Generation. Sein Vater war 120-mal auf dem Matterhorn, sein Großvater 350-mal, von dessen Vater und Großvater weiß man es nicht, weil es keine Aufzeichnungen darüber gibt, und Hugo Biner selbst stand 90-mal auf dem Gipfel des weltberühmten Schattenspenders. Biner ist der Falsche, wenn man das übliche Lamento über den Touristen-Ansturm auf das Matterhorn hören will.

"Gewisse Leute reden ständig schlecht über die Besteigung, das finde ich schade", sagt er. "Wenn man zur richtigen Zeit geht, sich einen Führer nimmt und sich gut darauf vorbereitet, ist das Matterhorn eine traumhaft schöne Tour." Die im Übrigen häufig ein, zwei Tage vorher am Mettelhorn beginnt. Das Bergführerbüro in Zermatt empfiehlt das Mettelhorn als Vorbereitung. An den 1800 Höhenmetern vom Dorf bis zum Gipfel können Matterhorn-Aspiranten ihre Ausdauer testen.

In der ersten Juliwoche kommen dieses Jahr auch ein paar technische Übungen dazu. Es hat Neuschnee gegeben, auf dem Gletscher und auf der Flanke des Mettelhorns liegt so viel Schnee, wie Biner hier in den vergangenen 20 Jahren nicht gesehen hat. Steigeisen, Eispickel und Seil hat er zur Sicherheit mit dabei. Und viel Wissen über die Vergangenheit der Trift.

Im Mittelalter war es ein fruchtbarer Ort. Schon damals grasten hier Schafe. Die Berge müssen von Gletschern frei gewesen sein. Biner erzählt von alten Aufzeichnungen, die beschreiben, wie die Menschen zur Abgabe ihrer Steuern ohne weitere Schwierigkeiten über die Pässe wanderten. Diese Vorfahren haben gleich neben der Trifthütte Ruinen hinterlassen. Und Schafe, die puscheligen Schwarznasenschafe, laufen hier im Sommer wie vor Hunderten Jahren immer noch frei herum.

Abends, wenn die Strahlen der untergehenden Sonne am Monte-Rosa-Massiv verglühen, das himalayaesk die Aussicht von Biners Terrasse beherrscht, trauen sich auch Dutzende Steinböcke und Gämsen heran. Biner heizt den Holzofen in der Stube ein und serviert ein dreigängiges Menü. An der Wand hängt ein 100 Jahre altes Gemälde, das Maria mit Jesuskind vor den Zermatter Bergen zeigt. Jesus trägt blonde Locken und verhärmte Gesichtszüge, ein Bauernbub stand für ihn Modell.

Sein Antlitz gibt viel von den Härten der natürlich gar nicht so guten alten Zeit preis. Die Gäste an den Tischen stammen aus den USA, aus Indien, Schweden, Portugal. Sie wollen aufs Zinalrothorn oder absteigen und anderntags aufs Breithorn. Aber wenn sie vom Mettelhorn hören, werden sie neugierig: "Mettel . . . what?"

Schweiz Matterhorn Mettelhorn

Vom Mettelhorn aus haben Bergsteiger den besten Blick auf das Matterhorn.

(Foto: SZ Grafik)

Informationen

Anreise: Mit der Bahn von München über Ulm, Schaffhausen, Zürich und Visp in knapp acht Stunden nach Zermatt, hin und zurück ohne Ermäßigungen ab ca. 330 Euro, www.db.de, www.sbb.ch, Wanderung zum Hotel du Trift ca. zwei Stunden, am nächsten Tag Aufstieg zum Mettelhorn ca. drei bis vier Stunden.

Unterkunft: Berggasthaus Trift, Familie Hugo und Fabienne Biner, 3920 Zermatt, Tel.: 0041/794 08 70 20, geöffnet 22. Juni bis 22. September, Zimmer mit Frühstück und Abendessen pro Person ca. 62 Euro, im Schlafsaal ca. 53 Euro, www.zermatt.net/trift

Weitere Auskünfte: Beratung durch Schweiz Tourismus, Tel.: 00800/10 02 00 30 (kostenlos), www.myswitzerland.com,

Höhenweg von Hütte zu Hütte um Zermatt: www.zermatt.net/hoehenweg

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