Der mysteriöse alte Herr

Um ihn herum mögen Badelatschen, krümelnde Snacks und Geplapper die Atmosphäre prägen - seine Eleganz bleibt unberührt. Der Grandseigneur des Hotels ist niemals ohne Einstecktuch im leichten Leinen-Sommeranzug zu sehen, trägt den zusammengerollten Kulturteil einer fremdsprachigen Zeitung unterm Arm und raucht unbeeindruckt seit geschätzt sieben Jahrzehnten dieselbe Marke Zigarillo. Ungefähr ebenso lange geht er wohl schon in diesem Hotel ein und aus. Das macht sein traumwandlerisch sicherer Gang durch das verwinkelte Gebäude ebenso klar wie seine Vertrautheit mit den älteren Angestellten. Was er sonst im Leben getrieben hat (und mit wem) ist eine Frage, die die Fantasie der anderen Gäste mehr beflügelt als jeder Schundroman im Gepäck. Wer großes Glück hat, ist zufällig im Foyer, wenn sich der Herr dort gedankenverloren am sonst vernachlässigten Klavier niederlässt - und ein Elphi-würdiges Konzert aus dem Ärmel schüttelt. Ganz piano natürlich, denn aufzufallen hat er wirklich nicht nötig.

Typischer Satz zum Personal: "Wie immer bitte, mein lieber Carlo."

Typischer Satz zu anderen Gästen: "Marilyn war ein so sensibler Mensch."

In einem unbeobachteten Moment auf dem Zimmer... Wenn wir das nur wüssten. Das Mysterium bleibt.

Bild: Illustration Jessy Asmus 17. August 2019, 08:572019-08-17 08:57:08 © SZ.de/dd/sks