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Tourismus in Spanien:"Thomas Cook hat uns alle betrogen"

Im Hotelverband von Mallorca macht sich nach anfänglicher Verwirrung nun Ärger breit. Die Vorsitzende Maria Frontera kritisierte vor allem die Informationspolitik des Konzerns: "In der Früh kam die Nachricht von der Pleite, kurze Zeit später standen schon die ersten Gäste von Thomas Cook an den Rezeptionen." Der Verband arbeitet nun mit zwei Anwaltskanzleien zusammen, die helfen sollen, das Buchungs- und Zahlungschaos zu klären. Joan Llull, Besitzer einer mallorquinischen Hotelkette, sagte der Lokalzeitung Ultima Hora, Thomas Cook sei bei ihm seit Juni in Zahlungsverzug gewesen. Es sollen sich 20 Millionen Euro Schulden angehäuft haben. "Wir waren zu dumm", sagt Llull, "Thomas Cook hat uns alle betrogen."

Nicht nur Hoteliers, auch Eventveranstalter, Radverleiher, Busunternehmer, Reinigungsfirmen, Importeure oder Großhändler von Speisen und Getränken haben unbezahlte Rechnungen. Bei einer Infoveranstaltung der Handelskammer in Palma kamen rund 70 betroffene Unternehmer zusammen. Die Geschädigten wollten wissen, was sie tun mussten, um an ihr Geld zu kommen. Am Ende bekamen sie zu hören: "Wahrscheinlich bleiben Sie auf Ihren Schulden sitzen."

Die Regionalregierung der Balearen hat nun ein Rettungspaket geschnürt. Unter anderem hat sie drei Millionen Euro aus Steuermitteln bereitgestellt, um Unternehmern zinslose Darlehen zu gewähren. Angestellte, die jetzt ohne Einkommen dastehen, sollen vier Monate lang 500 Euro Überbrückungshilfe erhalten. Monique Lagrange, die aus Furcht vor Nachteilen nicht mit richtigem Namen genannt werden will, ist eine davon. Sie arbeitete bis vor Kurzem bei einer Agentur von Thomas Cook in Palma. Die Nachricht, dass ihr Arbeitgeber pleite ist, habe sie am 23. September morgens um fünf Uhr erhalten, erzählt die 63-Jährige. Gerüchte gab es schon länger, schließlich hatten Lagrange und ihre 760 Kollegen bereits ihr Gehalt für September nicht mehr bekommen. Sie habe jetzt schlaflose Nächte, sagt Lagrange. Aber sie kommt weiterhin jeden Tag zur Arbeit, das habe der Konkursverwalter empfohlen. "Wir wollen unser Septembergehalt und eine Abfindung." 23 Jahre lang betreute die mehrsprachige Tourismuskauffrau Partnerunternehmen und Veranstalter. Seit fast einem Monat hat sie nun nichts mehr zu tun. Deshalb vertreibt sie sich die Zeit mit Kaffeetrinken und Kollegen-Plausch. Andere haben Karten mitgebracht oder spielen am Computer. Klingt schön, ist es aber nicht. "Die Nerven liegen bei uns blank."

35 000 Passagiere sind wegen der Thomas-Cook-Pleite allein im Oktober weggeblieben. Die Slots, also die von den Fluggesellschaften beim Flughafen gekauften Start- und Landezeiten, müssten schnellstmöglich anderweitig vergeben werden, forderte der balearische Verkehrsminister Marc Pons. Mittelfristig will Pons neue Flugrouten etablieren, auch, um weniger vom deutschen und britischen Markt abhängig zu sein. Die Hälfte aller Mallorca-Urlauber stammt bislang aus Deutschland oder Großbritannien. Im Gespräch sind Direktverbindungen mit Tel Aviv, Marrakesch, New York, Istanbul und Doha. Die Balearen wollen auch mehr Geld für Werbung ausgeben. Vergünstigte Flughafensteuern gehören ebenfalls zum Rettungsplan.

Für die Sprecherin der Naturschutzgruppe Gob geht das alles in die falsche Richtung - und gegen den Trend der Zeit. "Die Regierung müsste jetzt den Weg aus der Abhängigkeit von der Monokultur Tourismus ebnen", fordert Margalida Ramis. Sie solle neue Branchen fördern und endlich aktiv beginnen, die Gästezahlen zu minimieren. "Das ist die erste Krise und sicher nicht die letzte." Ramis fragt sich, warum die Balearenregierung Thomas Cook nicht verklagt. Und warum sie beschließt, Langstreckenflüge zu bewerben, die Flughafensteuer zu senken und mehr Tourismuswerbung zu machen - wenige Tage, nachdem die Umweltabteilung der Balearenregierung den Klimanotstand ausgerufen hat. "Gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch ist das kompletter Unsinn", sagt Margalida Ramis.

Wie es weitergeht? Zum ersten November machen viele Hotels saisonbedingt zu. Kellner, Verkäufer, Zimmermädchen freuen sich auf die kommenden Monate, in denen sie sich vom Stress des Sommers erholen können und vom Arbeitslosengeld leben werden. Wen man auch fragt: Die Hoffnung ist da, dass es danach wieder Arbeit gibt. Monica Julve, Rechtsberaterin des Hotelverbandes, hält das jedoch für illusorisch. Die Folgen seien jetzt noch nicht absehbar, sagt die Spezialistin für Handelsrecht, man könne mit einem Domino-Effekt rechnen. Offiziell hat Thomas Cook 150 Millionen Euro Schulden auf der Insel hinterlassen, doch Julve glaubt, dass der Betrag viel höher ist. Fünf Zulieferer stehen kurz vor der Insolvenz. "Und", so fürchtet Monica Julve, "es werden noch mehr werden."

© SZ vom 24.10.2019/ihe
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