Kolumne "Hin und weg":Sand im Getriebe? Von wegen

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Bald verbindet ein Radweg die Playa de Palma mit dem Flughafen. (Foto: Clara Margais/picture alliance/dpa)

Auf Mallorca wird ein Radweg vom Strand zum Flughafen gebaut. Denn dort hat man verstanden, was den Tourismus der Zukunft ausmacht.

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Radfahren auf Mallorca ist eine feine Sache. Speziell jetzt um diese Jahreszeit. Wenn es nördlich der Alpen noch winterlich ist, auf den Balearen jedoch bereits angenehme Temperaturen herrschen, kommen von überall her Sportler, um auf der Insel ihren Winterspeck wegzutrainieren. Selbst Profiteams sind dann auf Mallorca und hetzen durchs Tramuntana-Gebirge, um fit zu werden für die großen Frühjahrsklassiker wie Mailand-Sanremo.

Aber in Palma de Mallorca selbst, der Hauptstadt? Da kann man sich höchstens sogenannte Bier-Bikes vorstellen. Jene radelnden Theken, die von mindestens einem halben Dutzend Menschen per Pedalantrieb fortbewegt werden, die Hand fest am Glas. Durch die Kehlen rinnt wechselweise Bier nach unten und sprudeln die Refrains von Partykrachern wie "Trinken ist auch Sport" nach oben hinaus. Ums Lenken kümmert sich in der Regel niemand.

Das ist aber natürlich nur wieder eines dieser Ballermann-Klischees. Denn tatsächlich gibt es in Palma ein rund 100 Kilometer langes Radwegenetz - München hat da unwesentlich mehr zu bieten bei viermal so vielen Einwohnern. Und aktuell kommt eine weitere Strecke hinzu: Sie soll von März an den Stadtstrand Playa de Palma von Can Pastilla aus mit dem Flughafen verbinden.

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Schon klar, richtig nachhaltig werden An- und Abreise erst, wenn man von seinem Wohnort aus ans Mittelmeer radelt und dort ein Tretboot nimmt. Aber immerhin könnten auf Mallorca selbst etliche Taxifahrten und Bustransfers unterbleiben. Abgasbelastung und Verkehrschaos würden merklich gedrosselt, wenn Touristen den Weg zwischen Flughafen und Strand bald mit dem Fahrrad zurücklegen. Überdies ließe sich der eine oder andere Rausch oder Kater auf diese Weise noch aus dem Körper radeln, ehe es wieder nach Hause geht, was den Rückflug für alle Beteiligten angenehmer macht.

Wäre das nicht auch ein Vorbild für andere Städte? Zum Beispiel München: Das Bundesverkehrsministerium hat soeben erneut bekräftigt, dass der Franz-Josef-Strauß-Flughafen bis ans Ende aller Tage nicht ans Fernbahnnetz angebunden werden wird, also partout keinen ICE-Anschluss bekommt.

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Wie also hinkommen zum Münchner Flughafen? Da wäre die dauerverstopfte Autobahn - riskant. Oder die störungsanfällige S-Bahn - noch riskanter. Obendrein benötigt die so lange, dass man die Strecke in derselben Zeit auch mit dem Fahrrad schaffen könnte - gäbe es einen gut ausgebauten Radschnellweg von der Münchner Innenstadt hinaus ins Erdinger Moos. Man würde etwas für seine Fitness tun und sich obendrein wahlweise das teure Park- oder ÖPNV-Ticket sparen. Und die Problematik des Gepäcktransportes stellt sich in München auch nicht wirklich: Denn die Zahl der Haushalte in der Landeshauptstadt, die nicht über mindestens ein Cargobike verfügen, tendiert mittlerweile gegen null.

Touristen wiederum, die sich gerne in Radlrikschas durch den Englischen Garten fahren lassen, könnten gleich am Flughafen zusteigen. Amerikanische Urlauber, die besonders gerne an Gruppen-Radl-Sightseeing-Touren durch München teilnehmen, würden, wenn sie vom Gate weg starten, das Radfahren auf dem Weg in die Stadt immerhin so gut lernen, dass dort die Lebensgefahr für Passanten auf ein akzeptables Maß sänke.

Der heute kaum noch bekannte Münchner Autor Max Haushofer hat bereits 1899 in seinem Roman "Planetenfeuer" die Idee entwickelt, dass die Menschen einmal mit Tretmobilen reisen werden an übers ganze Land gespannten Seilen. Das wäre die konsequente Weiterentwicklung des Radwegs zu Palmas Flughafen, mit den Airports als den Knotenpunkten eines gesamtkontinentalen Verkehrsnetzes. Haushofers Roman spielt 1999, aus heutiger Sicht also schon wieder in der Vergangenheit. Aber welches Infrastrukturprojekt wird denn inzwischen noch rechtzeitig fertig?

Stefan Fischer ist kein Freund von Heldenverehrung. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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