Süddeutsche Zeitung

Malediven:Vertreibung aus dem Paradies

Die Folgen des Klimawandels bedrohen die Inselwelt der Malediven. Deren Präsident plant den Umzug und legt schon mal Geld beiseite - für den Kauf einer neuen Heimat.

Vielleicht hört die Welt ja den Weckruf. Er kommt von den Malediven, diesem Inselreich der Sehnsüchte im Indischen Ozean, dieser Idylle mit ihren betörend flachen, weißen Sandstränden.

Sie sind viel zu flach. Unter dem globalen Klimawandel steigt der Meeresspiegel, das Wasser frisst das Land weg. Ein Paradies versinkt.

Der erst kürzlich gewählte Präsident der Malediven, Mohamed Nasheed, hat der englischen Zeitung The Guardian gesagt, sein Land suche nach einer neuen Heimat. Der 41-Jährige plant dafür die Einrichtung eines Staatsfonds, den er mit Geld aus dem Tourismus nähren will. Künftigen Generationen solle der Fonds zur Lebensversicherung gereichen.

"Aus eigener Kraft können wir den Klimawandel nicht stoppen, und so bleibt uns nur, anderswo Land zu kaufen für den Fall, dass die schlimmste Prognose wahr wird." Der Präsident fügt hinzu: "Wir wollen die Malediven nicht verlassen, doch wir wollen auch nicht während Jahrzehnten als Klimaflüchtlinge in Zeltlagern leben."

Mit "wir" sind 360 000 Malediver gemeint, die allermeisten von ihnen Muslime. Früher arbeiteten sie als Fischer, heute vorwiegend als Angestellte in der Tourismusindustrie.

Sri Lanka und Indien wären günstig

Doch wohin sollen sie denn ziehen, die Malediver? Nasheed hat sich schon einmal kundig gemacht. In einer Ecke Sri Lankas oder Indiens sähe er sein kleines Volk recht gut aufgehoben. Mit den Nachbarn teile man viele kulturelle Eigenheiten, und auch einige kulinarische Vorlieben. Der Präsident dachte auch schon an Australien, weil es dort doch viel unbewohntes Land gebe, dafür aber weniger kulturelle Schnittstellen.

Noch bleibt etwas Zeit. Vielleicht besinnt sich ja die Welt, vielleicht löst die Erosion des Paradieses bei den großen Klimasündern ein heilsames Umdenken aus.

Im andern, wahrscheinlicheren Fall, so schätzen die Klimaexperten der Vereinten Nationen, könnte bis ins Jahr 2100 ein Großteil der 1200 Inseln des Archipels im Meer verschwinden. Drei Viertel des maledivischen Festlandes erheben sich weniger als einen Meter über den Meeresspiegel. Die höchste Stelle im gesamten Inselreich erreicht knapp zweieinhalb Meter. Die Malediven sind damit das flachste Land der Welt.

Eine Mauer der Verzweiflung um die Hauptstadt

Male, die Hauptstadt, in der sich auf zwei Quadratkilometern 100000 Menschen drängen, wurde vor einigen Jahren mit einer drei Meter hohen Mauer umgeben, um sie vor den Fluten zu schützen. Und vor dem durch die Erwärmung unvermeidlich steigenden Meeresspiegel. Es ist eine Mauer der schieren Verzweiflung.

Der neue Präsident weiß das. Nasheed ist zwar ein Mann mit schmalen Schultern, aber umso größerer persönlicher Ausstrahlung. Lange Zeit war er als politischer Gefangener einer der prominentesten Dissidenten, heute ist er die Hoffnung der Jungen und Demokraten, sie nennen ihn nur "Anni". Er ist der erste frei gewählte Staatschef der Malediven, Nachfolger eines Herrschers, der die Malediven 30 Jahre lang hart und eigensinnig regiert hatte.

Doch keine der umweltpolitischen Maßnahmen, die Nasheed einleiten könnte, um das Überleben des Inselstaates zu sichern, reicht aus. Die Malediven allein können den Klimawandel nicht bremsen. Noch mehr Energie aus Solartechnik? Noch mehr Strom von Windrädern? Es bringt nichts. Die Malediven verursachen nur 0,001 Prozent jener Treibhausgase, die die Erde so unheilvoll erwärmen.

Die Gefahr kommt von dort, von wo auch die meisten Touristen an die weißen Strände kommen.

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Quelle:
SZ vom 11.11.2008
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