Lutherweg:Stationen eines Störenfrieds

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Thüringen erhofft sich im Lutherjahr viele Besucher. Das Bundesland zeigt den Lebensweg des streitbaren und streitlustigen Reformators.

Von Franziska Brüning

Martin Luther und die Reformation. Grob wissen darüber wohl die meisten in Deutschland Bescheid. Zumindest, dass er die Bibel ins Deutsche übersetzte, mit der katholischen Kirche brach und die Menschen auf einen gnädigen Gott hoffen ließ. Die Lutherbibel haben sogar Katholiken im Regal stehen und Bach, der die allermeisten Lutherlieder vertont hat, hören selbst jene gerne, die überhaupt nicht an Gott glauben. Wenn es aber um mehr als diese Eckdaten geht, müssen viele passen.

So ist das Reformationsjubiläum 2017 für die Evangelische Kirche in Deutschland ein willkommener Anlass, die Menschen wieder für die Entstehung und die Geschichte des Protestantismus zu interessieren. Die bundesweit dafür vorgesehenen Veranstaltungen, Museumsangebote und entsprechend vorbereiteten Erinnerungsorte sind fast unüberschaubar.

Auch die Tourismusbranche in Thüringen hat sich eine Menge einfallen lassen, um mit dem Reformationsjubiläum für ihr Land zu werben. Tatsächlich liegen allein 1010 Kilometer des Lutherweges in Thüringen sowie viele der Orte, an denen Luther Kirchengeschichte geschrieben hat. Etwa Eisenach und die Wartburg, Weimar, Erfurt, Schmalkalden und Altenburg, Jena oder Saalfeld - die Liste der Lutherstätten in Thüringen ist lang. Neben Sachsen-Anhalt wurde Thüringen wohl am meisten von Martin Luther geprägt.

Vier Jahre lang studierte der 1483 geborene Reformator etwa in Erfurt. In Stotternheim bei Erfurt traf ihn am 2. Juli 1505 das berühmte Gewitter, das ihn dazu bewog, in den Orden der Augustiner-Eremiten in Erfurt einzutreten. Im Erfurter Dom St. Marien empfing er 1507 die Priesterweihe und hielt dort auch seine erste theologische Vorlesung. Bis 1517 war Luther dann in Gotha und Arnstadt im Dienst der katholisch-klösterlichen Ordnungspolitik unterwegs.

Im Jahr 1521 wurde über Luther im Wormser Edikt zunächst die Reichsacht verhängt, er galt als "vogelfrei". Um ihn zu schützen, ließ der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise Luther auf die Wartburg bei Eisenach entführen, wo er sich unter dem Namen "Junker Jörg" zehn Monate versteckt hielt und das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. In den folgenden Jahren predigte Luther mehrfach in Weimar und Jena; auch verfasste Luther, mittlerweile exkommuniziert, zu dieser Zeit die Schmalkaldischen Artikel, wichtige Bekenntnisschriften.

Ob es der Kirche auch gelingen wird, im Gedenkjahr wieder mehr Anhänger zu gewinnen?

An bedeutenden historischen Ereignissen auf thüringischem Boden mangelt es also nicht, um mit Luther für das Bundesland zu werben. Für die Mehrzahl der Thüringer hat der Reformator allerdings nur noch kommerzielle Bedeutung. So kann man dort beispielsweise wie zu Luthers Zeiten speisen und zahlreiche Luther-Souvenirs kaufen.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die 2009 aus der Vereinigung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen gebildet worden ist, zählt heute bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 4,3 Millionen (Statistik 2014) nur noch knapp 750 000 Kirchenmitglieder (Statistik 2015). Ob es der evangelischen Kirche gelingen wird, durch das Reformationsjubiläum wieder mehr Anhänger zu gewinnen, wird sich erst im Nachhinein zeigen. Derzeit wirkt es noch, als stünden Landschaftserlebnis, Kulturgeschichte und manchmal auch nur das schnöde Geschäft im Vordergrund.

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