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Lonely Planet digital:Die Welt im Rucksack

Als Reisebibel für Rucksacktouristen verbreiten sich die Lonely-Planet-Führer über den Globus. Nun sollen sie zum Hightech-Helfer werden.

Die Erfolgsgeschichte beginnt mit einer Hochzeitsreise. Anfang der siebziger Jahre durchquert das junge Ehepaar Maureen und Tony Wheeler von London aus ganz Asien auf dem Landweg und reist weiter bis nach Australien. Dort angekommen, werden die Wheelers von anderen Reisenden mit so vielen Fragen überhäuft, dass sie beschließen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Die Idee zu "Lonely Planet" ist geboren.

Maureen und Tony Wheeler berichten von günstigen Unterkünften, zuverlässigen Überlandbussen und ihrem Kontakt zu den Einheimischen. Später schreiben sie weitere Reiseführer zu Nepal und Trekking im Himalaja. Der Durchbruch gelingt im Jahr 1981, mit einem Buch über Indien, an dem bereits zehn Autoren beteiligt sind. Heute, 36 Jahre später, ist Lonely Planet eine Weltmarke.

Mehr als 500 Mitarbeiter arbeiten für den australischen Verlag mit Büros in Melbourne, Oakland und London. Knapp 300 Autoren reisen rund um die Welt. Die Reiseführer erscheinen in mehreren Sprachen, seit 2006 auch auf Deutsch. Ehrliche und zuverlässige Informationen, recherchiert von Autoren, die ihre Meinung nicht zurückhalten - so die Verlagsphilosophie.

Für viele Rucksackreisende und andere Individualtouristen mit kleinem Budget ist Lonely Planet so etwas wie die Reisebibel. Bis heute sind fast 270 Reiseführer erschienen; es gibt kaum einen Ort der Welt, der nicht darin beschrieben ist. Und in diesen Tagen hat das Geburtsland des Verlags wieder eine besondere Bedeutung. Lonely Planet hat gerade seinen einhundertmillionsten Reiseführer gedruckt. Es war ein Band über Australien, von dem mittlerweile die 15. Auflage in den Bücherregalen steht.

Dass Erfolg durchaus Schattenseiten hat, erlebten auch Maureen und Tony Wheeler. Im Frühjahr 2008 erklärte der Autor des Kolumbien-Führers, er habe das Buch an seinem Schreibtisch in San Francisco verfasst. "Sie haben mir einfach nicht genug gezahlt, um nach Kolumbien zu fahren", rechtfertigte er sich.

Einige Jahre zuvor forderte die tourismuskritische Organisation "Tourism Concern" aus England den Verlag auf, seinen Burma-Reiseführer vom Markt zu nehmen: Dieser ermuntere Touristen, das Land zu besuchen, obwohl der Tourismus die Militärjunta unterstütze. Nicht selten ist fraglich, wie lange ein schmuckes Hostel oder ein einsamer Strand der als solcher beschriebene Geheimtipp bleibt, wenn mit Lonely Planet ein Massentourismus der Rucksackreisenden beginnt.

Im Jahr 2007 übernahm BBC Worldwide, die kommerzielle Tochter des britischen Rundfunks, 75 Prozent der Verlagsanteile, trotz der Kritik, dass Reiseführer nicht zum Aufgabenbereich eines Senders gehören. Die Wirtschaftskrise habe derzeit "beträchtliche Auswirkungen" auf Lonely Planet, heißt es im aktuellen Jahresbericht von BBC Worldwide. Der Reiseführermarkt in den USA, Großbritannien und Australien ist um knapp 18 Prozent eingebrochen. Viele junge Rucksacktouristen suchen offenbar nach einem sicheren Job statt nach einer spannenden Reiseroute.

43 Millionen Britische Pfund betrug der Umsatz des Verlags, gerechnet vom Kaufdatum im Oktober 2007 bis März 2009. Gleichzeitig verbuchte Lonely Planet 9,6 Millionen Pfund Verlust. BBC Worldwide nennt als Gründe die Krise, ebenso wie Investitionen in den digitalen Fortschritt.

Das war das Ziel von Maureen und Tony Wheeler, als sie den Verlag verkauften: Lonely Planet soll gerüstet werden für die Zukunft. Die ersten Seiten tippten die Wheelers auf einer Schreibmaschine in ihrer Küche. Jetzt müssen sich die Macher von Lonely Planet digitalen Herausforderungen stellen.

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