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Zwischen Engadin und Bormio:Wo der wahre Don Camillo predigte

(c) APT Livigno

Rechts Berge, links Berge und Schnee im Überfluss: Livigno profitiert im Winter von seiner Lage auf über 1800 Metern Höhe.

(Foto: APT Livigno)

Livigno war einst ein bitterarmes Bergdorf und überlebte auch dank Schmuggel und einem streitbaren Pfarrer. Jetzt bereitet sich der Ort auf die Olympischen Winterspiele vor.

Von Johanna Pfund

Einmal Olympia, immer Olympia. Orte, in denen einmal Olympische Spiele ausgetragen wurden, profitieren oft noch Jahrzehnte danach von diesem Großereignis, es macht eine Gegend weithin bekannt. Kein Wunder, dass Livigno in der norditalienischen Provinz Sondrio hohe Erwartungen an den Winter 2026 knüpft: Dann werden hier die Snowboard- und Freestyle-Wettkämpfe der Winterspiele Mailand-Cortina d'Ampezzo ausgetragen.

Zugleich sehen die Livignaschi dem Ereignis mit Respekt entgegen: "St. Moritz ist mit den Olympischen Spielen bekannt geworden, und wir werden sicher auch davon profitieren", sagt Epi Bormolini, Bergführer, Langlauflehrer und Chef des örtlichen Schneedepots für die Loipen. "Aber das Ganze muss gut organisiert werden."

Wer sich Livigno ansieht, hat wenig Zweifel daran, dass die Bewohner das mit dem Organisieren hinbekommen werden. Denn sie sind es seit Jahrhunderten gewohnt, sich Lösungen auszudenken. Bis in die Fünfzigerjahre war das auf mehr als 1800 Metern Höhe gelegene, rundum von Dreitausendern begrenzte Tal im Winter monatelang von der Außenwelt abgeschnitten, über die verschneiten Pässe gelangte man nur zu Fuß oder mit dem Pferd.

Erst seit 1951 wird die Passstraße nach Bormio im Winter durchgehend geräumt; eine zweite Verbindung entstand 1969, als mit dem Bau des Stausees auch der Munt-la-Schera-Tunnel ins Engadin gebohrt wurde, der seitdem von Westen her ebenfalls ganzjährig die Anreise ermöglicht. Der Weg für die Entwicklung zum Tourismusort war geebnet, man könnte sagen, freigeräumt. Denn die Höhenlage garantiert Skifahrern Schneesicherheit - und Livigno erfand sich als Wintersportort.

Seit einigen Jahren bietet Livigno dank Epi Bormolinis Schneedepot Langläufern und Biathleten im Herbst alpenweit eine der ersten Trainingsmöglichkeiten der Saison; Italiens Star-Biathletin Dorothea Wierer ist Botschafterin des Ortes - auch wenn man mit den Mountainbikern mittlerweile auch Gäste für die Sommermonate entdeckt hat.

Auf 6700 Einwohner kommen 13 000 Gästebetten. Zudem macht sowohl das Shoppen, erst recht aber das Tanken hier richtig Freude: Livigno ist seit Jahrhunderten Zollfreigebiet. Eine kleine Wiedergutmachung für das entbehrungsreiche Leben, das die Talbewohner früher führten.

Im Winter war der Ort oft monatelang von der Außenwelt abgeschnitten

"Wir hatten nichts", erzählt die 83-jährige Cristina, die wie so viele im Ort den Nachnamen Bormolini trägt. Die Landwirtschaft, die Wolle der Schafe oder der Holzverkauf warfen nicht allzu viel ab. Zehn Kinder waren es in ihrer Familie, zu essen gab es Polenta, Milch, Käse, dann wieder Polenta, Milch, Käse. Mit 16 ist sie hinaus in die Schweiz zum Arbeiten gezogen, wie die allermeisten jungen Livignaschi.

Auch Vito, ebenfalls ein Bormolini, ging schon mit zwölf Jahren als Hüterbub in die benachbarte Bernina in der Schweiz. Mit 17 kam er ans Lyzeum in Zernez - als Hausmeister. Später kehrte er zurück, um hier seinen eigenen Betrieb aufzubauen. Im Keller hütet er noch die Wollkämmmaschine, die einst sein Großvater nach Livigno hatte bringen lassen und mit der die Schafwolle für den Verkauf vorbereitet wurde.

Diejenigen Dorfbewohner, die blieben, suchten ihr Einkommen auch auf illegale Weise aufzubessern, Schmuggeln war so eine Art Volkssport der jungen Männer. "Kaffee und Zigaretten waren bei uns um die Hälfte billiger", erzählt Epi Bormolini, der sich als junger Mann mit den nächtlichen Transportgängen hinüber nach Bormio das nötige Zubrot fürs Ausgehen oder das eigene Auto verdiente. Es machte auch Spaß, mit den Freunden nachts das zu machen, was man sowieso gerne tat, Bergsteigen nämlich.

Der örtliche Kaufmann lieferte das Material, die Burschen trugen es bei Dunkelheit in Segeltuch eingeschlagen über den Eira- und Foscagno-Pass. Nur die Eltern, erzählt Epi, machten Schwierigkeiten. Wie auch sollte man erklären, weshalb die Schuhe beim angeblichen Barbesuch so schmutzig geworden waren?

Rechtliche Hilfe bekamen die jungen Schmuggler jahrelang ausgerechnet von kirchlicher Seite. Denn in Trepalle, dem schon auf etwa 2000 Metern am Eira-Pass gelegenen Ortsteil von Livigno, war ein findiger Pfarrer im Amt, Don Alessandro Parenti. Dieser leitete 41 Jahre lang, bis 1980, die Geschicke dieser höchstgelegenen Pfarrei Europas - auf seine ganz persönliche Art und Weise.

Wie könne er als Pfarrer den Schmuggel verurteilen, fragte Don Parenti

Don Parenti, so erzählt es Cristina, hatte eine juristische Ausbildung und verteidigte gefasste Schmuggler vor Gericht. Sein Argument: Die Dorfbewohner seien so arm, dass sie auf das Schmuggeln aus Überlebensgründen nicht verzichten könnten. Und außerdem seien die Grenzen menschengemacht, nicht von Gott gegeben, also könne er als Pfarrer den Schmuggel nicht verurteilen.

Dabei überließ Don Parenti oder Don Sandro, wie er genannt wurde, nicht vieles dem lieben Gott. Im Museum von Livigno, dem "Mus!", steht noch die Zapfsäule der Tankstelle, die der Priester kurz nach seiner Ankunft direkt an der Passstraße installierte. Mit dem Verdienst aus dem Spirtverkauf finanzierte er Wasser und Licht für das abgelegene Dorf. Die Kinder schickte er in die Schule - sprich, er unterrichtete sie selbst.

Hinunter in die Ebene wollte er sich später nicht mehr versetzen lassen, erzählt Cristina. Lieber ein Hahn in Trepalle als ein Huhn in Mailand, so sein Spruch. In der Kirche von Trepalle erinnert eine Tafel an diesen durchsetzungsfreudigen Priester, mit dem vieldeutigen Nebensatz, dass er auch schroff sein konnte.

Don Camillo war streitbar. Aber sein Vorbild in den Bergen von Livigno war noch streitbarer

Man denkt an Don Camillo und liegt damit richtig. Denn der Autor der Geschichten über den streitbaren Priester und seinen nicht minder streitfreudigen Widerpart Peppone, der Schriftsteller Giovannino Guareschi, verbrachte einige Sommer in Trepalle und hatte dort Don Parenti kennengelernt. Offensichtlich hatte dies eine sehr inspirierende Wirkung. Und wer sich in Livigno etwas über Don Parenti erzählen lässt, ist sich bald nicht mehr sicher, ob nicht das Vorbild sein filmisches Alter Ego übertroffen hat. Die Tankstelle gibt es heute noch, an der Straße zwischen Passo d'Eira und Passo di Foscagno, und sie ist immer noch Eigentum der Pfarrei.

Die Olympia-Zuschauer werden an dieser Tankstelle aber nicht halten können. Da weder Passstraßen noch Tunnel dem Ansturm gewachsen wären, werden die Zuschauer ihre Autos weit vor Livigno parken müssen, sagt Martina Bormolini, die im Tourismusbüro für das Marketing zuständig ist. Beispielsweise von Bormio aus sollen Shuttlebusse die Zuschauer mit Ticket hinauf in das Hochtal bringen. Für all diejenigen, die in Organisation und Wettbewerb eingebunden sind, will Livigno drei Parkgaragen schaffen, die in die Hänge hineingebaut werden und somit kaum zusätzlichen Platz beanspruchen.

Einen Bedarf von 1500 bis 2000 Parkplätzen haben sie im Sommer bereits ermittelt, als sie mit Drohnen die parkenden Autos zählten. Mit den Parkgaragen schafft Livigno einen Mehrwert über 2026 hinaus: Der Ort soll weitgehend autofrei werden.

Davon abgesehen wollen die Livignaschi die Baumaßnahmen für die Spiele begrenzen. "Wir werden kein olympisches Dorf bauen", berichtet Martina Bormolini. Geplant ist stattdessen, Athleten und Entourage in den vorhandenen Hotels unterzubringen. Das ist ein Plan, der skeptischen, alteingesessenen Dorfbewohnern wie Cristina Bormolini entgegenkommt. Cristina findet die Spiele "troppo grandi", zu groß.

Zwar begrüßt sie den Umstand, dass es für die jungen Leute Arbeit und ein besseres, leichteres Leben gibt. Aber die bauliche Entwicklung, die gefällt ihr nicht. "Gut ist, dass jetzt wieder mit Holz gebaut wird", meint sie. Aber so hohe Häuser? Ihrer Ansicht nach wäre es an der Zeit, die Entwicklung zu mäßigen. "Es liegt in den Händen der Jungen, das Richtige zu tun."

Sie werden es versuchen. "Die Olympischen Spiele sollen sich an den Ort anpassen, nicht umgekehrt", betont Tourismusmanagerin Martina Bormolini. Und damit Livigno nicht vergisst, was es einmal war, lehrt Cristina im Museum, wie man früher Wolle spann. Und erzählt nebenbei der Tourismusmanagerin, dass deren eigener Großvater einst die ersten Skiwettkämpfe nach Livigno holte.

Mehr Informationen unter livigno.eu

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© SZ vom 04.02.2021
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