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Reisebuch "Fünf Landgänge":Lob der Provinz

Je unauffälliger eine Gegend, desto mehr könne sie ihr abgewinnen, schreibt Marion Poschmann im Buch "Fünf Landgänge", in dem noch vier weitere Schriftsteller und Autoren ihre Sicht auf das Oldenburger Land schildern.

Fünf Schriftsteller stromern durch das Oldenburger Land. Sie entdecken eine Region, die auf den zweiten Blick ihren Charme offenbart.

Rezension von Stefan Fischer

Größer könnte der Kontrast kaum sein: Unmittelbar nachdem der Schriftsteller Matthias Politycki eine Woche lang durch das Oldenburger Land gestromert war, ist er nach Japan geflogen und hat seine Tage in der Millionenstadt Osaka verbracht. Dort, aus der Ferne, hat er dann seinen Text "Wo ist überhaupt noch Provinz?" geschrieben, er versammelt darin Beobachtungen aus dem Oldenburger Land, von Osaka aus betrachtet.

Politycki liebt Osaka, so schreibt er, auch wenn die Stadt "in mancherlei Hinsicht provinzieller ist als das Oldenburger Land". Das ist seine These: Provinzialismus habe sich gelöst von der Provinz, man finde ihn durchaus zuhauf auch in den Metropolen - in der Alltäglichkeit der dortigen Verrichtungen, in einer gewissen Engstirnigkeit, in der Eintönigkeit des Megalomanen. Wiederum gingen der "Regionalismus einer Provinz - der ja noch längst kein Provinzialismus ist - mitunter bestens Hand in Hand" mit der Globalisierung, so Politycki.

Der 66-jährige Schriftsteller, geboren in Karlsruhe und aufgewachsen in München, also am anderen Ende der Republik, war 2015 der erste Stipendiat des Projekts Literarischer Landgang, der für eine Herbstwoche das Oldenburger Land bereist hat. Jenen Landstrich im Nordwesten Deutschlands, zwischen Ostfriesland im Westen und der Weser im Osten - das Hinterland des Jadebusens. Auch eine Insel, Wangerooge, gehört dazu.

Etwas erkennen, wo auf den ersten Blick wenig zu sehen ist

Der größte Kontrast zwischen der japanischen und der deutschen Gesellschaft offenbart sich für Politycki im Hang zum Individualismus, der in Japan kaum und in Deutschland stark ausgeprägt ist, was die Deutschen zum Für-sich-sein-Können befähige. Darum kreisen im Grunde alle fünf Texte in dem von Monika Eden herausgegebenen Band "Fünf Landgänge". Eden leitet das Stipendiatenprojekt, auf Politycki folgten Marion Poschmann, Michael Kumpfmüller, Mirko Bonné und Judith Hermann.

Sie alle hatten die Aufgabe, ganz auf sich gestellt während ihrer Landgänge - übrigens ein schöne Bezeichnung für diese gemächlichen Erkundungen -, den Städten und Dörfern, dem flachen Land dazwischen, dem Küstenstreifen und womöglich auch der Insel Geschichten abzugewinnen. Etwas zu erkennen, wo es auf den ersten Blick wenig zu sehen gibt, wenig Spektakuläres jedenfalls.

Für Marion Poschmann ist dies eine extrem reizvolle Aufgabe. Sie bezeichnet sich als "Spezialistin für fade Orte". Wobei fad bei ihr nicht negativ gemeint ist, sondern im Sinne von: gewöhnlich, ereignislos. "Je unauffälliger eine Gegend ist", so Poschmann, "desto mehr kann ich ihr abgewinnen, denn bei der Landschaftsbetrachtung ist entscheidend, dass nicht zu viele Reize auf einmal vorhanden sind." Eine Auseinandersetzung mit einer eher reduzierten Region führe zu einer Verfeinerung der Wahrnehmung.

Es gilt, ein Gespür für den Lebensrhythmus der Bewohner zu entwickeln

Es sind bei ihr wie bei den anderen Autorinnen und Autoren kleine Beobachtungen, feinsinnige Wahrnehmungen, die sich allerdings weder in den einzelnen Texten und schon gar nicht in der gesamten Anthologie zu so etwas wie einem Gesamtbild fügen. Es handelt sich um literarische Texte, im Falle Michael Kumpfmüllers sogar um einen fiktionalen. In ihnen allen geht es darum, einen Platz in einer Landschaft zu finden, in die man nicht augenblicklich schockverliebt ist. Darum, ein Gespür für das Tempo und den Lebensrhythmus der Bewohner zu entwickeln, die Schönheit im Unscheinbaren zu erkennen. Kumpfmüllers Figuren gelingt dies bei ausgedehnten Spaziergängen, sie nehmen die Stimmung auf aus dem Hit "Delmenhorst" der Band Element of Crime, in dem es heißt: "Ich bin jetzt da, wo ich mich haben will." Und weiter: "Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß."

Am konkretesten in ihren Schilderungen sind Mirko Bonné und Judith Hermann. Bonné zieht kreuz und quer durchs Oldenburger Land, er ist der Ruheloseste aus dem Quintett, seine Schilderungen sind sehr unmittelbar. Ein Neugieriger unterwegs im Neuland. Judith Hermann indessen ist die einzige Autorin, die vertraut ist mit der Region. Ihr Ururgroßvater war Leuchtturmwächter auf Wangerooge, vis-à-vis an der Küste steht ein Haus, das der Familie gehört. Es gibt zum einen Kindheitserinnerungen, zum anderen verschiebt sich Hermanns Berliner Leben immer mehr hierher. Sie besichtigt einen Schweineschlachtbetrieb in Cloppenburg, schließlich sei hier "Schweineschlachtland". An der Küste probiert sie Queller, denn die Alge schmeckt wie nichts sonst nach der Heimat ihrer Vorfahren. Vielleicht wird es eines Tages auch ihre. Die übrigen vier Autoren haben, jede und jeder auf eigene Weise, Entdeckungen gemacht abseits sattsam bekannter Reiseziele.

Monika Eden (Hrsg.): Fünf Landgänge. Von Matthias Politycki, Marion Poschmann, Michael Kumpfmüller, Mirko Bonné und Judith Hermann. Wallstein-Verlag, Göttingen 2021. 172 Seiten, 16 Euro.

© SZ
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