Süddeutsche Zeitung

Liebeserklärung:Weiße Welt

Im November steigt die Vorfreude: Barbara Schaefer liebt den Winter und reist ihm leidenschaftlich entgegen. Sie kann nicht ohne Schnee sein und nicht ohne Menschen, die in der Kälte ausharren.

Was muss das bis weit in den November hinein für ein schrecklicher Herbst gewesen sein für Barbara Schaefer: der viele Sonnenschein, die lauen Temperaturen. Und nicht im Ansatz ein Anzeichen dafür, dass es absehbar - und der Jahreszeit durchaus angemessen - doch irgendwann einmal wenigstens in Spurenelementen winterlich werden könnte. Keine noch so klitzekleine Kaltfront ist heraufgezogen, von Schnee ohnehin nicht zu reden. Dabei gibt es für Schaefer kaum etwas Schöneres als eben den Winter.

Wenn andere von November an nach Südafrika, Thailand oder in die Karibik fliegen oder wenigstens auf die Kanarischen Inseln, um noch mehr Sonne und Sommer abzubekommen, macht die Autorin sich in die umgekehrte Richtung auf den Weg: nach Grönland, Spitzbergen, in den Norden Kanadas oder Skandinaviens.

Wenn Barbara Schaefer reist, flieht sie niemals vor dem Schnee, sondern in ihn. Der November ist für sie der "Vorfreudemonat" - nur gehört in diesem Jahr eben mehr Fantasie als sonst dazu, sich den Winter auszumalen; zu theoretisch war sein Nahen diesmal lange Zeit.

Schaefers Buch "Winter" ist eine Liebeserklärung, so besagt es schon der Untertitel. Es ist eine alte Liebe, gewachsen seit den Kindertagen auf der Schwäbischen Alb. Wer hat das als Kind nicht auch wie Barbara Schaefer gemacht: Die dünne Eisschicht auf einer Pfütze mit dem Stiefel so lange zu traktieren, bis das Eis mit einem Knacken bricht. Für Schaefer ist das bis heute ein besonders verführerisches Geräusch, ganz so, schreibt sie, als durchstoße man die karamellisierte Zuckerschicht einer Crème brûlée. Die Winter ermöglichen ihr ein sinnliches Erleben, welches die übrigen Jahreszeiten ihr nicht bieten: "Reisen in extreme Gegenden, unter extremen Bedingungen, lassen einen das Leben in einer Intensität spüren, die verlockend sein und süchtig machen kann." Als junge Frau hat Schaefer einen Winter in Tassilaq verbracht, an der grönländischen Ostküste. Es wäre die Gelegenheit gewesen, mit der Liebe zum Winter zu brechen. Doch diese Monate haben die Bande endgültig festgezurrt.

Nun ist Barbara Schaefer keine Abenteuerin, die große Risiken bewusst in Kauf nimmt. Aber sie setzt sich dem Winter und damit der Kälte, dem Wind und einer nicht mehr zivilisierten Natur mutig aus. Manche ihrer Touren bergen durchaus ein gewisses Gefahrenpotenzial, das räumt Schaefer ein. Eine winterliche Durchquerung der Hardangervidda in Norwegen bezeichnet sie als eine "unglaubliche Schinderei" - aber "Glück ist es auch". Und eine Schneeschuhtour lief nicht ab wie geplant. Letztlich, resümiert sie lapidar, war es auf der schwedischen Hochebene aber eben doch "nur kalt und windig". Es hätte also weitaus schlimmer kommen können.

Mit den Kapiteln wechselt das Buch allmählich seinen Charakter. Anfangs geht es strikt nordwärts. Aber auch da schon dreht sich nie bloß alles um die vielen Reiseerinnerungen Schaefers, um ihre Wahrnehmungen also. Sondern immer auch um die Reiseziele selbst und um die Gesellschaften, die dort dauerhaft leben. In Tromsø widerlegen ihr die Bewohner der Stadt das Klischee, die Polarnacht in Norwegens Norden würde depressiv machen. Wiederholt kommt sie auf die Pioniere der Polar-Expeditionszeit zu sprechen, vor allem auf Fridtjof Nansen und dessen Eintreten für die Belange der Inuit. Und vor sowie während einer Reise an den Baikalsee betreibt Schaefer etwas überraschend Armchair-Travelling: Da liest sie querbeet in der russischen Literatur Beschreibungen des Winters und übler Schneestürme. Aber eben nicht als Ersatz für eigenes Erleben, vielmehr als Einstimmung.

Und je tiefer man eindringt in diese nicht nur erlebte, sondern auch erlesene und gründlich recherchierte Winterwelt, desto mehr treten die Reisen der Autorin in den Hintergrund. Immer stärker geht es um die Frage, was Winter bedeutet, zum einen in den polnahen Regionen, aber auch in Mitteleuropa, in dessen Städten und Gebirgen. Dort also, wo er längst beherrschbar ist oder zumindest scheint. Wo er oft nur noch ein blasser Abglanz seiner selbst ist. Wer in ihrer Wahlheimat Berlin nach dem Winter suche, schreibt Barbara Schaefer, gehe am besten in die Gemäldegalerie, wo einige wichtige holländische Werke ausgestellt sind, die städtische Winterszenerien zeigen. Wobei sie einen Bedeutungswandel feststellt bei der Darstellung des Winters in der Malerei. Die frühen Werke der Holländer und Flamen zeigen "viel Winterfreude im Schnee und auf dem Eis", in späteren Gemälde stehe der Winter vor allem für Alter, Tod, das Ende.

Der Winter bloß noch als Allegorie, weil er im Alltag kaum noch eine Rolle spielt für die Menschen in Mitteleuropa.

Trubel und im Zweifel eher Regen als Schnee charakterisieren in den durch ihren hohen Energieverbrauch aufgeheizten Großstädten die Wintermonate. In den Bergen indessen ist der Winter inzwischen vielerorts menschengemacht und mithin inszeniert. Es sind zwei vollkommen andere Konzepte von Winter als dasjenige, für das Schaefer eine tiefe Leidenschaft empfindet. "Die Welt ist durchentdeckt. Aber umso reizvoller sind Gegenden, die nicht auf der Liste jener ,places to see before you die' stehen. Ich will zu Orten, die auf überhaupt keiner Liste stehen. Und am liebsten ist es mir, wenn es dort kalt ist und ich im Winter hinfahren kann. Meistens ist da nämlich noch weniger los." Das Villgratental in Osttirol ist für Barbara Schaefer einer dieser Orte, die Bewohner haben sich gegen die Erschließung durch Skilifte entschieden. Schaefer kontrastiert dieses Tal mit Pitz- und Ötztal im Westen Tirols und macht an der Differenz zwischen sanftem Urlaub und Pistenrummel deutlich, dass es einen feinen, aber doch wesentlichen Unterschied gibt zwischen dem Winter als Reisegrund und als Tourismusfaktor.

Es ist der Unterschied, sich entweder den Gegebenheiten auszusetzen oder sie sich untertan zu machen.

Barbara Schaefer gehört einer Minderheit an, ganz allein steht sie nicht. Auf der Reise an den zugefrorenen Baikalsee stöbert ein Russe aus Sibirien sie in der Transsibirischen Eisenbahn auf. Er hatte gehört, dass eine Deutsche an Bord sei. Und winkt ihr mit einem touristischen Prospekt aus Deutschland zu - er will von ihr wissen, wo genau dieser darin beworbene Bayerische Wald sei. Denn dort wolle er unbedingt einmal hin. Es müsse dort, habe er gehört, winters besonders viel Schnee geben und ein traumhaftes Gebiet sein zum Langlaufen. Da ist er wieder, der Reiz des Fremden, Außergewöhnlichen.

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Quelle:
SZ vom 27.11.2018
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