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Lido:Spritz im Sandkasten

Bibione ist einer der klassischen Badeorte für die Massen an der Adria. Jetzt bringt ein neues Resort frischen Wind in die Siebzigerjahre-Nostalgie.

Bibione, ein Samstagnachmittag Ende Mai, eine Stunde vor dem offiziellen Beginn des Check-ins. Vor dem Lino delle Fate geht es zu wie in einem Bienenstock. Ankommende Urlauber belagern die Rezeption des "Eco Village Resorts" und reden lautstark durcheinander, Trolleys rattern über den Kiesboden, Golfcarts surren zwischen dem Parkplatz und den Bungalows hin und her. Ein Stromausfall hat kurz zuvor die codierten Schlüsselkarten lahmgelegt, und obwohl diese Panne zu Verwirrung und Wartezeiten am Willkommensschalter führt - und das am Eröffnungstag - reagieren die Mitarbeiter professionell und freundlich auf den Massenansturm der Gäste. Auf ein paar Minuten Verzögerung kommt es ja nun auch nicht mehr an. Schließlich hat es lange genug gedauert, bis die Betreiber ihre Ferienanlage aufsperren konnten: 40 Jahre, genau gesagt.

So lange ist das 25 Hektar große Grundstück, auf dem das Lino delle Fate errichtet wurde, schon im Besitz der Familie Basso. Deren Unternehmen Europa Tourist Group verwaltet zehn Hotels und 3500 Ferienwohnungen in Bibione und Lignano und ist damit eine mächtige Größe in der Region. Von den sechs Millionen Übernachtungen, die Bibione jährlich zählt, gehen 1,3 Millionen auf ihr Konto. Trotzdem spricht Resort-Direktorin Giuliana Basso, die außerdem Präsidentin des Tourismusverbandes ist, beim Lino delle Fate von einer "besonderen Herausforderung". Zum einen wegen der Lage des Resorts ganz am östlichen Rand von Bibione, umgeben von Wäldern und Wiesen, einem als Biodiversitätspark ausgewiesenen Naturschutzgebiet, die strenge Auflagen bei Bau und Betrieb der Ferienanlage nach sich zog. Zum anderen wegen ihrer Größe: 61 Bungalows sind rund um ein zentrales Gebäude gruppiert, das sogenannte Klubhaus. In ihm befinden sich Rezeption, Restaurant und Bar sowie ein Hotel mit 26 Zimmern und Suiten. Insgesamt gibt es 316 Wohneinheiten, die Platz für bis zu 1600 Gäste bieten - nur tausend Menschen weniger, als ganz Bibione Einwohner hat. Bei solchen Ausmaßen fragt man sich natürlich, wie öko so ein "Öko-Dorf" überhaupt sein kann. Jedenfalls fällt es weniger in die Kategorie Landlust-Beschaulichkeit, sondern muss an den Maßstäben eines Massenbetriebes der Tourismusindustrie gemessen werden. Bibione ist eines ihrer traditionellen Gewerbegebiete an der Oberen Adria.

Lino delle Fate

In Reih und Glied stehen die Schirme auch am Strandabschnitt des Lino delle Fate, aber sie sind aus natürlichem Material.

(Foto: I.T.I. S.p.A.)

Die Halbinsel im Herrschaftsbereich Venedigs war einst eine malariaverseuchte Sumpflandschaft, durch die der Fluss Tagliamento ins Meer mäanderte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Bibione trockengelegt. Von den Fünfzigerjahren an entwickelte es sich zu einem der wichtigsten Erfüllungsorte der deutschen Italiensehnsucht. Sein größter Vorzug ist der acht Kilometer lange Sandstrand mit den in Reih und Glied stehenden Ombrelloni. Eine Garnitur mit Liege und Liegestuhl in der ersten Reihe des Lido dei Pini kostet in diesem Sommer 20 Euro pro Tag, reserviert wird im Internet.

Das unbeschwerte Ferienleben zwischen dem seichten Meer und den lärmenden Spielhallen am Corso del Sole sind als Kindheitserinnerungen süß wie Aranciata im Bewusstsein vieler verankert, die nun selbst Kinder haben und ihnen am Lungomare ein Sandeimerchen hinterhertragen. Diese Rückblick-Reisenden stellen fest: Die Spielhallen verzaubern Kinder immer noch, das Eis im Cono schmeckt so gut wie damals, aber bei vielen der Hotels und Apartmentanlagen Bibiones kippt die Siebzigerjahre-Nostalgie ins Altbackene. Die vorherrschende Betonschrabbeligkeit wird durch die vielen Tante-Emma-Läden, die mit ihren Schildern auf Deutsch für "Wurst- und Backwaren" werben, nicht einladender. Umso gegenwärtiger wirkt das Lino delle Fate als Schauplatz einer zeitgemäßen Version des klassischen Badeurlaubs - im Erscheinungsbild wie in seiner programmatischen Ausrichtung.

Lino delle Fate

Grüner Touch: Die Bungalows wurden komplett aus Holz und auf Stelzen errichtet, damit das Regenwasser im Boden versickern kann.

(Foto: I.T.I. S.p.A.)

Ein frischer Wind weht im neuen Resort im Wortsinn und bauscht die weißen Vorhänge der Tagesbetten auf, die rings um die lagunengrün gekachelten Pools stehen. Es dominieren natürliche, helle, wie von der Sonne und dem Salzwasser ausgewaschene Holztöne und dezente Wasserfarben. Es ist der minimalistische maritime Stil, den Urlauber heutzutage in allen strandnahen Feriendomizilen und Restaurants finden, die in Veranstalterkatalogen und auf Instagram gut aussehen wollen, sei es in Skandinavien, an bayerischen Seen oder eben der Adria. Hier ist das gesamte Ambiente so hell und freundlich, so ganz und gar nicht auf Schmutzresistenz ausgelegt, dass man sich bei dem hohen Gästedurchlauf fragt, wie lange noch. Selbst im Sandkasten dient ein weißes Loungemöbel als Sitzgelegenheit für Eltern, die während des Spritz-Trinkens auf ihre Kleinen aufpassen. "CO₂ no thanks" prangt als Slogan auf der Kinderrutsche in Baumstamm-Optik, und dieses weithin sichtbare Bekenntnis zum Umweltschutz ist im Lino delle Fate tatsächlich auch - so gut es in einem derart großen Betrieb geht - umgesetzt worden.

Die Häuschen sind erhöht, die Wege nicht asphaltiert, damit Regenwasser versickern kann

Das weitläufige Resort liegt 400 Meter Luftlinie vom Strand entfernt. Ein Kiesweg führt über Wiesen dorthin. Die Ferienanlage ist autofrei, die Familienkutschen werden in der Garage unterm Poolbereich verstaut. Die Bungalows mit Schlafräumen und Wohnzimmer, Küche und ebenfalls vorhangverhangener Terrasse wurden komplett aus Holz errichtet, innen aus Fichte und Bambus, außen aus verwitternder Lärche. Die Häuschen wurden 40 Zentimeter hoch aufgeständert, damit das Regenwasser unter ihnen versickern kann. Aus dem gleichen Grund gibt es nur Sand- und Kieswege im Resort, die Flächen sind nicht mit Asphalt versiegelt. Überall stehen Holzboxen zur Mülltrennung. Die Toiletten werden mit aufgefangenem Regenwasser gespült, die Pools aus einer eigenen geothermischen Quelle gespeist.

Solarpaneele habe man nicht montieren können, so Senior-Chef Vanni Basso, weil ihre Reflexionen die Vögel gestört hätten, die im Naturschutzgebiet nebenan leben. Deshalb gibt es auch keine laute Musik am Pool oder zur Animation der Gäste. Diese, insbesondere die Kinder, sollen stattdessen auf geführten Exkursionen in den Biodiversitätspark die Tiere und Pflanzen des Hinterlands kennenlernen. Dazu gehören die unüberhörbaren Frösche sowie zahlreiche Vogelarten, etwa Kormorane, Nachtigallen, Bussarde oder Wiedehopfe. Auch Rehe und Damhirsche sind hier heimisch. Die Flora ist dank des Zusammenspiels von Süß- und Salzwasser, von Tagliamento und Meer eine eigentümliche Mischung aus alpinen und mediterranen Gewächsen, darunter Pinienhaine, wilde Orchideen, Enzian und das weiche, sich im Wind wiegende Federgras, nach dem das Lino delle Fate benannt wurde.

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

"Alles soll ruhig und lehrreich sein", sagt Vanni Basso, der das Familienunternehmen 1972 zusammen mit seinem Bruder Franco gründete und groß machte. Zunächst vermittelten sie Ferienwohnungen, später bauten sie selbst welche, schließlich auch Hotels. "Die Ansprüche der Gäste haben sich verändert", sagt Vanni Basso, "früher zählte nur die Masse der Touristen, heute geht es um mehr Nachhaltigkeit." Das betrifft nicht nur das neue Resort, sondern ganz Bibione.

Zwei Drittel der Halbinsel sind noch grün, das Lino delle Fate sei auf dem letzten noch bebaubaren freien Grundstück entstanden, sagt Vanni Basso. Sein nächstes Resort wird er deshalb auf dem Tagliamento eröffnen - ein Ensemble von Hausbooten. Über den Fluss können sich seit Kurzem Radurlauber für einen Euro auf einer Fähre übersetzen lassen, um nach Lignano zu gelangen und so ihren Radius zu erweitern. Die Schaffung von Radwegen gehört zu den Anforderungen des Umweltmanagementsystems EMAS der Europäischen Union, dem sich Bibione seit Jahren unterzieht. 2014 demonstrierte die Halbinsel mit einem Rauchverbot für den vorderen Strandabschnitt vom Meer bis zu den Sonnenschirmen ihren umweltfreundlichen Anspruch. Die Schlagzeilen, die Bibione damit machte, haben inzwischen Nachahmer in anderen Ferienorten auf den Plan gerufen. Für diesen Sommer hat die Stadtverwaltung Bibiones ein komplettes Rauchverbot für den Strand angekündigt.

Möglichst nachhaltig soll auch die Verpflegung im Lino delle Fate sein. Die Mahlzeiten werden in einem trotz seiner Größe gemütlichen, unterteilten Restaurant mit freundlichem Service angeboten. Die Weinkarte bietet Gutes zum vernünftigen Preis aus dem Anbaugebiet Collio im Friaul. Für das Buffet verwendet der Küchenchef so viele frische heimische Bio-Produkte wie möglich, der eigene landwirtschaftliche Betrieb der Bassos liegt hundert Meter neben dem Resort. Ausflüge dorthin gehören zum Kinderprogramm, damit die Kleinen sehen, wie gesundes Essen produziert wird. Umso größer der Stilbruch, dass sich am Frühstücksbuffet auch haufenweise in Plastik verpackte Zwiebackscheiben und portionsweise Butter und Marmelade finden. Abgesehen davon bekommt diese Ferienanlage ganz gut hin, etwas zu sein, das es eigentlich gar nicht gibt: ein Massenbetrieb mit Boutiquehotel-Charme.

Übernachtung: im September/Oktober mit Frühstück ab 57 Euro pro Tag pro Person in einem Doppelzimmer "Primula". Sommerferien: Bungalow "Pino Nero" mit Halbpension ab 780 Euro für 3 Tage für eine Familie mit 2 Erwachsenen und 2 Kindern bis 4 Jahre. Freizeitangebote in der Natur organisiert das Hotel-Team, auch Ausflüge ins Hinterland, etwa nach Portogruaro oder zu den archäologischen Fundstätten von Concordia Sagittaria; www.linodellefateresort.com