bedeckt München 17°
vgwortpixel

Lesergeschichten aus dem Zug:Schneeballschlacht im Zug

"In Euskirchen sitze ich in der S-Bahn in Sichtweite die Toilette. Wenig später betritt eine Mutter, Anfang 20, den Zug mit ihrem Sohn, etwa fünf bis sechs Jahre alt. Der Kleine, nennen wir ihn Justin, ist ein sehr aufgeweckter Bube. Er stellt viele Fragen wie 'Mama, wohin fährt der Zug?' oder 'Mama, was ist das für ein Tier?' und noch viele mehr, während Mama intensiv mit ihrem Telefon beschäftigt ist. 'Mama' hat auf all diese Fragen eine Universalantwort: 'Justin, ess deine Chicken Nuggets!' Irgendwann sagt Justin: 'Mama, ich muss mal!' Die Toilette der Bahn ist in Sichtweite und unbesetzt. Die Antwort der Mutter: 'Justin, du hast eine Windel an.' Diese Frau hat ihrem Sohn quasi befohlen, in die Hose zu machen. Was soll man da sagen? Letztlich habe ich mit anderen Leuten nur ungläubige Blicke ausgetauscht." (Torsten A.)

"Ein großspuriger junger Geschäftsmann spricht laut in sein Handy, nennt Details, auch Zahlen, guckt sich immer wieder beifallheischend um. Irgendwann dämmert dem Gesprächspartner wohl, dass ihre Unterhaltung mitgehört wird. Der junge Angeber: 'Wie, ach so, ja sicher können wir den Rest schriftlich ausmachen.' Der ganze Waggon applaudiert." (C.G.)

"Ich sitze im ICE in Thüringen. Eine Vierergruppe Rentner steigt ein und findet ihre reservierten Plätze nicht. Ein sächsischer Schaffner ist freundlich behilflich und stellt fest, dass sich die Plätze im anderen, abgetrennten Zugteil befinden. Er schlägt den Rentnern vor, an der nächsten Haltestelle den Zugteil zu wechseln oder sich andere Plätze zu suchen (der Zug ist nicht voll). Die Rentner sind unentschlossen und hadern im Gang mit ihrem Schicksal. Der Schaffner schaut sie nochmal ernst an: 'Alternativ bleiben sie einfach hier stehen.' Ich bin lachend auf meinem Sitz kollabiert." (Anonym)

"Am Wochenende in einem etwas übervollen ICE auf der Fahrt von München nach Mannheim. Ich sehe mich genötigt, in einem 6er-Abteil Platz zu nehmen, welches überraschend leer ist. Der Grund wird mir bald klar. Die beiden Männer gegenüber haben sehr gute Laune und wissen Interessantes zu erzählen. Doch kurz vor dem letzten Zwischenstopp vor Mannheim ziehen sie Flachmänner aus der Tasche, verschütten mehr oder weniger absichtlich eine kleine Menge Schnaps, prosten sich mehrmals schwungvoll und lautstark zu und machen recht eindrucksvoll auf betrunken. Nur einer der Zugestiegenen traut sich tatsächlich, bei uns Platz zu nehmen. Alle anderen ziehen den Gang vor. Neugierig frage ich den Neuen, weshalb er sich nicht von dem Alkoholgeruch und dem Schauspieltalent des Duos hat abschrecken lassen: 'Ich hatte gehofft, einen Schluck abzubekommen.'" (Anonym)

"Ein kleines Mädchen geht mit ihrem Vater in die Klokabine. Nach einiger Zeit geht die Tür auf, das Kind stürmt los und brüllt durch das ganze Abteil: 'Mama, Mama, ich musste mir nicht die Hände waschen!'" (Anonym)

"Mein Abitur habe ich an einem Internat im schönen Saaletal gemacht - 350 Schüler von der 9. Klasse bis zum Abitur, abgeschnitten von der Welt in einem alten Kloster. Nach einer Schulwoche geht es für das Wochenende nach Hause, vom örtlichen Bahnhof in alle Richtungen der Republik - natürlich mit den günstigsten Regionalbahntickets und auch im kältesten, verschneitesten Winter. Eines Freitags ist die Heizung der Regionalbahn ausgefallen und irgendein lustiger Geist hatte in einem Waggon alle Fenster weit aufgerissen, sodass der Schnee hineingeweht worden war. Es ist absolut surreal - ein alter, miefiger Waggon, verzaubert durch Eisblumen und Schneehaufen auf den Sitzen. Selbstverständlich sind alle anderen Waggons überfüllt, weil die meisten stickiges Sardinensitzen einer nassen, kalten Hose im windigen Waggon vorziehen. Die fünfzig Internatsschüler sind jedoch nicht davon abzuhalten, im Winterwaggon eine gepflegte Schneeballschlacht zu veranstalten, den ganzen Weg von Naumburg nach Halle. Dort steigen wir rotnasig und mit Schnee in Haar, Kragen und Ohren aus der Bahn. Wo sonst hätten wir so etwas erleben können?" (Marie R.)

© SZ.de/frdu/ihe/kaeb

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite