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Languedoc:Die sanfte Eroberung

Auf Zeitreise immer am Canal du Midi entlang: Eine Fahrradtour durchs Languedoc lässt auf autofreien Wegen die Vorzüge der Provinz erleben.

Von Kristina Maidt-Zinke

Was dringend erfunden werden müsste, ist ein Schreibgerät, das sich während des Fahrradfahrens betätigen lässt. Eine Kombination von Laptop und Lenkstange könnte ganz neue Formen der Reiseliteratur hervorbringen.

Flamingos; ddp

In der Region Languedoc gibt es noch Flamingos.

(Foto: Foto: ddp)

Zumindest die unsportliche Variante dieser Fortbewegungsart, bei der das Hirn sanft von Frischluft umfächelt wird, die Füße in meditativem Gleichtritt das innere Spinnrad antreiben und Sinneseindrücke gerade so rasch kommen und gehen, wie es dem menschlichen Fassungsvermögen angenehm ist, regt hierzu den Gedankenfluss an.

Dies sind die Gedanken auf der Strecke zwischen Capestang und Montady. Nie gehört? Das ist gut so. Es muss nicht unbedingt jeder wissen, dass im tiefsten Süden des Landes, das seit hundert Jahren den Höllenritt der Tour de France als öffentliches Spektakel zelebriert, noch so friedvolle, weitgehend unentdeckte Radfahrparadiese auf Pedal-Poeten und andere Ruhesuchende warten.

Autobahnkulisse und mehr

Das Languedoc, Durchgangsland seit Jahrtausenden, kennen viele als Autobahnkulisse auf dem kürzesten Weg nach Spanien, als kunstgeschichtlich ergiebiges Intermezzo zwischen Côte d'Azur und Costa Brava, als Herkunftsgebiet sonnenverwöhnter Weine.

Dass man hier aussteigen, aufsteigen und der mediterranen Variante des Radwanderns rettungslos verfallen kann, hat sich zum Glück noch kaum herumgesprochen. Zumal die großen Radreise-Veranstalter nicht die Muße haben, abseits der Landstraßen nach jenen ruhigen, idyllischen Routen zu suchen, die zwischen den Rebenfeldern und Olivenhainen, den Obstplantagen und Pappelwäldchen, den verschlafenen Dörfern und betriebsamen Provinzstädten dieses alten Bauern- und Winzerlandes ein gut getarntes, aber lückenloses Netz bilden.

Viele dieser Sträßchen stammen aus napoleonischer Zeit, manche folgen gar noch der römischen Via Domitia, und die Strände des Mittelmeers bleiben immer in Fahrrad-Reichweite.

Respekt vor den Cyclistes

Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Radeln gelingt am besten dort, wo man auf überwiegend komfortabel asphaltierten Wegen durch eine abwechslungsreiche Landschaft rollt, ohne einem Gruppenzwang unterworfen zu sein und ohne an jeder Kreuzung auf Sportskollegen aus der Heimat zu treffen.

Die wichtigste Voraussetzung aber ist, dass man von jener zivilisatorischen Errungenschaft, die wir Straßenverkehr nennen, so wenig wie möglich behelligt wird. Zwar hat die kollektive Radsport-Euphorie in Frankreich den angenehmen Nebeneffekt, dass Autofahrer den "cyclistes" respektvoller begegnen, als es in Deutschland der Fall ist, aber elegantere Ausweichmanöver und schnellere Bremsreaktionen schützen nicht vor Lärm und Abgasen, die der Fahrradurlauber mit seinen mimosenhaft verfeinerten Sinnen flieht wie der Teufel das Weihwasser.

Umso mehr lernt man jene Pfadfinderarbeit schätzen, die ein kleiner ortsansässiger Radferien-Spezialist leistet, um dem Gast aus nördlichen Grauzonen unnötigen Stress zu ersparen. Für jede Etappe ist eine gemütliche und eine sportliche Variante vorgesehen, und sollte einmal ein kurzes Stück auf der Landstraße nicht zu vermeiden sein, wird man rechtzeitig gewarnt.

Von charmanter Eigenwilligkeit

Die Routenbeschreibungen sind sprachlich von charmanter Eigenwilligkeit, aber anschaulich, detailliert und reich an praktischen Tipps, auch für die Einkehrpausen, die in der Heimat der Gourmets eine große Rolle spielen. Es fehlt nicht einmal der Sicherheitshinweis, morgendlichen Weingenuss zu meiden. Dafür bekommt man am Ende eine Flasche zur Belohnung, wenn man zu jeder Tour ein bis zwei Quizfragen richtig beantwortet.

Wie hieß der Erbauer des Canal du Midi? Wer einmal per Boot oder per Rad dem Verlauf dieses wasserbautechnischen Barockkunstwerks gefolgt ist, wird den Namen Pierre Paul Riquet nicht wieder vergessen. Der Nachkomme italienischer Einwanderer, Salzsteuerbeamter unter Ludwig XIV., verwirklichte im Rentenalter seinen Lebenstraum von einem schiffbaren Wasserweg zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer.

Diverse Regenten hatten davon geträumt, aber erst der Sonnenkönig konnte sich mit dem "Canal des Deux Mers" schmücken, nachdem Riquet herausgefunden hatte, wie sich das Problem der Wasserzufuhr durch Umleitung von Flüssen aus dem Montagne-Noire-Gebirge lösen ließ und wie Höhenunterschiede durch Schleusenstufen überwunden werden konnten.

1680, ein Jahr vor der Vollendung des Kanalabschnitts, der als "Canal du Midi" vom Mittelmeerhafen Sète bis Toulouse reicht, starb Riquet, finanziell ruiniert.

Seinen Arbeitern hatte er soziale Bedingungen gewährt, die damals unerhört fortschrittlich waren. Doch nicht einmal ein Visionär seines Schlages konnte ahnen, dass das epochale Werk über alle politischen, ökonomischen und technischen Veränderungen hinweg seinen gesellschaftlichen Nutzen erweisen würde.

Oase der Erholung

Wo einst die Lastkähne des Königreiches fuhren, finden heute die Republikbewohner und ihre ausländischen Gäste eine Oase der Erholung. Radelt man auf den Platanen beschatteten Treidelpfaden am Kanalufer entlang, kommt man ins Sinnieren über die wunderbare Nachhaltigkeit feudaler Baumaßnahmen, ohne die unser demokratisches Freizeittreiben um so vieles ärmer wäre.

Denn am Canal du Midi entzückt nicht nur der Friede, der vom gelassenen Nebeneinander langsamer, lautloser Fortbewegungsarten - zu Fuß, zu Schiff und zu Rad - ausgeht, nicht nur das immer neue Bild der Bäume, die sich im Wasser spiegeln, nicht nur die hinter jeder Kurve überraschend veränderte Landschaft oder die an Tatis "Jour de fête" erinnernde Antiquiertheit mancher Dörfer, in denen man für einen Café crème oder ein Glas Rosé das Fahrrad abstellt: Es ist die Ästhetik des Kanalbaus selbst, die hier zum Erlebnis wird.

Die elegant geschwungenen Wände der Schleusenbecken, die Vielfalt der Brückenformen, das in feinen Schattierungen leuchtende Mauerwerk der Uferbefestigungen, erzählen von einer Zeit, in der Schönheit, Nützlichkeit und Solidität noch nicht voneinander geschieden waren.

Bei Béziers überquert der Canal du Midi den Fluss Orb, und der Radfahrer darf der spektakulären Streckenführung folgen, auch wenn er dort oben, auf original barockem Pflaster und Zypressen gesäumten Kieswegen, am besten für eine Weile schiebt.

Komische Manöver der Freizeitkapitäne

An Wochenenden treffen sich hier die Bürger der Stadt, in Kleidung und Haltung noch ganz als "bourgeois" kenntlich, zur Morgen- oder Nachmittagspromenade.

An der achtstufigen Schleuse von Fonserannes, wo der Kanal einen Höhenunterschied von 21 Metern überwindet, beginnt dann das große Divertissement: Radfahrer, Spaziergänger und Hunde stellen das Publikum für die unfreiwillig komischen Manöver der Freizeitkapitäne, die sich mit ihren schwimmenden Wohnmobilen an die engen Bassins und die gnadenlose Schleusenmechanik erst gewöhnen müssen.

Dies ist die Stunde der Revanche, denn sonst sind es die Bootsurlauber, die von ihren überdimensionierten Wasserfahrzeugen voller Triumph auf die Zweiradwanderer herabschauen.

Wer ein Gefühl für Proportionen hat, mietet eine "penichette", einen der umgebauten kleinen Frachtkähne, die so viel besser hierher passen als die aufgeblähten Polyesterbarkassen der Neuzeit.

Lebenswichtiges Fahrrad

Im Frühjahr und im Herbst, der hier bis in den November herrlich mild ist, teilt man als Radler den Kanal nur mit den Besitzern veritabler Hausboote, die in den Häfen von Colombiers oder Capestang, Villeneuve oder Poilhes einem malerischen, oft gewiss beschwerlichen Aussteigerleben nachgehen.

Für sie ist das Fahrrad lebenswichtig, um Vorräte an Bord zu schaffen oder um die Dorfbistros zu erreichen, in denen sie für ein paar Euro eine wohlschmeckende Mahlzeit finden - einer der Vorzüge des französischen Alltags, denen auch der Radtourist profitiert.

Unvergleichlich ist das Gefühl, eine Stadt, die man noch nicht kennt und in der man für zwei Nächte Quartier nehmen wird, mit dem Fahrrad zu erobern. Vor allem dann, wenn das Bett reserviert und das Gepäck schon an Ort und Stelle ist. Ohne Ballast, ohne den Blechkäfig des Autos und ohne die Tortur der Parkplatzsuche erlebt man die Ankunft in Pézenas wie eine Heimkehr.

Die Stadt, in der Molière mit seiner Wandertruppe sich jahrelang bevorzugt aufhielt und die ihm zahlreiche Vorbilder für sein Komödienpersonal lieferte, ist dank eines Denkmalschutz-Dekrets von André Malraux ein intaktes Monument adeliger und bürgerlicher Baukultur des 16. bis 18. Jahrhunderts, zugleich ein quicklebendiger Marktflecken, dessen Charme sich selbst eingefleischte Italien-Fans nicht entziehen können.

Unter den gastronomischen Verlockungen sticht ein Etablissement durch seinen Namen hervor: "Aprés le déluge" bedeutet, in Abwandlung des berühmten Ausrufs der Marquise von Pompadour, "nach der Sintflut", und in der Tat entdeckt man an manchen Haustüren Vorrichtungen, die auf gelegentliche Hochwasserstände des Hérault hindeuten.

Auf dem Weg von Pézenas zum dreißig Kilometer entfernten Küstenstädtchen Agde führt die Pfadfinder-Route durch eine Landschaft, die wie eine Miniatur-Provence anmutet.

Halluzination nach dem ersten Schluck?

Erinnert sich noch jemand an den einst beliebten Apéritiv Noilly Prat? Seine Produktionsstätte liegt am Hafen von Marseillan, einem bescheiden, aber liebevoll herausgeputzten Idyll am Étang de Thau.

Der Probierschluck, der bei der Fabrikbesichtigung kredenzt wird, erzeugt nicht etwa Halluzinationen: Die Flamingos, die ein wenig später in der Licht flimmernden Lagunenlandschaft stehen, leben wirklich hier. Dann geht es weiter zwischen Rebenfeldern, was stets erhebend aufs Gemüt wirkt und unter einem Himmel, der die Meeresnähe ahnen lässt, einen besonderen Reiz hat.

Agde, eine griechische Hafengründung mit großer Vergangenheit, ist heute ein beschaulicher Ort, in dem nichts auf die Nachbarschaft der gigantischen Urlaubsmaschine "Le Cap d'Agde" hindeutet.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Architektur aus dunklem Lavagestein, doch bei den Häusern am Ufer des Hérault mit ihren unzähligen Kneipenterrassen hat sich südfranzösische Farbenfreude durchgesetzt.

Die Urlaubsmaschine

Fährt man auf der linken Uferstraße nach Grau d'Agde oder auf der rechten nach La Tamarissière, findet man an der Leuchtturm bewachten Flussmündung ein friedliches Fischerdorf- und Ferienmilieu, wie man es in dieser Region für ausgestorben hielt.

An klaren Tagen schwebt der Pyrenäen-Riese Canigou über dem Meereshorizont. Hier ist die Welt auf sympathische Weise zu Ende - und alles ganz bequem erradelt!

Vor einem Teller Austern und einer gekühlten Bouteille, mit Blick auf langsam eintrudelnde Fangboote, versonnene Angler und das freundliche kleine Hotel für die Nacht, fällt einem nichts Passenderes mehr ein als "Nach uns die Sintflut".

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Informationen

Anreise: Air France fliegt von allen großen deutschen Flughäfen mehrmals täglich über Paris nach Montpellier. Bei 42-tägiger Vorausbuchung beträgt der Flugpreis 272 Euro.

Fahrradtouren: Im Languedoc bietet Véloparadis individuelle Radtouren mit Gepäcktransport pro Woche im Hotel ab 499 Euro, mit Camping ab 299 Euro, Mietfahrrad 59,90 Euro, Tel.: 0033/603 86 89 54, Fax: -467 94 45 08 (deutschsprachig), E-mail: info@veloparadis.com, Internet: www.veloparadis.com

Weitere Auskünfte zur Region: Maison de la France, Westendstraße 47, 60325 Frankfurt, Tel: 0190/57 00 25, Fax: 0190/57 90 61 E-Mail: info.de@franceguide.com, Internet: www.franceguide.com

© Süddetusche Zeitung

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