"Kunststopferei Axel":Ohne Loch

"Kunststopferei Axel": In der „Kunststopferei Axel“ berät Marion Parisi die Kunden.

In der „Kunststopferei Axel“ berät Marion Parisi die Kunden.

(Foto: Bert Bostelmann)

Hier wird noch von Hand geflickt.

Von Meike Schreiber

"Wie viel Löcher sind da denn drin?", fragt Marion Parisi und begutachtet den hellblauen Kaschmirpullover, der ausgebreitet auf der Ladentheke liegt. "Ich glaube, eines", antwortet die Kundin brav. "Glauben ist nicht wissen", sagt Parisi, und schaut streng über den Rand ihrer goldenen Brille. Sie zupft am Kleidungsstück, aber mehr als ein fieses Mottenloch findet sie dann doch nicht. Wann der Pulli fertig sei, will die Kundin wissen. "14 Tage, aber mit Fragezeichen." Nach den Feiertagen stapeln sich im Laden die Kisten. Ein Schild warnt vor "großem Zulauf", weswegen man die Termine "nicht fristgerecht" einhalten könne.

Keine Frage: Die Kunststopferei Axel, Töngesgasse 11, Frankfurter Innenstadt, besetzt eine Marktlücke. Internet? Werbung? Schicke neue Einrichtung? Braucht man hier alles nicht. Die Kunden kommen auch so. Den meisten fehlt die Zeit, und manche wollen den Lieblingspulli, das teure Sakko auch einfach fachgerecht repariert wissen.

Nur noch drei richtige Kunststopferbetriebe (mit Meisterbrief) gebe es in Deutschland, sagt Parisi. Hier im Laden scheint denn auch die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Theke ist noch die gleiche wie im Jahr 1953, als man eröffnet hat. Auch das Namensschild im Schaufenster ist ein Original aus dem Gründerjahr. Auf einem Podest im Laden stehen ein Couchtischchen und zwei Cocktailsessel aus Holz. Vor wenigen Jahren konnten Kunden hier noch Platz nehmen, wenn einmal etwas mehr Andrang war. Seit aber mehrere ältere Herrschaften gestrauchelt sind beim Abstieg vom Podest, hat Parisi abgesperrt und ein Schild aufgehängt: "Nur zur Dekoration".

Früher, in den Jahren nach der Gründung, nähten die Frauen noch direkt im Laden. Heute wird die Kleidung per Post nach Heidelberg verschickt, wo die Frau des Gründers, Mitte 70, noch selbst die Löcher stopft, die Kleidung näht. Wie wird es weitergehen, wenn die Chefin in den Ruhestand geht? "Dann ist es vorbei mit dem Laden", fürchtet Parisi, die selbst Anfang sechzig ist. Es gebe heutzutage keine ausgebildeten Kunststopfer mehr; sie selbst nimmt die Ware nur an.

Besonders viel werfe die Sache ja ohnehin nicht ab, sagt Marion Parisi. Strom, Miete, Telefon, alles werde laufend teurer. Die Preise wollen sie trotzdem nicht erhöhen - aus Sorge, dass dann die Kundschaft weglaufe. Mehrere Mottenlöcher in einem Sakko-Ärmel zu stopfen, kostet schließlich schnell mal 50 bis 60 Euro. Da hat man Glück, wenn sich nur ein Loch im Pulli findet.

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