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Kunstschnee:Winter? Wird gemacht!

Schnee auf dem Großen Arber

Vom Winde verweht, vom Kunstschnee benebelt: Skifahrer auf einer Piste, während die Schneekanonen laufen.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Natürlich gibt es Gründe für Schnee aus der Maschine. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl.

Anfang Januar, die Skisaison lief gerade auf Hochtouren, da belebte ein Facebook-Video aus dem Brixental in Tirol die Diskussion um den modernen Skitourismus. In dem kurzen Film ist eine Gruppe Skifahrer zu sehen, die eine schmale, verdreckte Kunstschneespur zwischen braunen Almwiesen abwärtsrutscht, und als wäre das noch nicht abgedreht genug, kommt im nächsten Moment auch noch ein Hubschrauber angeflogen - mit einer großen Ladung frischen Schnees für die lädierte Piste. Über dem Video ist der Kommentar der Urheberin zu lesen: "How sick is that?"

Ja, wie krank sind wir eigentlich?

Dabei war der Brixentaler Schneeflug nur der shitstormträchtige Höhepunkt einer alpenweiten Entwicklung, die durch die vergangenen schneearmen Winter noch einmal Fahrt aufgenommen hat. Wie Sinnbilder für den Sieg der Technik über die am globalen Fieber leidende Natur thronen die Schneekanonen und -lanzen an den Hängen und blasen Schnee für den künstlichen Winter in die Landschaft. Alleine die Seilbahnen Österreichs haben seit 2008 insgesamt 800 Millionen Euro in Beschneiung investiert. Diesen Winter sollen es laut Schätzung 171 Millionen sein, womit etwa 70 Prozent der Pistenfläche beschneibar sind; Tendenz steigend. In einem großen Schweizer Skigebiet wie St. Moritz schlägt die Beschneiung mit 40 000 Euro zu Buche. Pro Tag. Der Winter muss her, koste es, was es wolle.

Und er kostet einiges, nicht nur an Euro und Franken, sondern auch an Energie und Wasser. In der von der Gesellschaft für ökologische Forschung und dem Bund Naturschutz in Bayern verfassten Studie "Der gekaufte Winter" wird beispielsweise der Wasserbedarf für die 70 000 beschneiten Hektar im Alpenraum auf 280 Millionen Kubikmeter beziffert, ungefähr das Dreifache des jährlichen Wasserverbrauchs von München; der Strombedarf entspreche dem von 500 000 Haushalten pro Jahr.

Spätestens mit der Frage, ob es das wirklich wert ist, betritt man gefährliches Terrain. Für Seilbahnvertreter gelten Gegner des maschinellen Schnees als Fortschrittsverhinderer, für Grüne und andere Alpenschützer haben sich die Seilbahnbetreiber und andere Beschneiungsjünger wiederum als die Feindbilder der Tourismusindustrie (ja, es ist eine Industrie) etabliert. Es ist schwer zu sagen, was einem heutzutage mehr Abneigung einbringt: Vor Seilbahnbetreibern deren Tun zu hinterfragen oder gegenüber einem ihrer Gegner die Vorzüge eines durch Beschneiung funktionierenden Skitourismus' zu verteidigen. Die Standpunkte sind oft viel zu weit entfernt, als dass die eine Seite die andere noch verstehen könnte.

Rein wirtschaftlich betrachtet sind dabei viele Argumente der Wintermacher - von Bergbahnbetreibern über Sportartikelhersteller bis hin zu einem Großteil der Touristiker und Lokalpolitiker - absolut nachvollziehbar. Schließlich kann sich das Klima gar nicht so schnell erwärmen, als dass sich so ein Kanönerl nicht rechnen würde. Besonders üblich ist der dreisatzgleich vorgetragene Hinweis, die Beschneiung sei essenziell für die Skiindustrie, die ihrerseits ein wichtiger Wertschöpfungsmotor sei, was wiederum Arbeitsplätze sichere und somit die Täler vor dem Aussterben bewahre. Laut Factsheet (zu deutsch: Tatsachenblatt) der Seilbahnen Österreich generieren "Bergbahnnutzende Wintersportler" einen Bruttoumsatz von 7,2 Milliarden Euro und 83 100 Vollzeitarbeitsplätze. Auch der Vorwurf, dass Städter ohne Bergbezug besonders ausdauernd und unverhältnismäßig laut über die Beschneiung wettern, ist nicht immer von der Hand zu weisen.

So schnell kann sich das Klima in den nächsten Jahren gar nicht erwärmen, als dass sich so eine Schneekanone nicht rechnen würde

Hinzu kommt der immer offensiver vorgetragene Konter, dass die Gegenseite die Effekte der Beschneiung auf die Natur überzogen negativ darstelle. Dass der durch die Beschneiung erzeugte Bewässerungseffekt die kürzeren Vegetationszeiten wettmacht, wurde sogar von eher seilbahnkritischen Stimmen wie dem Alpenspezialisten Werner Bätzing bestätigt. Aber was ist mit den in die Natur gepflanzten Speicherseen? Eine ästhetische Aufwertung der Landschaft, sagen die Seilbahner. Das genutzte Wasser? Wird ja gar nicht verbraucht, sondern nur auf der Piste zwischengelagert, bevor es wieder in Flüsse, Grundwasser und Luft abzieht. Der Energieverbrauch? Liege dank des technischen Fortschritts nur noch bei 4,2 Kilowattstunden pro Skifahrer und Tag. Ein Pkw komme damit nur sechs Kilometer weit.

Noch viel besser steht der Bergbahnsport freilich da, wenn er mit anderen Tourismus- oder Alpinsportformen verglichen wird. Beliebt ist beispielsweise der Hinweis auf die nur auf ihre Körperkraft angewiesenen Skitourengeher, die sich Zeit ihres Lebens als bessere Wintertouristen gerieren. Dabei fahren die jedes Wochenende 200 Kilometer von der Großstadt ins hinterste Alpental, um dann abseits der Lifte in Wildschutzzonen die vermisste Freiheit zu suchen - ohne einen Cent in der Region zu lassen. Oder sie marschieren wegen Schneemangels beschneite Pisten entlang - gratis versteht sich. Übertroffen werden sie eigentlich nur noch von Urlaubern, die zum Speedboat-Fahren nach Thailand fliegen oder zum Jagen nach Namibia - und dann über die Beschneiung in den Alpen wettern.

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So sehr die Argumente auch einleuchten mögen, bleibt doch selbst beim begeisterten Pistenskifahrer ein ungutes Gefühl, das nichts mit reinen Fakten über Wertschöpfung, Wassernutzung und Energiebilanzen zu tun hat. Es ist das Gefühl, dass sich da eine starke Lobby der Berge und des Alpentourismus' bemächtigt, der man diesen Lebensraum und Wirtschaftszweig eigentlich nicht unbedingt kampflos überlassen möchte. Das Gefühl hat damit zu tun, dass sich einzelne Seilbahnkapitalisten die Taschen füllen - und ihre Kritiker, die in den entstandenen Arbeitsplätzen eher einen "Kollateralnutzen" sehen, tatsächlich als "Egoisten-Vertreter" beschimpfen. Es hat mit den Subventionen in Millionenhöhe (ja, auch für die Beschneiung) zu tun und mit einem hierzulande ermäßigten Umsatzsteuersatz für Bergbahnen, weil die offenbar einem ähnlichen gesellschaftlichen Zweck dienen wie Nahverkehrsmittel. Das Gefühl hat damit zu tun, dass einer wie Franz Hörl, Obmann der österreichischen Seilbahnwirtschaft und Geschäftsführer eines Zillertaler Skigebiets, der eher seilbahnfreundlichen ÖVP nicht nur nahe steht, sondern für die Partei schon im Nationalrat saß. Das Gefühl hat mit Liftkaisern zu tun, die von Naturnähe reden und an den nach ihren Gunsten geformten Berghängen gleichzeitig ein fast schon wahnwitziges Ziel verfolgen: die Abkopplung des Wintersports von den Launen des Winters.

Vor allem gipfelt das Gefühl irgendwann in der Frage, ob man die Kosten als Skifahrer überhaupt noch mittragen möchte. In vielen Skigebieten liegt der Preis für ein Tagesticket bereits jenseits der 50-Euro-Marke und zwar keineswegs ausschließlich in der Schweiz (dort sind mehr als 50 Euro pro Tag sowieso die Regel). Dafür lässt die Skigebietsindustrie (wie natürlich jede gut funktionierende Industrie) neben Bergbahnen und Schneekanonen auch eine Marketingmaschinerie laufen. Sie treibt den potenziellen Kunden das ungute Gefühl durch eine klare Botschaft aus: Ohne Winter geht es nicht, ob der nun natürlich ist oder aus der Kanone kommt. Fast so beliebt wie auf Linie gebrachte Journalisten, die in einschlägigen Magazinen hymnische Abhandlungen über perfekt beschneite und präparierte Pisten anfertigen, sind selbsternannte, auf Tagungen über Schneesicherheit parlierende Skitourismus-Forscher.

Damit der Wintersport nicht an Bedeutung einbüßt, gibt es zudem allerlei Initiativen. Dazu zählen breit aufgestellte Kampagnen wie "Dein Winter. Dein Sport", die bei jungen Menschen generell eine Begeisterung für den Schnee wecken sollen. Dazu zählt auch eine Resolution der Seilbahnverbände aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, "welche die Kinder und somit die Gäste der Zukunft in den Mittelpunkt stellt", wie der Präsident der Seilbahnen Schweiz, Dominique de Buman, auf einer Seilbahntagung im Oktober sagte. "Dabei werden insbesondere die Behörden in die Pflicht genommen und aufgefordert, Schneesportwochen überhaupt zuzulassen und ins Schulprogramm aufzunehmen." Genauso gut könnte die Golfindustrie demnächst endlich auch "Grüne Tage" an den Schulen verlangen.

Was uns für eine Wahl bleibt? Vielleicht ist es ein erster Schritt, den Winter auch als Skifahrer einmal so zu nehmen, wie er ist. Und zum Glück können wir ja alle selbst entscheiden, ob wir uns für 50 Euro einen schmutzigen Wintertag aus der Schneekanone andrehen lassen wollen.

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