Kulturhauptstadt 2004 Genua - Der Glaube an das Meer

Stunden später, in der Dunkelheit, steht der Stuhl immer noch da, ist aber verwaist und bietet sich an, von einsamer Warte aus der Nacht zu lauschen und den Stimmen und Schritten der wenigen Passanten, die vor der Bühne wie durch einen Orchestergraben laufen.

Anders als in den sanierten historischen Zentren vieler europäischer Städte ging die Wiederbelebung der genuesischen Altstadt bislang nicht zu Lasten einer infolge explodierender Bodenpreise vertriebenen Stammbewohnerschaft, auch nicht zu Lasten des bunten Völkchens von außereuropäischen Immigranten - aus dem Maghreb, aus Senegal, aus Peru, Equador und von anderswo -, die dort Wohnstätte und Erwerbsquelle gefunden haben.

"Keine Stadt ist lebendiger"

Die Bewohner der sanierten Häuser konnten stets in ihre Wohnungen zurückkehren, und in den Erdgeschossen wurden gezielt kleine Läden für jeden Bedarf angesiedelt. Ihre Betreiber sind international, so dass sich viele Straßen der Genueser Altstadt in Basare verwandelt haben, die kaum einer passiert, ohne entweder ein Liedchen vor sich hin zu trällern oder zumindest einer unbestimmten Melodie im Ohr zu folgen.

"Keine Stadt ist lebendiger", hatte Petrarca über Genua geschrieben, und einen ähnlichen Eindruck nimmt auch der Besucher der Europäischen Kulturhauptstadt 2004 von dort mit. Nach der langen Lethargie und Krise, die über der Hafenstadt lag, könnte Genua in dem Maße, wie es sich auf seine urbanen, sozialen und kulturellen Ressourcen besinnt und sie neu definiert, ein europaweites Modell abgeben.

Sein reicher Vorrat an Kunstschätzen und an Perlen der Architektur sämtlicher Epochen blieb in der Vergangenheit eher im Verborgenen.

Wie die Renaissance in dieser polyzentrischen, um enge nachbarschaftliche und klienteläre Mikrostrukturen herum organisierten und auch gebauten Stadt erst mit historischer Verspätung auftrat, weil die Genuesen sich vorwiegend ihren Geschäften und Fehden widmeten, so wurden hier doch in der Folge exquisite Ausschnitte aus allen Städten Italiens und auch des übrigen Europa importiert und zu einer einzigartigen urbanen Gestalt verschmolzen, die nichts ihresgleichen hat und die fast unversehrt erhalten geblieben ist.

Spiel und Kreativität

Als eine postindustrielle Stadt, die, indem sie ihre Zukunft projektiert, endlich auch ihre Vergangenheit angenommen hat, präsentiert sich Genua in diesem Jahr, wie von Grund auf erneuert, mit einer Vielfalt von Ausstellungen, Konzerten, Kongressen und mit unzähligen kleineren wie größeren Projekten, denen ein spielerischer und kreativer Umgang mit alten und neuen, nicht zuletzt auch mit menschlichen Ressourcen gemeinsam ist.

Wie an vielen anderen Orten wird auch an Genuas Prachtstraße Via Garibaldi, der lokalen Luxusmeile mit der weltweit schönsten Anreihung von Palästen und Gärten, noch gearbeitet.

Sogar die dort früher für neugierige Besucher verschlossenen Banken- und Amtsgebäude sind jetzt frei zugänglich. Genua setzt auf den Tourismus als neue Wirtschaftskraft.

Die Langsamkeit und Unsicherheit, mit der dies geschieht, hat den Charme des Unverbrauchten und lässt den Besucher zum Entdecker werden, während die Stadt selbst sich immer noch unterschätzt und nach geeigneten Wegen, Mitteln und Inhalten ihrer Selbstdarstellung sucht.

Aber sie ist im Fluss und in Bewegung. Und sie liegt wieder am Meer, da, wo sie und ihre Schätze herkommen. Eine andere Stadt? Genua scheint Europa zeigen zu wollen, dass sie möglich ist.