Kulturhauptstadt 2004:Genua - Der Glaube an das Meer

Im dichten Gewimmel der Altstadtgassen, den caruggi, in denen auch weiterhin gehandelt und gefeilscht, geklönt und getändelt, gehurt und gezeugt wurde, blieb die Erinnerung an den Alten Hafen als lebendiges Sammelbecken und Umschlagplatz für Waren aus aller Welt und für Menschen aller Nationen und Zungen erhalten.

Desgleichen im einheimischen Dialekt, dessen Vokabeln von maritimem Treibgut, von den Echos sämtlicher Handelswege und Hafenstädte dieser Welt, vor allem aber vom Nachhall arabischer und türkischer Idiome zeugen.

Ihren Dialekt verstehen nur die Genuesen selbst, doch mit ihm und an seiner Seite trat noch eine weitere Handelsware ins Leben, die - auch und vor allem, als der Puls des bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts expandierenden Hafens ins Stocken geriet und stagnierte - in den Ohren haften blieb und sich zum wichtigsten genuesischen Exportgut entwickelte:

Melancholisches Liedgut

Die Musik und das zumeist etwas melancholisch gestimmte Liedgut der landesweit führenden Genueser Schule der cantautori, die als Nachfolger der fahrenden Poeten und Troubadours ihre Melodien, Texte und Arrangements selbst besorgen.

Ihr berühmtester Vertreter, der vor fünf Jahren gestorbene Fabrizio De André, stammte zwar aus einem der vornehmsten Häuser in den Hügeln von Genua, doch stieg er hinab in die Altstadt, um vom Leben der kleinen Leute und der Huren aus der Via del Campo und den Creuze de ma' zu singen, den Eselspfaden hinunter zum Hafen, die im 19. Jahrhundert von dem britischen Besucher Charles Dickens mit all ihrem Kehricht und Unrat geschildert wurden.

In dem Lied Creuza de ma' hatte De André eine Stimmenvielfalt aus lokalem Dialekt und exotischen Lauten mit Hafengeräuschen zu einem polyphonen Klangteppich verschmolzen.

In Genua wird De André heute beinahe wie ein Heiliger verehrt. Ein breiter Steg, der wie auf einem Ozeandampfer das von dem Genueser Stararchitekten Renzo Piano im alten Hafenbecken erbaute Aquarium flankiert, trägt seinen Namen.

Und gegenüber der Musikalien- und Devotionalienhandlung seines Freundes Gianni Tassio in der Via del Campo, die heute eine der vitalsten Straßen der Altstadt ist - so wie Tassios Laden das lebendigste und beredteste Museum der Stadt ist - , steht auf einer Gedenkplatte aus Schiefer ein Vers des Sängers. Schiefer, der nahe bei Genua abgebaut wird, ist auch der Stein, aus dem die Stadt gebaut ist.

Der Vers, der auf der Gedenkplatte wie in den Schaufenstern der umliegenden Geschäfte zusammen mit dem Porträt von De André abgebildet ist, klingt wie das mittlerweile verwirklichte Programm für die neue Blüte Genuas, für die Wiederaneignung des Alten Hafens durch die Bewohner und für die Wiederbelebung ihrer Altstadt: dai diamanti non nasce niente / dal letame nascono i fior (aus Diamanten wächst nichts / aus Mist wachsen Blumen).

Verödetes Hafenbecken

"Nehmen wir uns das Meer zurück!" Unter dieser Devise machten sich die Genueser Ende der achtziger Jahre daran, das drängendste Probleme ihrer Stadt zu lösen. Von der Krise und dem Ende des Industriezeitalters wurde die Stadt früher und härter als andere italienische und europäische Städte getroffen.

Das alte Hafenbecken war verödet, die im Zuge der Hafenerweiterungen seit dem 19. Jahrhundert ansässigen großen Fabriken der Schwerindustrie, die Genua zum wichtigsten italienischen Industriestandort neben Mailand und Turin machten, wurden stillgelegt oder wandten sich neuen Technologien zu.

In der Folge verlor Genua ein Drittel seiner Einwohnerschaft und galt noch bis vor kurzem, wegen seiner niedrigen Geburtenrate, als die "älteste", sprich am meisten überalterte Stadt Italiens. Jetzt muss sich Florenz diesen Schuh anziehen, während Genua im Aufwind ist.

Das Wunder, das die Stadt im Planungsverbund mit dem Team von Renzo Pianos "Building Workshop" zur Internationalen Kolumbus-Ausstellung im Jahr 1992 zustande brachte, war der Anfang einer Kehrtwende: Infolge der Sanierung, Umnutzung und Neubebauung des alten Hafenviertels liegt die Stadt heute wieder am Meer, und sie hat die für vielfältige öffentliche und private, kulturelle und ökonomische Zwecke nutzbar gemachte, lichtdurchflutete Piazza erhalten, die ihr fehlte.

Nachts im Labyrinth

Der nächste entscheidende Schritt, der in den vergangenen Jahren unternommen wurde, war die überfällige Sanierung der Altstadt. In den achtziger Jahren hatten sich vor allem die nahe beim Hafen gelegenen Quartiere zu Problemzonen der Verwahrlosung, der Kriminalität und des Drogenkonsums entwickelt.

Heute kann man, bei Tag und auch nach Anbruch der Nacht, wieder gefahrlos und unbeschwert in das Labyrinth der caruggi eintauchen. Im Gewühl der kleinen Gassen, Winkel und Treppenaufgänge wird man unvermeidlich die Orientierung verlieren und darf doch sicher sein, irgendwo an einer bereits vertrauten, aber unerwarteten und überraschenden Stelle wieder herauszufinden.

Ähnlich geht es dem, der von der Piazza Ferrari aus die schmale Salita San Matteo nimmt, um plötzlich auf einer kleinen, weit über dem Bodenniveau zur Bühne erhobenen Piazza vor der gleichnamigen romanischen, ehemaligen Hauskirche der Patrizierfamilie Doria mit deren Palästen zu stehen.

Vor der mit schwarzem und weißem Marmor inkrustierten Kirchenfassade steht ein einzelner Stuhl, auf dem in der Abenddämmerung, unter dem von den Häuserwänden reflektierten letzten, vom Hafen hinaufgeworfenen Licht ein Anwohner sitzt und in einem Buch liest.

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