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Krüger-Nationalpark in Südafrika:Blutiger Kampf um das Nashorn

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Hier kamen die Ranger zu spät: Gewilderte Nashörner im Waterberg-Distrikt, etwa 350 Kilometer nördlich von Johannesburg.

(Foto: dpa)

Weil ihr Horn in Asien mehr wert ist als Gold, werden Südafrikas Nashörner zu Hunderten von Wilderern getötet. Die Ranger sehen sich in einem Kampf, der kaum zu gewinnen ist. Denn die Wilderer lassen sich nicht mal von der Todesgefahr abschrecken.

Von Monika Maier-Albang

Immer wieder in den vergangenen drei Stunden ist Lawrence Mkansi, der Fährtenleser, herabgestiegen von seinem Ausguck auf der Motorhaube. Er ist durchs hohe Gras gegangen, in dem er, weil sein Vater es ihn gelehrt hat, sogar Schlangen und Leoparden erspähen würde. Er ist durch einen Bach gewatet, der sonst knöcheltief ist, der ihm aber jetzt, nach den starken Regenfällen im Krüger-Nationalpark, bis zu den Knien reicht. Meist, sagt Mkansi, meiden die Nashörner den Gang durchs Wasser. Aber diesmal sind sie hier durch.

Also steuert auch Ross Couper, der Guide, das Auto durch die Furt. Es sei nicht mehr so einfach wie früher, Nashörner aufzuspüren, sagt Couper. Und früher bedeutet: vor zwei, drei Jahren, bevor das große Schlachten begann. Vier Stunden dauert es diesmal, bis Mkansi Nashörner gefunden hat: einen Bullen, eine Kuh, ein Jungtier, acht Monate alt, schätzt Couper. "Unsere Hoffnung", sagt er.

Und Hoffnung kann man brauchen in Zeiten des Krieges.

Mit einem Gerücht fing alles an. Vor ein paar Jahren, in Vietnam. Ein Prominenter - alternativ ein Politiker - sei von Leberkrebs geheilt worden durch eine Arznei aus Nashorn-Horn. Eine Quelle für das Gerücht oder den Namen des Betreffenden habe man nicht ausfindig machen können, sagt Volker Homes von der Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF).

Bis dahin beschränkte sich die angebliche Heilwirkung, die dem Horn in der asiatischen Medizin nachgesagt wird, darauf, dass es Fieber und Bluthochdruck senke. Mit klinischen Tests nachweisbar ist das nicht - das Horn besteht ja nur aus Keratin, dem gleichen Eiweiß wie bei Fingernägeln oder Haaren des Menschen. Doch das Gerücht, man habe ein Wundermittel gegen Tumore gefunden, breitete sich in Asien aus, die Nachfrage nach Nashorn-Horn wuchs rasant.

Waren 2008 noch 13 Nashörner in Südafrika Wilderern zum Opfer gefallen, lag ihre Zahl 2011 bei 448. Im vergangenen Jahr starben 668 Tiere. Und in diesem Jahr?

Sind es offiziellen Angaben zufolge - Stand 13. Februar - bereits 96. Dazu vermeldet das Umweltministerium die Festnahme von 34 Wilderern, vier schwer verletzt. Die Schilder an den Zufahrtsstraßen zum Krüger-Nationalpark sind deutlich. "Poachers will be poached" steht auf ihnen: Wilderer werden gewildert.

Die Nashörner sind ja nicht nur schützenswert als Spezies. Sie sind ein Standortvorteil im Ringen um Touristen. 80 Prozent aller Nashörner weltweit leben in Südafrika, die Gäste kommen, um die Big Five zu sehen: Elefant, Büffel, Löwe, Leopard. Und Nashorn. Big Four gibt es andernorts auch.

Mittlerweile patrouilliert die Armee im Krügerpark. Doch beide Seiten haben aufgerüstet.

Die Hoffnung für die Nashörner: Hunde

Die Wilderer kommen mit Hubschraubern und Nachtsichtgeräten in den Busch. Die Ranger sind angehalten, Meldung zu machen, sobald sie einen Helikopter sehen - auch wenn damit meist nur Gäste eingeflogen werden. Wenn er jetzt Geier sehe, sagt Ross Couper, fahre er dorthin, wo es die Vögel hinzieht. Nachsehen, ob es diesmal eines seiner Nashörner erwischt hat.

Südafrika Krüger Nationalpark Krügerpark Ranger

Ein Ranger der South African National Parks (SANParks) patroulliert 2011 zum Schutz der Nashörner im Krügerpark.

(Foto: AFP)

Sie können ja nichts tun, um die Nachfrage abzustellen, sie können nur versuchen, die Wilderer fernzuhalten. Die Armee ist lediglich im Krügerpark im Einsatz, die privaten Wild-Reservate müssen sehen, wo sie bleiben. Wer zahlungskräftige Touristen beherbergt, ist da klar im Vorteil.

Wie etwa die Singita-Gruppe, die unter anderem auf dem Gebiet des Wildreservats Sabi Sand Luxus-Lodges unterhält. Seit einem Jahr gibt es hier eine Hundestaffel. Seitdem habe man kein Nashorn verloren, sagt Mark Broodryk, der Sicherheitschef. Allerdings ist auch ihm klar, dass die Wilderer nicht verschwinden, sie weichen nur aus in andere, weniger gut geschützte Gebiete. "Softer targets", nennt sie Broodryk.

Die Hunde, sie sind in Südafrika ein neuer Verbündeter im Kampf gegen die Wilderei. Weimaraner und Belgische Schäferhunde setzen sie bei Singita ein; Hunde mit einem großen Spieltrieb, mit Ausdauer - und einer Anmutung, die einzuschüchtern vermag.

In den Dörfern rund um die Reservate würden die Menschen nur kleine Hunde kennen, "pets", Schmusetiere, sagt Conraad de Rosner, der Chef der Hundestaffel. Seine Hunde tragen Namen wie Anubis oder Landa, was in der Sprache der Zulu so viel bedeutet wie: fass!

De Rosner kann seine Hunde nach Nashörnern suchen lassen, "umkhombe" sagt er, wenn er ein Breitmaulnashorn meint, die mit etwa 20.000 in Afrika lebenden Exemplaren noch weiter verbreitete Art. Lässt er die Hunde nach einem Spitzmaulnashorn suchen, ruft er "umbegane". Nur noch etwa 4800 Spitzmaulnashörner gibt es auf dem afrikanischen Kontinent nach Schätzungen des WWF. Die Hunde können auch in der Nacht die Spur eines Wilderers verfolgen.

Sie kennen den Geruch des Horns, finden Häuser, in dem Munition lagert. Doch allein, ohne den Geleitschutz der Polizei, würde de Rosner nie mit seinen Hunden in ein Dorf gehen. Ein Weißer, der einen Schwarzen verhaften will? In dem Land, in dem jede Erinnerung an die Apartheid die Herzen aufwühlen und den Verstand ausschalten kann. "Das wäre lebensgefährlich", sagt de Rosner. Und lebensgefährlich ist jede Patrouille auch für die Hunde. "Sie sind ja die, die vorne dran sind."

Die Touristen in den Lodges bekommen von der Arbeit im Backoffice nichts mit. Wobei dieses Backoffice Zehntausende Hektar umfasst, eine Wildnis, schwer zu überblicken auch für die Ranger. De Rosner und sein Team sind 24 Stunden in Schichtarbeit unterwegs. Wer de Rosner treffen will, muss es um sieben Uhr morgens tun, wenn er gerade von der Nachtpatrouille zurück ist, mit müden Augen und einem Kaffee in der Hand. Eine Stunde später wird er seinen Kollegen aufwecken, der mit ihm ins Haus gekommen ist und sich gerade schlafen gelegt hat. "Alarm am Zaun", sagt de Rosner und deutet auf sein Handy.

Wilderer? Feinde!

Part of a shipment of 33 rhino horns seized by Hong Kong Customs and Excise Department is displayed during a news conference in Hong Kong

Beschlagnahmte Schmuggelware in Hongkong: Ein Horn bringt etwa 350.000 Euro auf dem Schwarzmarkt, das macht es wertvoller als Gold oder Kokain. 

(Foto: Reuters)

Sobald jemand die gesicherte Grenze am Rande des Reservats berührt, bekommt der Chef der Spezialeinheit Meldung und Foto auf sein Smartphone - und schickt eine Patrouille los. Manchmal trifft die auf illegale Einwanderer, die nicht wissen, dass der Zaun mit Sensoren gesichert ist. Die Wilderer wissen es. "Sie testen uns aus", sagt de Rosner. Manchmal bekommt er über Tage Alarm-Meldungen von immer derselben Stelle am Zaun.

"Die wollen sehen, ob wir irgendwann ermüden und nicht mehr hinfahren. Oder sie lösen im Süden Alarm aus und kommen im Norden." Das Wort Wilderer benutzt de Rosner übrigens selten. Er spricht von "enemies", Feinden.

Und diese Feinde sind längst nicht mehr nur die Wilderer aus den Dörfern, die früher auf eigene Rechnung loszogen, um Geld mit bushmeat, zu Nahrungszwecken getöteten Wildtieren, zu verdienen. Die Einheimischen würden nur benutzt als Fährtenleser oder Tippgeber, sagt de Rosner, von Kriminellen, die in die Dörfer gehen, in die Shebeen, die illegalen Tavernen, wo sie Drinks ausgeben - und dann, wenn die Männer genug getrunken haben, die richtigen Fragen stellen.

Hinter diesen Mittelsmännern aber stehen Organisationen. "Syndikate, die sonst Geld mit Drogenhandel und Menschenschmuggel machen", sagt der WWF-Experte Homes. In Asien ist das pulverisierte Nashorn-Horn mittlerweile mehr wert als Gold, mit Kilopreisen, die um die 60.000 Dollar liegen sollen. Ein Wilderer kann für ein Horn 50.000 Rand bekommen, umgerechnet etwa 4000 Euro. "Das ist eine riesige Summe für einen Jungen aus dem Dorf", sagt de Rosner, "und eine große Versuchung."

Dass in den Reservaten auf Wilderer geschossen wird, wissen die jungen Männer in den Dörfern - und doch geht so mancher das Risiko ein. Sich ein Auto leisten zu können, das ist es ihnen wert. Das Auto, es ist das neue Statussymbol der jungen, schwarzen Südafrikaner. Und das Statussymbol in den wirtschaftlichen Boomregionen Asiens ist das Horn. Bei den Neureichen ist es angesagt, auf Partys Nashorn-Pulver zu reichen - gegen den Kater. In Vietnam und China, sagt WWF-Experte Homes, sei das Horn inzwischen "der Ferrari der Kader".

Wenn diese Nachfrage ungebrochen bleibt, das wissen die Ranger, dann ist ihr Kampf auf Dauer aussichtslos. Das Wettrüsten gefährdet kleinere Wildtier-Reservate schon jetzt in ihrer Existenz. Man muss nur mit Craig Spencer sprechen. Spencer ist Wildhüter im Balule Game Reserve, einem Park in der Provinz Limpopo, gelegen nördlich der Stadt Hoedspruit, angrenzend an den Krügerpark. Es ist zwei Uhr mittags, als er an der Parkverwaltung aus seinem Auto springt, staubig, verschwitzt, abgekämpft.

Um sieben Uhr sind sie losgefahren, er und drei junge Freiwillige: Gebüsch am Zaun zurückschneiden. Seine Volunteers kommen aus Australien, "kein Südafrikaner macht diese Drecksarbeit", sagt Spencer. Er geht über den Hof, roter Sand unter den Füßen. Bei dem Jeep, an dem er vorbeikommt, ist der Sitz locker, ein Satz neuer Reifer müsste her. "Ein Problem", sagt Spencer, "uns geht das Geld aus."

"Nashörnern fehlt der Kuschelfaktor"

Sie haben schon Motorräder gekauft für die Patrouillen, weil sie sich das Benzin für die Jeeps nicht mehr leisten können. Sponsoren? Hat er zu finden versucht. Für die Forschung gibt es sie. Aber wer zahlt für Gewehre oder Benzin? Wenn es um Robben ginge, die glupschäugigen, flauschigen, dann vielleicht. "Aber den Nashörnern fehlt der Kuschelfaktor."

Seit sie um ihre Nashörner kämpfen müssen, haben sich die Kosten, die der private Wildpark für die Sicherheit seiner Tiere und Ranger aufbringen muss, verdoppelt. Die Eintrittsgelder der Touristen hätten zuvor schon nicht ausgereicht, sagt Spencer, sie hatten also schon Jäger im Park, "obwohl wir sie nicht wollen". Aber jetzt müssen sie immer öfter deren Drängen nachgeben, denn die Jäger bringen Geld.

80.000 Dollar hat ihnen kürzlich ein US-Amerikaner für ihr dominantes Löwenmännchen geboten. Sie haben abgelehnt. Aber ihre Elefanten, die verkaufen sie an Jäger. Opfern Elefanten, um Nashörner zu retten. "Aber mittlerweile", sagt Spencer, "fragen wir uns, wie lange das noch geht. Was uns ein Rhino-Leben wert ist."

Auch Craig Spencer wird bald mit einem Hund auf Patrouille gehen. Im April soll er kommen, aus Deutschland, ein Geschenk. Die Hundetrainerin Perdita Lübbe bildet den Belgischen Schäferhund gerade aus; er soll Horn erschnüffeln können, in Autos, in den Dörfern. Einen Dreijährigen habe sie ausgewählt, ausdauernd und angstfrei, sagt Lübbe. "So einen brauchen sie in Afrika jetzt." Eine gute Abschreckung werde der Hund sein, hofft Craig Spencer. "Wir werden ihn lieben." Die Wilderer werden ihn hassen.

Ein gefährliches Leben wartet auf beide. Spencer hatte schon bewaffnete Einbrecher in seinem Haus und eine extra für die Ranger ausgehobene Fallgrube inmitten der Sandpiste. Auch er spricht, wie de Rosner, vom "Krieg", in dem sie sich befänden. Und die andere Seite, das weiß er, wird nicht ruhen, solange sich mit dem Horn so viel Geld machen lässt. "Kennen Sie die Saiga-Antilope?", fragt Spencer.

Zwei Millionen dieser Tiere gab es bis vor wenigen Jahren noch in der mongolischen Steppe. Dann wurde ihr Horn von der chinesischen Heilkunde als gleichwertiger Ersatz für Nashorn-Horn akzeptiert. Heute gilt die Saiga-Antilope als gefährdete Art.

Dem Hund, den Craig Spencer bekommen wird, haben sie einen Shangaan-Namen gegeben: Shaya, der Schlag.

Südafrika Karte Grafik

Der Krüger-Nationalpark in Südafrika mit benachbarten Reservaten.

(Foto: SZ Grafik)

Noch so ein Hoffnungsträger.

Informationen

Anreise: Mit South African Airways ab München nach Hoedspruit und zurück ab ca. 1020 Euro, www.flysaa.com

Unterkunft: Singita unterhält in Südafrika verschiedene Luxus-Lodges, u.a. im Krüger-Nationalpark die Sweni-Lodge und im Sabi-Sand-Tierreservat die Boulders-Lodge, Übernachtung, Safaris, Vollpension ab 1116 Euro pro Person/Nacht, www.singita.com

In der Nähe von Hoedspruit liegen die Gomo Gomo Game Lodge, Übernachtung/VP mit 2 Game-Drives und Bush-Walk ab 180 Euro pro Person, www.gomogomo.co.za und die Nkambeni Tended Lodge, Zelt für 2 Personen inkl. HP ab 90 Euro, www.nkambeni.com

Weitere Auskünfte: South African Tourism: www.dein-suedafrika.de, Limpopo Tourism Agency: www.golimpopo.com;

Infos zum "Rettet-das-Nashorn-Projekt" von Perdita Lübbe und der Tierschutzorganisation Tasso unter www.hundeakademie.de

© SZ vom 21.02.2013/kaeb

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