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Kroatien:Zu Besuch auf "Restival Island"

Kornaten-Romantik auf der Insel: Schön, aber das gibt's natürlich auch anderswo in Kroatien.

(Foto: Obonjan/Justin Gardner)

Zwischen Yoga und DJs, mit Wodka und Detox-Smoothies können Urlauber auf der kroatischen Insel Obonjan entspannen.

Als Dan Blackledge die Insel im August 2012 zum ersten Mal sah, war sie bereits seit sechs Jahren verlassen. Der britische Musikpromoter hatte mit seiner Firma Sound Channel und Geschäftspartnern aus der Tourismusbranche in Kroatien schon einige Musik-Festivals auf die Beine gestellt. Für diese kleine Insel, 1800 Meter lang, 600 Meter breit und sechs Kilometer vor der Hafenstadt Šibenik in den Ausläufern der Kornaten gelegen, wollten sie eine weitere Veranstaltung austüfteln.

Doch schon beim ersten Besuch wünschte sich der heute 34-Jährige mehr als ein einmaliges Spektakel für Obonjan. Die Insel, eine von mehr als 900 in der dalmatinischen Landschaft, erschien ihm zu schade für nur eine Nacht. Zu verlockend glitzerte die Adria hinter windgebeutelten Pinien; umspülte das türkisfarbene Wasser die zerklüftete Küste.

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Rissige Betonpfade, die von den Anlegestellen zu verlassenen Schlaf- und Sanitärbungalows, zu einem Pool und einem Hubschrauber-Landeplatz führten, erinnerten an die frühere Nutzung Obonjans durch die Pfadfinderjugend. Blackledge war begeistert. "Unser Konzept hat sich schnell weg von der reinen Party entwickelt. Obonjan verdient mehr Ausgeglichenheit, ein ambitioniertes inhaltliches Programm", sagt er.

Bald stand die Idee: Aus Obonjan sollte ein kuratiertes Eiland werden, auf dem Musik, Workshops, Wellness, Kulinarik und High-End-Camping in einer Rundumbespielung ineinandergreifen würden. Diese Inhaltsliste eines nachtaktiven Cluburlaubs für hippe Sinnsucher bescherte der Insel in britischen Magazinen bereits die Wortneuschöpfung "Restival Island", zusammengesetzt aus den englischen Begriffen für Ausruhen und Festival.

Im Januar dieses Jahres begannen die Bauarbeiten. Insgesamt zehn Millionen Euro hat das Projekt bisher verschlungen, gestemmt über private Financiers und eine Bankanleihe von Kroatien. Die Stadt Šibenik ist Konzessionsgeber und erhofft sich vom Projekt allein in der ersten Saison 120 000 Übernachtungen mehr. Doch aller Anfang ist schwer.

Am Tag vor der Eröffnung floss auf dieser Insel ohne eigene Wasserreserven, die alle paar Tage von einem Tanker versorgt werden muss, kein einziger Tropfen zu den Lodges und Waschräumen: "Wir konnten ja niemanden auf die Insel lassen, solange keine Klospülung funktionierte", sagt Blackledge. Doch wenige Tage und viele wütende Social-Media-Kommentare später konnten die ersten Gäste hergeschifft werden. Ihre Anzahl soll zunächst überschaubar bleiben: "Im ersten Jahr haben wir nur Platz für 450 Leute, um zu überprüfen, wie alles klappt, mit Service, Versorgungskette, Strom, Abwasser und Abfallentsorgung."

Ein Netzwerk von Kreativen soll Ideen liefern, wie sich die Insel über Jahre bespielen lässt

Neue Gebäude wurden nicht gebaut, nur bestehende Strukturen zeitgenössisch aufgepeppt. So erhielt die über drei Seiten geöffnete Versammlungshalle lediglich eine neue Holzpaletten-Verkleidung. Unter ihrem hohen Dach schwingen Rattan-Korblampen im anhaltenden Inselwind. Vor der einzigen Rückwand steht die kleine Bühne, das weiße Laken dahinter, das bei Filmvorführungen als Leinwand dient, hat eine Böe bereits aus der Halterung gerissen. Ein Soundsystem. Ein paar gemalte Paradiesvögel in Neonfarben an den Wänden. Fertig ist der Insel-Pavillon.

Im Ferienlager für hippe Sinnsucher auf Obonjan geht die Inselromantik zusammen mit Konzerten.

(Foto: Obonjan/Justin Gardner)

Der innere Zusammenhalt der Insel soll über 250 sogenannte "founding members" kommen, ein Netzwerk von Kreativen, die als Gleichgesinnte dem Kernteam der Inselentwickler zwar nicht finanzielle Unterstützung, aber das Einspeisen von Ideen zusichern: "Mit ihnen bauen wir eine Gemeinschaft auf", erklärt Blackledge, "sie lehren Yoga oder legen als DJs auf." Aus diesem Netzwerk füllt sich das in drei Sparten unterteilte Programm aus Musik, Wellness und den täglichen Veranstaltungen mit Diskussionsrunden, Film, Comedy, Workshops und Astronomie. Nächtliche Teleskop-Sitzungen werden genauso angeboten wie Coachings, Lesungen oder Podiumsgespräche.

Jamie Catto ist solch ein "founding member". "Dieser Ort ist so schön und unverdorben", schwärmt der einstige Mitbegründer der Popgruppe Faithless, die in den Neunzigerjahren Tanzhits wie "Insomnia" produzierten. Heute sieht der 48-Jährige so gar nicht nach Schlaflosigkeit aus. Sondern sitzt sehr entspannt in seiner thailändischen Fischerhose auf einer Klappliege des Pavillons. Im zweistündigen Rollenspiel-Workshop erläutert Catto seine Lebensphilosophie: Der Ehrgeiz, sich stets weiterzuentwickeln, sei gefährlich und basiere auf einem Gefühl von Mangel. Jeder denke: "Ich muss freier sein. Mehr Yogi. Noch erleuchteter." Aber man solle sich nicht erst lieben, wenn man genügend meditiert habe.

Diese Umarmung innerer Widersprüchlichkeiten spiegelt auch das paradoxe Verhalten der Inselbesucher wider: Auf Obonjan verbinden sich wodkalastige Drinks zu den nächtlichen DJ-Sets mühelos mit den "Detox-Smoothies" aus Apfel, Banane, Petersilie und Minze zum Frühstück. Nach dem veganen Essen wird geraucht. Die Gäste beschwören das Ferienkolonie-Gefühl aus Kindheitstagen, erwarten in den Zelten aber frische Wäsche, elektrisches Licht, Wlan und Klimaanlage. Der Wunsch nach intakter Natur ist anscheinend kein Widerspruch zur Techno-Bar im Wald. Im wechselnden Event-Programm steht ein seriöser Vortrag des Astronomen Tom Kerss vom Königlichen Observatorium Greenwich neben der Verkündung mystisch-kosmischer Eingebungen des Londoner "Mediums" Ruby Warrington. Man lauscht einem Meeresbiologen über Abfallentsorgung und tanzt anschließend am Pool mit einem Plastikbecher in der Hand.

Bis ins Jahr 2060 läuft Dan Blackledges Konzessionsvertrag für die Insel. Er wird dann 78 Jahre alt sein. Darin sieht er kein Problem. Sowieso umfasse die Musikauswahl bereits 50 Jahre Musikgeschichte. Und auch seine Pläne fürs nächste Jahr klingen mehr nach Kulturgut als nach Feierwut: Ein klassisches 20-Mann-Orchester soll die gesamte Saison hindurch auf der Insel bleiben, um bei Filmvorführungen live aufzuspielen. Eine internationale Künstlerschaft ihre Werke hinterlassen. An der Westseite sollen Baumhäuser entstehen. Und mehrtägige Yoga-Retreats den nahen Nationalpark Krka miteinbeziehen, um dort unter einem der sieben Wasserfälle zu meditieren.

Dass dennoch nie komplette Ruhe einkehrt, dafür werden die Urbewohner der Insel schon sorgen: Die Zikaden, sie zählen zu den lautesten Insekten der Welt. Ihr Sirren ist ohrenbetäubend und erfasst die gesamte Insel, sobald die elektronischen Soundsysteme schweigen. Die Komplettbeschallung von Obonjan ist demnach gar keine so neue Idee. Sie wird hier schon lange genutzt, um Weibchen anzulocken. Ach, die ureigenste aller Party-Definitionen. Die greift immer. Ganz egal, ob es sich nun um ein Festival oder ein Restival handelt.

Informationen

Anreise: Flug mit Lufthansa nach Split ab 129 Euro, Transfer mit dem Airport-Taxi (online buchen, etwa unter www.croatia-taxi.hr, ca. 48 Euro), vom Hafen in Šibenik mit dem Speedboat (25 Min., ca. 60 Euro) oder einer kleinen Fähre (60 Min., 14 Euro) übersetzen, www.obonjan-island.com/how-to-get-here/.

Übernachtung: Preis im Zelt ab 59 Euro pro Person (bei drei Personen), Festival-Programm und Yoga inklusive, Essen und Spa-Behandlungen kosten extra.

Weitere Auskünfte: www.obonjan-island.com. Das Programm läuft noch bis 6. September, im nächsten Jahr sollen mehrere Monate bespielt werden. Zugang zur Insel ab 18 Jahren.

© SZ vom 01.09.2016/ihe

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