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Kreuzfahrten in der Corona-Krise:Ein Schiff wird kommen - aber wann?

Ein Schiff wird kommen? Noch liegt die Flotte vor Anker. Im Juni könnten aber erste Schiffe auslaufen.

(Foto: Mauritius)

Das gilt als "Millionen-Dollar-Frage" der Kreuzfahrtbranche. Wie Reedereien versuchen, den Neustart vorzubereiten.

Noch zu Anfang des Jahres war die Welt vermessen. Unentdeckte Orte, Inseln und Gewässer gab es nicht mehr. Doch nun sagt Daniel Skjeldam, der CEO der norwegischen Postschifflinie Hurtigruten: "Wir steuern durch unbekanntes Fahrwasser, es ist wie in einem Science-Fiction-Film." Denn die Corona-Pandemie hat die erfolgsverwöhnte Kreuzfahrtindustrie zum Erliegen gebracht, und der Stillstand dauert nun schon länger als zwei Monate. Gäste fragen ungeduldig, Veranstalter panisch: Wann geht es endlich wieder los?

"Genau das", antwortet Skjeldam, "ist die Millionen-Dollar-Frage." Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn während die weltweite Kreuzfahrtflotte mit ihren gut 400 Schiffen in Häfen oder auf Reede vor Anker dümpelt und Moos ansetzt, laufen die Kosten weiter. Die US-amerikanische Kreuzfahrtplattform "Cruise Industry News" listet in einem Beitrag vom 28. April auf, wie viel Geld die größten Kreuzfahrtkonzerne der Welt im Monat "verbrennen". Auch wenn es nur Schätzungen sind, die Zahlen sind beeindruckend: Eine Milliarde US-Dollar kostet der Stillstand den Branchenführer, die Carnival Corporation - pro Monat; es folgen Royal Caribbean mit 400 Millionen, MSC Cruises mit 180 Millionen, die Norwegian Cruise Line (NCL) Holding mit 150 Millionen.

Schon im März musste sich Carnival mit einem Drei-Milliarden-Dollar-Kredit frisches Geld besorgen. Die NCL-Holding hat nach einer Anlegerwarnung soeben zwei Milliarden US-Dollar aufgenommen, die Finanzspritze soll helfen, die nächsten zwölf Monate zu überstehen. Sprich: Längst ist man von den anfänglich optimistischen Plänen, schon im Juni, spätestens im Juli wieder im Normalbetrieb zu fahren, abgerückt. Klar, dass auch kleinere Mitbewerber wie die Hurtigruten unter dem "Cash Burn", den man früher etwas weniger dramatisch als Verluste bezeichnete, leiden. Doch Skjeldam gibt sich kämpferisch: "Wir kommen zurück - stärker denn je!" Er wagt sogar die Prognose, die kleinen Schiffe würden als Gewinner aus dieser Krise hervorgehen.

Ein Optimismus, den Skjeldam mit der steilen These begründet, dass der Massentourismus in seiner bisherigen Form nicht mehr zukunftsfähig sei. Ob am Strand oder im All-inclusive-Hotel, im Restaurant oder eben an Bord von Megaschiffen: Überall müssten künftig Abstandsregeln eingehalten, Menschenmassen gemieden werden. Darauf, glaubt Skjeldam, könnten sich kleine Schiffe besser einstellen, zumal Expeditionen meist in dünn besiedelte Regionen führten.

Schon beim Ein- und Ausschiffen ließen sich mehrere Hundert Passagiere leichter abfertigen und lenken als mehrere Tausend. Diese Ansicht teilt Oliver Steuber, der Geschäftsführer von Plantours Kreuzfahrten, dessen einziges Hochseekreuzfahrtschiff, die MS Hamburg, Platz für 420 Passagiere hat. Die Hamburg wird derzeit bei Blohm & Voss modernisiert. Aber nicht etwa Plexiglas-Trennwände oder andere Post-Corona-Maßnahmen werden eingebaut, vielmehr erhalten die Kabinen bodentiefe, elektrisch absenkbare Fenster.

Die 170 Handwerker auf dem Schiff arbeiten in getrennten Teams; ihre Anwesenheit dort dient als Probelauf für das künftige Bordleben von Gästen und Crew. Sie üben den Einbahnverkehr in den Treppenhäusern und auf den Wegen zu und aus den Kabinen. "Die Arbeiter haben das total gut angenommen", sagt Steuber begeistert. Ob die Gäste da auch mitspielen? Auch an Farbcodes denke man, um Gruppen zu trennen, "auf Landausflügen bei unseren jährlichen Antarktis-Expeditionen haben wir damit schon gute Erfahrungen gemacht". Das wäre dann so ähnlich wie in der Kita, statt Igel- und Spatzengruppe wären es dann die Blau- und die Rotwesten.

Helgoland, Borkum, Sylt: Deutschland birgt plötzlich einen ganz neuen Zauber

Steuber hat, wenn 2020 gar nichts anderes möglich ist, einen Plan B in der Schublade: mehrtägige Kreuzfahrten in Deutschland. "Wir haben sehr viele Gäste, die 2020 noch an Bord kommen wollen." Statt nach Hammerfest oder London soll es dann, wie früher, wieder ab Hamburg oder Bremen nach Helgoland, Borkum und Sylt gehen - mit weniger Gästen. Ob das rentabel ist? "Danach fragt im Moment keiner. Jetzt geht es darum, Verluste zu minimieren, überhaupt wieder in Gang zu kommen", sagt Steuber. Deutschland birgt plötzlich einen ganz neuen Zauber. Davon hoffen auch die Anbieter von Flusskreuzfahrten zu profitieren: So plant Arosa zu Pfingsten auf Rhein und Donau loszulegen, Nicko Cruises peilt den 14. Juni an, Viva Cruises spricht eher vage vom Sommer 2020 - auf Rhein, Main und Donau.

Allerdings haben Pläne derzeit eine sehr kurze Halbwertzeit. Weswegen viele Reedereien sich nicht mehr festlegen wollen. So plante Cunard zunächst, den Betrieb bis 16. April einzustellen, schob dann auf den 15. Mai, später auf 31. Juli. Nun hofft man, dass die Queen Mary 2 und die Queen Victoria am 1. August und die Queen Elizabeth am 9. September wieder in See stechen können. Klar ist: Die lukrative Alaska-Saison zwischen Mai und September, ein wichtiger Posten im Jahreskalender, ist abgesagt. Auch für andere Mitbewerber wie die Hurtigruten. Daniel Skjeldam blickt nach vorn. Mit der norwegischen Regierung hat er vereinbart, dass die "schnelle Route" schon im Juni wieder loslegen könnte. Sogar Reisen in die Arktis seien später im Sommer denkbar. Spitzbergen liegt ja quasi vor der Haustüre der Norweger.

Eines sei aber klar, sagt Skjeldam: "Das bei den Gästen beliebte nordische Fischbüfett wird es vorerst nicht mehr geben." Büfetts sind schon länger als Virenschleudern verrufen. Wann es neue, international verbindliche Hygienevorschriften geben wird, ist derzeit unklar. "Daran arbeiten wir aktuell zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation, führenden nationalen Behörden und der International Maritime Organisation", sagt Helge Grammerstorf vom Reedereiverband Clia Deutschland. Bis dahin wurstelt jeder vor sich hin, rüstet sich mit Schutzkleidung, Test-Kits und Fieberthermometern aus, um am Tag X startklar zu sein.

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Die Mein-Schiff-Flotte von Tui Cruises zum Beispiel hat nun auch Laborgeräte an Bord, die Schnelltests innerhalb von 60 Minuten ermöglichen. Branchenkenner halten die hygienischen Vorschriften an Bord von Kreuzfahrtschiffen bereits jetzt für sehr hoch. Man muss sie aber auch umsetzen. Das ist offensichtlich nicht immer geschehen. Tatsächlich gelten auf Schiffen wegen der räumlichen Abgeschlossenheit, die ein Infektionsgeschehen begünstigt, längst strengere Standards als bei manchem Tourismusbetrieb an Land. In den öffentlichen Bereichen der Kreuzfahrtschiffe putzen unentwegt Bedienstete, desinfizieren Handläufe, Türklinken, Tische und Oberflächen. Zudem verfügen sie wegen immer wieder auftretender Norovirus-Erkrankungen bereits über Erfahrung im Umgang mit Infektionshäufungen. Ganz offensichtlich aber ist diese für Corona-Infektionen nicht ausreichend.

Die Clia setzt deshalb auf noch mehr Schulungen für die Crew und auf Schnelltests auf den Schiffen. Handhygiene und Abstand seien aber nach wie vor die wichtigsten Maßnahmen. Passagiere sollten auf jeden Fall mehr Geduld mitbringen für die Einschiffung: ein neuer Gesundheitsfragebogen, Fiebermessen, ausführliche Passkontrolle - das dauert. Michele Andjel aus der Cunard-Zentrale in Southampton sagt dazu: "An diese neuen, strengen Maßnahmen werden wir uns genauso gewöhnen, wie wir uns an die Sicherheitsmaßnahmen für Handgepäck an den Flughäfen gewöhnt haben. Sie werden zur neuen Normalität werden." Irgendwann.

© SZ vom 14.05.2020/ihe
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