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Kreuzfahrten und die Corona-Krise:Im Auge des Hurrikans

Virus-stricken Dutch cruise ship expected to reach Florida's coasts after stand-off over permission to dock

Nach wochenlanger Irrfahrt konnte die MS Zaandam mit zahlreichen kranken Passagieren an Bord am 2. April in Florida anlegen. Einige Gäste starben.

(Foto: AFP)

Fast alle Kreuzfahrtschiffe der Welt stehen inzwischen still. Doch die Krisenstäbe der Reedereien arbeiten weiter unter Hochdruck.

Sein dunkelster Moment? Dennis Tetzlaff überlegt. Aber weil er ein strukturiert denkender Mensch ist, holt er erst mal aus, erzählt, wie minutiös und wie weit im Voraus für gewöhnlich geplant wird: Fahrpläne, Hafenliegezeiten, die Versorgung der Schiffe, Treibstoff - alles hat normalerweise einen Vorlauf von Jahren. Klar müsse man dabei auch flexibel sein, müsse wenn nötig schnell umrouten. "Aber als wir dann im Februar feststellten, ein Hafen nach dem anderen macht dicht, das war schon eine ziemlich kritische Lage." Irgendwann gab es schlicht keine Häfen mehr, in die man die Schiffe hätte umdirigieren können.

Tetzlaff, 35 Jahre alt, ist Chef des Krisenstabs in der Hamburger Firmenzentrale von Tui Cruises. Oder besser einer von drei Chefs: Das Kernteam des Krisenstabs, auch Emergency Response Team genannt, besteht aus zwölf Personen. Alle wichtigen Positionen sind dreifach besetzt. Ähnlich wie in Krankenhäusern übergeben die Kolleginnen und Kollegen nach ihrer Schicht an die Ablösung. In normalen Zeiten arbeiten sie im Unternehmen als Logistiker, in der Unternehmenskommunikation, in der Finanz- oder Rechtsabteilung, organisieren die reibungslose An- und Abreise der Gäste. Zusammengerufen werden sie nur bei besonderen Vorkommnissen. Eine App alarmiert die Mitglieder.

"Seit Jahren schon gibt es diese Struktur", sagt Tetzlaff. Wenn eine besondere Situation es erfordere, etwa bei einer Havarie oder 2010 bei der Aschewolke nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull, tritt das Team zusammen. "Aber Corona hat alles getoppt", sagt Tetzlaff. Sicher, im Vergleich zu anderen in der Branche hat es Tui Cruises noch besser getroffen. Kein Schiff der Flotte hatte Infizierte an Bord.

Alle Reedereien haben aktuell Krisenstäbe - es geht ja um nicht weniger als die wirtschaftliche Existenz. Was etwa in der Zentrale von Princess Cruises los ist, mag man sich gar nicht ausmalen: Nach der Diamond Princess und der Grand Princess hat mit der Coral Princess ein weiteres Schiff der Reederei Covid-19-Infizierte an Bord. Die Coral Princess wartet - ähnlich wie zuvor die Zaandam und die Rotterdam von Holland America Lines - in den Gewässern vor Florida darauf, einen Hafen anlaufen zu dürfen. Nun kommen auch noch schlechte Nachrichten aus Sydney: Wegen der mittlerweile 15 Todesfälle nach Corona-Infektionen auf der Ruby Princess ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Ein deutsches Schiff, die Artania, liegt an der Westküste Australiens, in Fremantle, unter Quarantäne. 23 Passagiere und 13 Crewmitglieder sind mit dem Coronavirus infiziert und werden in einer Klinik in Perth behandelt. Mehr als 800 Passagiere wurden nach Hause geflogen, 16 weitere sind in einem Hotel unter Quarantäne. Ein 69 Jahre alter Passagier der Artania war am 5. April an den Folgen der Infektion gestorben.

Derzeit sind weltweit nur noch wenige Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs. Wie viele genau, ist schwer zu ermitteln, einige Reedereien halten sich da bedeckt. Allerdings lässt sich auf marinetraffic.com der gesamte Schiffsverkehr weltweit verfolgen. Bekannt ist, dass die MSC Magnifica ihre Weltreise abgebrochen hat und sich derzeit im Indischen Ozean auf ihrem Weg zurück nach Europa befindet. Auch die Costa Deliziosa hat ihre große Fahrt abgebrochen und ist von Oman kommend auf dem Weg nach Italien.

Portrait Dennis Tetzlaff

Dennis Tetzlaff ist einer von drei Leitern des Corona-Krisenstabs bei Tui-Cruises.

(Foto: privat)

Wegen solcher Szenarien, sagt Tetzlaff, müssten alle Mitglieder des Krisenstabs eine Eigenschaft mitbringen: nervenstark sein. Ende Januar trat bei Tui Cruises der Krisenstab zusammen. Jeder Mitarbeiter erhält für diese Zeit eine E-Mail-Adresse, einen Kanal nur für die Zeit der Krise. Und jeder trägt einen anderen Titel. Der Logistics Officer kümmert sich um die Versorgung von Schiffen und Mannschaft. Der Legal Officer ist zuständig für rechtliche Fragen und Regularien. Der Liaison Officer steht in Verbindung mit externen Partnern wie der Polizei, dem Auswärtigem Amt und Diplomaten anderer Länder. Und der IT-Experte im Unternehmen wird zum IT Officer. Ohne digitale Kommunikation wäre solch eine Situation kaum zu bewältigen.

Man kann die Schaltzentrale nicht besuchen, doch Tetzlaff erzählt, dass dort jede Menge Bildschirme blinken, wie auf der Brücke eines Schiffes. Die Position der Schiffe und deren technische Daten - alles lasse sich im Krisenzentrum überblicken. "Die Digitalisierung bringt für uns auch den Vorteil, leichter an Zahlen und Daten zu kommen", sagt Tetzlaff - und Informationen zu verifizieren. So widersprachen sich eine Zeit lang die Nachrichten, welche Häfen noch Schiffe einlaufen ließen.

Canadian passengers Chris & Anna Joiner ask for help onboard Zaandam, Holland America Line cruise ship

Viele Passagiere auf der MS Zaandam waren verzweifelt; so wie dieses kanadische Paar, das Ende März noch von Bord aus um Hilfe gebeten hatte.

(Foto: Reuters)

Zweimal täglich - um 9.30 Uhr und um 16 Uhr - gibt es die Lagebesprechung, "wie im Kanzleramt, nur ohne Kanzlerin". Da treten alle Beteiligten zusammen, Externe sind per Videoschalte dabei. In den ersten Wochen hatte die Rückführung der Passagiere Priorität; sie wurden von den Reedereien teils per Charter ausgeflogen. Mittlerweile stehen andere Fragen auf der Agenda. "Wir arbeiten jetzt an der strategischen Positionierung und der logistischen Versorgung der Schiffe", sagt Tetzlaff. Zugleich müssten Besatzungsmitglieder in ihre Heimatländer zurückgeführt werden - eine Herausforderung angesichts geschlossener Grenzen und des Stillstands im Flugverkehr. "Und natürlich arbeiten wir an der Wiederinbetriebnahme - am Tag X."

Wann genau dieser Tag X kommen wird, fragen sich aktuell viele Länder rund um den Globus - und eben auch die Kreuzfahrtgesellschaften. Cunard hat den 15. Mai anvisiert, bis 28. April sollten die Schiffe bei Hapag-Lloyd Cruises stillstehen. Aber inzwischen sei klar, dass der Termin nicht zu halten ist, sagt Pressechefin Negar Etminan. Sie erzählt, sie habe mal nach einem Brand im Maschinenraum auf der Europa neun Reisen absagen müssen. Schlimmer, dachte sie bis vor Kurzem, könne es nicht kommen. "Aber eine Situation wie diese jetzt haben wir alle noch nie erlebt."

Bei Tui Cruises ist nun Mitte Mai im Gespräch. Dann will man wieder in den normalen Fahrplan einsteigen. Dafür überführt die Reederei nun nach und nach die Schiffe an die entsprechenden Einsteigehäfen. Doch klar ist: "Alles steht unter Vorbehalt", sagt Godja Sönnichsen. Sie ist in Normalzeiten Pressechefin bei Tui Cruises und hat im Krisenstab die Aufgabe des Communications Officer. So fällt ihr die Aufgabe zu, die Medien zu informieren.

Für Dennis Tetzlaff hat sich die Lage ein wenig entspannt. "Wir haben das Auge des Hurrikans erreicht, sprich aktuell herrscht relative Ruhe." Er rechne noch mit ein paar kleineren Stürmen, bis alles wieder nach Fahrplan läuft. Aber die wird er wohl, krisenfest, wie er ist, überstehen. Oder, wie es in der Seemannssprache heißt: Er wird sie abwettern.

© SZ vom 09.04.2020/ihe
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