Kreuzfahrt von Montreal nach Chicago:Kaffee und Kuchen verpasst? Alarm!

Wer die tägliche Kaffee-und-Kuchen-Stunde um 16 Uhr verpasst, der gilt als vermisst und wird beim Abendessen besorgt befragt, ob denn mit dem Befinden wirklich alles in Ordnung sei. Und wer bei den Darbietungen am Abend nicht sämtliche Liedtexte von Udo Jürgens kennt, der ist hoffnungslos verloren.

Oder, beim Essen: Die kulinarische Reise um die Welt findet mit Rücksicht auf den deutschen Gaumen statt, der dann doch gerne kennt, was er isst. Portugal zum Beispiel bedeutet: Schinken mit Spiegelei und Röstkartoffeln, Griechenland: Kaninchenkeule. Seychellen: ein Fruchtcocktail mit Beeren- und Sauerrahm. Dazu liegt ein Stückchen Basilikum neben jedem Hauptgericht, Pasta gibt es ausschließlich mit einem dicken Haufen Käse darauf, und neben dem Kuchenbüffet steht eine popcorneimergroße Schüssel mit Sahne, die Udo Jürgens auch schon besungen hat. Adi sagt dazu: "Futter ist der Lockstoff für die Leute - kaum geht was los, schon sind die ersten da."

Faszinierend entspannt

Das alles führt zu einer faszinierend entspannten Stimmung an Bord, denn so wie die Deutschen auf dem Oktoberfest gepflegt die Sau rauslassen, weil das nun mal die zwei dafür vorgesehenen Wochen im Jahr sind, so wirken sämtliche Passagiere auf der MS Hamburg so Zen wie 337 Hindukühe, weil nun eben Urlaub ist und die Entspannung quasi per Dekret verordnet ist.

Udo Jürgens hat mal gesungen, und das wird einem jeden Abend wieder aufs Neue mitgeteilt, dass mit 66 Jahren das Leben erst beginnen würde und man dann erst Spaß daran habe. Die meisten Passagiere haben in den ersten 66 Jahren ihres Lebens, davon berichten sie gerne, sehr viel gearbeitet und sehr viel gewerkelt, und jetzt, auf diesem Schiff, da wollen sie auch mal mit einer Pfeife im Mund auf dem obersten Deck sitzen und der Welt fünf Stunden lang beim Weiterdrehen zusehen.

Die Essenszeiten geben den (sehr langsamen) Takt an Bord vor, und es kann natürlich mal passieren, dass man beim Abendessen (Grünpfahlmuscheln, Pfirsichsuppe, Lollo Rosso, Kalbslende, Eisbecher) mal jemandem begegnet, der unbedingt beweisen will, was für ein weltgewandter Kosmopolit er doch ist, sämtliche Kreuzfahrten seines Lebens aufzählt und tatsächlich sehr stolz mitteilt, dass ihn der ökologische Fußabdruck, den er mit so einer Reise hinterlässt, aber so was von überhaupt nicht interessiere.

Das Schöne an so einer Begegnung ist, dass man einfach aufstehen und zu Adi gehen kann, der schon mit frisch gezapften Pilsbieren auf einen wartet und später unbedingt tanzen will: "Die jungen Leute können ja keinen klassischen Tanz mehr, die wackeln nur mit dem Hintern." Na dann.

Es gibt wirklich kaum was zu tun auf diesem Schiff, das Internet ist derart wackelig, dass nicht viel mehr als Versenden und Empfangen von E-Mails möglich ist, die gedruckte Bordzeitung präsentiert die Nachrichten von vorgestern, und die auf Kanal 7 des Bord-TVs gezeigten Tagesthemen sind bei der ersten Ausstrahlung mindestens 18 Stunden alt. Ist das nicht herrlich zu sehen, dass sich die Welt auch mal ein paar Tage ohne einen weiterdreht?

Die Passagiere werden nicht von Attraktion zu Attraktion gehetzt, von einem Nur-nichts-verpassen-Moment zum anderen. Das Schiff schippert gemütlich über die Seen, und wer sich gerade ins geistige Nirwana verabschiedet hat, der bemerkt plötzlich: Huch, da ist ja das Footballstadion von Cleveland oder die Innenstadt von Detroit.

Die MS Hamburg legt oft an Stellen an, von denen aus die Leute eine Stadt zu Fuß erkunden können, und so ist das Ziel dieser Reise nicht wie bei viel anderen Kreuzfahrten das Schiff mit möglichst exklusiven Freizeitangeboten, sondern die Orte, die nur wenige Schiffe erreichen können: die Antarktis, den Amazonas, oder eben die Großen Seen in Nordamerika.

In Milwaukee hat Adi übrigens während der unterhaltsamen Führung durch diese Brauerei, die gerade umgebaut wird, vier frisch gezapfte Biere bekommen. Danach hat er das Skatturnier gewonnen - ob die Biere damit zu tun gehabt haben, das lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen.

Info

Die MS Hamburg, Baujahr 1997, modernisiert 2012, befährt als einziges deutschsprachiges Schiff die Großen Seen. Das Schiff wurde eigens für die Kreuzfahrten auf den Großen Seen baulich an die engen Schleusen angepasst: Die Tenderboote sind innen hängend. Die MS Hamburg hat Platz für 400 Passagiere und 170 Bordmitarbeiter. Die nächsten Termine für die Reise ab/bis Montreal sind 15. September bis 2. Oktober sowie 1. Oktober bis 18. Oktober 2019. Preisbeispiele: ab 4299 Euro pro Person in der Zwei-Bett-Innenkabine und ab 5599 Euro pro Person in der Zwei-Bett-Außenkabine, jeweils inkl. Flügen ab/bis Deutschland und Vollpension. Informationen und Buchungen: www.plantours-kreuzfahrten.de oder Telefon 04 21/17 36 90

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 21.02.2019/kaeb
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