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Kreuzfahrt-Crew auf leeren Schiffen:Putzen, schrauben, heiraten

Reise Kreuzfahrtentext

Die Gäste sind weg, die Crew hat jetzt andere Aufgaben - zum Beispiel einen großen Frühjahrsputz.

(Foto: Hapac-Lloyd Cruises)

Auf den Kreuzfahrtschiffen, die weltweit in Häfen liegen, sind keine Gäste mehr. Aber oft muss die Mannschaft in der Fremde ausharren. Dabei gibt es auch ungewöhnliche Momente.

Es herrscht nun relative Ruhe auf den Kreuzfahrtschiffen - jetzt, da weltweit fast alle Passagiere von Bord gegangen sind. "Das war schon einmalig, innerhalb einer Woche alle Gäste heimzutransportieren, vom Schiff zum Airport und nach Hause. Und alle gesund", sagt rückblickend Hansjörg Kunze, Kommunikationschef bei Aida Cruises. Erleichtert und froh sei er, alle 14 Schiffe der Reederei so schnell leer bekommen zu haben. Nur: Leer sind die Schiffe keineswegs.

Tausende Crewmitglieder, schätzt Kunze, sind noch an Bord - allein auf den Aida-Schiffen. Die Heimreisen seien extrem kompliziert bis unmöglich. "Die einen würden lieber schnell nach Hause kommen, die anderen möchten, aus gesundheitlich-hygienischen Gründen, lieber an Bord bleiben." Denn klar ist: Für viele Mitarbeiter, ob aus Südostasien, Italien oder Spanien, sind Schiffe, auf denen alle gesund sind, derzeit der sicherste Ort.

Nach einer Schätzung der US-Küstenwache waren vergangene Woche noch 93 000 Crewmitglieder an Bord von Kreuzfahrtschiffen - allein in US-amerikanischen Gewässern. Das berichtete am 7. April der Onlinedienst "g Captain", ein Nachrichtenportal für die Schiffsindustrie. Wie viel Personal weltweit noch auf Schiffen ist, lässt sich nur schwer beziffern.

Viele Länder verbieten das Anlegen

Auch Maya Schwiegershausen-Güth von der Gewerkschaft Verdi kennt keine genauen Zahlen, nennt aber einen Anhaltspunkt: "Monat für Monat wechseln sich auf Schiffen weltweit, inklusive Frachtschiffe, normalerweise circa 100 000 Mitarbeiter ab." Verträge laufen ab, Seeleute mit neuen Verträgen kommen an Bord. Doch nun ist die Fluktuation, ist der Turnaround blockiert.

Die Lage sei kompliziert, sagt sie, denn viele Länder verweigerten den Schiffen die Erlaubnis anzulegen - selbst wenn diese unter der Flagge dieser Staaten fahren. "Flaggenstaaten müssen ihre Verantwortung wahrnehmen, sprich den Schiffen das Einlaufen erlauben und den sicheren Crewwechsel unterstützen", fordert Schwiegershausen-Güth.

Ein Großteil der Kreuzfahrtflotte liegt aktuell rund um den Globus verteilt offshore vor Anker, davon die meisten in US-amerikanischen Gewässern, einige europäische Schiffe sammeln sich um die Kanarischen Inseln, um Kreta oder auch in kleinen Häfen in Nord- und Ostsee. Auch in Deutschland ist die Lage verworren.

Zwar hat die Bundespolizei die Weisung, Menschen aus Mitgliedsstaaten der EU an Land zu lassen, doch ob die danach in Quarantäne kommen, ob sie auf Covid-19 getestet werden oder heimreisen dürfen, ist unklar. "Klar ist, dass die Fürsorgepflicht beim Arbeitgeber liegt", sagt Gewerkschaftsfrau Schwiegershausen-Güth.

Viele Mitarbeiter kommen über Personalagenturen wie Sea Chefs auf die Kreuzfahrtschiffe. Dann, so Schwiegershausen-Güth, sei Sea Chefs vertraglich verpflichtet, für An- und Heimreise zu sorgen. Enden die üblicherweise neun Monate laufenden Verträge, müssten die Arbeitgeber den Lohn weiter zahlen. Verdi und die Internationale Transportarbeiter-Föderation ITF haben für die Seeleute in der Frachtschifffahrt ausgehandelt, dass die Verträge zunächst um bis zu 30 Tage verlängert werden können. Aktuell diskutiert man darüber, die Frist um weitere 30 Tage bis Mitte Mai zu verlängern.

Schwiegershausen-Güth sorgt sich vor allem um die Seeleute auf Cargoschiffen. Neun Monate seien eine lange Zeit, die Arbeit sei hart, der Kontakt der Seeleute zu ihren Familien kompliziert und teuer. Deshalb, so Schwiegershausen-Güth, "kämpfen wir gerade darum, dass sie kostenlos mit zu Hause kommunizieren können".

Die Schiffe ankern jetzt über den Globus verteilt vor den Küsten

Da ist das Leben auf Kreuzfahrtschiffen doch angenehmer. Internet und Wlan sind für die Dauer der Krise auf vielen Schiffen kostenlos, etwa bei Aida und Hapag-Lloyd Cruises (HL Cruises). Um den geforderten Abstand einzuhalten, wohnen die Mitarbeiter in den Gästekabinen und essen in den großen Restaurants. HL Cruises hat zudem eine kleine Rückholaktion selbst organisiert.

Ende März hat die Hanseatic nature, die von Colón in Panama kommend nach Hamburg unterwegs ist, in den Gewässern vor Barbados 110 Crewmitglieder der MS Europa und der Hanseatic inspiration an Bord genommen. "Wir wollten so vielen Crewmitgliedern so schnell wie möglich die Gelegenheit geben, nach Hause zu kehren. Daher haben wir die Rückreise selbst in die Hand genommen", erklärt dazu Karl J. Pojer, CEO von HL Cruises. Geplante Ankunft der "Crew-Cruise" in Hamburg ist der 20. April.

Die gute Nachricht: eine Hochzeit

Man hat nun keine Gäste, aber umso mehr Zeit; Zeit für einen intensiven Frühjahrsputz und Reparaturen, die man bei Publikumsbetrieb nicht machen kann. Sogar zum Heiraten war Zeit: Ulf Wolter, Kapitän der Hanseatic inspiration, traute Konditormeisterin Marie-Louise Kleemann und Bertram Markus Täschler aus der Kochbrigade.

Um die Crew zu motivieren und zusammenzuhalten, hat sich Kapitän Thilo Natke auf der Hanseatic nature etwas überlegt: "Wir wollen die Gesamtdistanz unserer Reise zu Fuß an Deck zurücklegen - von Colón nach Hamburg. Wir nennen das 'Walk the Cruise' ", schreibt er auf dem Blog der Reederei. Wenn jedes der 138 Crewmitglieder täglich 28 Runden auf Deck zu je 135 Meter mache, wären das 14 048 Kilometer oder 7600 Seemeilen.

Auf den Aida-Schiffen versucht man, die tägliche Routine aufrechtzuerhalten. "Die Crew arbeitet relativ normal, aber ich glaube, dass sie das trotzdem genießt", sagt Kunze. So dürften die Leute den Fitnessbereich nutzen, einige verbesserten ihre Deutschkenntnisse, andere nutzten Weiterbildungsangebote, die Brücke führe Manöver und Rettungsübungen durch, die mit Passagieren an Bord nicht möglich sind. Einen Eindruck über das derzeitige Bordleben bietet ein Youtube-Video.

Doch ganz so entspannt ist die Realität nicht: Die Mitarbeiter mussten kritische Situationen meistern, als sämtliche Fahrpläne Makulatur wurden, als Reisen abgebrochen und den Passagieren immer neue, unangenehme Nachrichten überbracht werden mussten. "Auch in der Ferienstimmung ist das ein schon harter Job", sagt Hansjörg Kunze, "aber das waren besondere Momente in einer veränderten Situation." Aida habe den Mitarbeitern psychologische Betreuung angeboten, um das zu verarbeiten. "Das war schon ein wichtiges Angebot", sagt Kunze.

© SZ vom 16.04.2020
Illustration Reise VR ET 2.4.2020

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