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Kreuzfahrt:Alles steht still

Coronavirus - Indonesien

Als die Schiffe noch fuhren: In Indonesien lag das australische Kreuzfahrtschiff Coral Adventure im Hafen von Soekarno-Hatta. Die Passagiere und Besatzungsmitglieder mussten sich beim Verlassen des Schiffs in der Stadt einer Untersuchung unterziehen.

(Foto: Herwin Bahar/dpa)

Das Coronavirus stürzt die gerade noch von Wachstumsrekorden und Bauboom verwöhnte Kreuzfahrtindustrie in eine nie gekannte Existenzkrise.

Auf den Meeren findet ein Wettlauf gegen die Zeit statt, wie ihn die Kreuzfahrtbranche bislang noch nicht erlebt hat. Ob Aida, NCL, MSC, Costa oder Tui Cruises - alle Kreuzfahrtveranstalter holen ihre Gäste zurück. Das Coronavirus zwingt nach und nach sämtliche der etwa 400 Schiffe der weltweiten Flotte, in einen Hafen einzulaufen. Doch diese schließen einer nach dem anderen. Und weil immer mehr Linienflüge eingestellt werden, müssen die Veranstalter Flugzeuge chartern - Kapazitäten sind ja nun reichlich vorhanden. Doch selbst dann steht die Rückreise unter Vorbehalt. So liegt aktuell die Aida Mira mit rund 1300 Passagieren im Hafen von Kapstadt. Die Flüge sind gebucht, doch Behörden verweigern die Ausreise. An Bord soll es sechs Corona-Verdachtsfälle geben. Alle Passagiere und die Besatzung müssen nun auf die Testergebnisse warten.

"Solch eine Situation hat es noch nie gegeben", sagt Negar Etminan, die Pressesprecherin von Hapag-Lloyd Cruises. Die Reederei hat mittlerweile fast alle Gäste zurückgeholt. Einzig das Expeditionsschiff Bremen ist noch unterwegs. Es wird als letztes der Hapag-Lloyd-Flotte seine Reise regulär beenden. In Auckland, Neuseeland, steigen die Gäste aus. "Wären wir nicht schon vorher in neuseeländischen Gewässern unterwegs gewesen, wäre der Hafen jetzt zu für uns", sagt Etminan.

Genau das ist das Problem des Expeditionsschiffes L'Austral der französischen Reederei Ponant, das nach dem Ende der Antarktissaison auf dem Weg nach Norden war. In Montevideo sollten die Gäste von Bord gehen. Doch weder Uruguay noch Argentinien oder Brasilien lassen die schon zweimal auf Corona getesteten Passagiere (alle gesund) und die Crew an Land. Nun macht sich das Schiff auf den Weg über den Atlantik nach Frankreich. Die mehrheitlich französischen und australischen Passagiere nehmen es gelassen - noch, wie von Bord zu hören ist.

Auch die Flusskreuzfahrtschiffe von Nicko, Arosa oder Croisi Europe haben ihren Dienst eingestellt: Auf Rhein und Donau, auf Rhône und Saône sind nur noch Frachtschiffe unterwegs. Wie lange der Stillstand dauert, ist nicht abzuschätzen. So pausiert Cunard bis 11. April. Auch Royal Caribbean unterbricht seine Kreuzfahrten bis 11. April. Hapag-Lloyd Cruises stoppt alle Reisen bis Ende April. Bis dahin versuchen alle Reedereien nun fieberhaft, ihre Schiffe in Häfen zu positionieren, um dann wieder in den Fahrplan einsteigen zu können.

Dennoch fragt sich mancher: Ist dies das Ende der Kreuzfahrt? "Keiner weiß, was am Ende die Konsequenzen sein werden", sagt Helge Grammerstorf, der Deutschlandchef des Weltreedereiverbands Clia. Doch das Produkt Kreuzfahrt sei so gut entwickelt, dass die Lage sich beruhigen werde. "Es wird einen Knick geben, aber es wird weitergehen."

In der Meyer-Werft in Papenburg habe es bislang keine Auftragsstornierungen gegeben, sagt Peter Hackmann, Kommunikationschef des Familienunternehmens, das stark vom Kreuzfahrtboom profitiert. Am heutigen Donnerstag läuft das 50. Kreuzfahrtschiff der Werft, die Iona, vom Stapel. Hackmann sagt, die Situation erinnere ihn an den 11. September 2001, der Terroranschlag habe damals auch zunächst die gesamte Lieferkette gelähmt. Er vertraue auf die Finanzstärke der großen Kreuzfahrtkonzerne.

Doch die von Wachstumsrekorden und Gewinnen verwöhnte Branche erlebt derzeit einen Absturz an den Börsen. So fiel der Aktienwert der Carnival Corporation, des größten Kreuzfahrtkonzerns der Welt, zu dem unter anderem Aida Cruises, Cunard Line und Costa Crociere gehören, von 47 Euro Mitte Februar auf aktuell unter zehn Euro.

© SZ vom 19.03.2020
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