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Kolumne "Mitten in ...":"Ich verzeihe dir, aber ..."

Auch die massivste goldene Uhr, die je außerhalb eines Schaufensters gesehen wurde, hilft in Singapur nicht gegen Liebeskummer. In Podgorica dagegen wird Dummheit belohnt.

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Singapur

Ein singapurischer Bekannter, 30 Jahre alt, Immobilienmakler, ums Handgelenk die massivste goldene Uhr, die je außerhalb eines Schaufensters gesehen wurde, hat Liebeskummer. Seine Freundin hat Schluss gemacht, und jetzt braucht er jemanden zum Reden. "Was war denn der Grund für das Aus?", will die deutsche Kummerkastentante wissen. "Sie hat mich erwischt, als ich einer anderen eindeutige SMS geschickt habe." "Aber dann verdienst du es nicht anders." Doch, schluchzt er. Er habe ihr gesagt, dass er "alles, alles" tun würde, damit sie ihm verzeihe. Sie habe 10 000 Dollar verlangt, 6600 Euro - da habe er ihr 40 000 gegeben. "Dann hat sie gesagt: Ich verzeihe dir, aber ich nehme dich nicht zurück." Das wiederum ist ja total fies, findet die Kummerkastentante - und denkt sich doch insgeheim: So ein singapurischer Lover könnte im nächsten Leben ein Investment sein.

Susanne Perras

SZ vom 10. Januar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Poing

Mülltrennung kann eine Lebensaufgabe sein. Wer es ernst meint, sollte zum Beispiel unbedingt die Beschichtung vom Wurstpapier knibbeln. Aber wohin mit dem ganzen Verpackungsmüll? Alle paar Tage müsste man zur Wertstoffinsel fahren - unschaffbar. Es braucht also eine Zwischenlösung. In der Waschküche würde das Zeug das Haus vollstinken. Gartenlagerung? Ist den Nachbarn weder optisch noch olfaktorisch zuzumuten. Aber, Idee: Man kaufe sich eine XXL-Zusatztonne und platziere sie etwas abseits von den regulären Tonnen mit den "Müllgebühr entrichtet"-Aufklebern auf dem Deckel. Heimkehr am Restmülltonnenleerungstag. Die kleine Tonne mit dem Aufkleber ist leer, die große ohne Aufkleber auch. Weg die Plastikabfälle eines ganzen Monats. Danke, liebe Müllabfuhr, für die Gratis-Entsorgung. Und fürs schlechte Umweltgewissen.

Nadeschda Scharfenberg

SZ vom 10. Januar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Podgorica

Wer im Urlaub einen Copyshop sucht, macht was falsch - denke ich, als ich im Urlaub einen Copyshop suche. Ich irre durch Montenegros Hauptstadt Podgorica. Und warum das Ganze? Weil man, ganz optimistisch, ganz dumm, einfach mal losgefahren war. Durch Slowenien, Kroatien, ab und zu Maut, ansonsten keine Hindernisse. Bis der Grenzbeamte in Bosnien-Herzegowina bei der Ausreise eine Green Card sehen wollte, eine Green Card, hä? Na, eine Versicherungsbescheinigung fürs Auto, ihr Super-Touris! Nach einer 20-Minuten-Eskalation ließ man uns gehen, hinter der Grenze schrieben wir eine Mail an die Versicherung: Braucht man wirklich diese seltsame grüne Karte? Braucht man. Also suchen wir einen Copyshop. Als wir in einem Hinterhof fündig werden, wird Dummheit belohnt. Sie haben genau vier Papierfarben: Weiß, Grau, Rot und Grün.

Friederike Zoe Grasshoff

SZ vom 10. Januar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Kyoto

Im Ryoanji-Tempel in Kyoto befindet sich Japans berühmtester Zen-Garten: 15 bemooste Basaltinseln auf einem Meer aus geharktem, weißen Kies. Die Touristen schieben sich barfuß daran vorbei. Weniger bekannt ist das steinerne Becken zur rituellen Reinigung gleich hinterm Meditationsgebäude: unscheinbar, klein wie ein Teller, aus einem Bambusrohr plätschert Wasser hinein. Doch die vier eingearbeiteten Schriftzeichen um seine quadratische Öffnung bedeuten nichts weniger als die Quintessenz des Zen. "Excuse!", ruft eine europäische Besucherin rüde. Sie will an den still anstehenden Japanern vorbei, das Becken noch schnell mit dem Handy fotografieren. "Excuse!", dieses Mal mit Ellenbogeneinsatz. Die Japaner verziehen keine Miene, sind selbst dazu zu höflich. Die Schriftzeichen bedeuten: "Wissen reicht mir zur Zufriedenheit."

Jochen Temsch

SZ vom 3. Januar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Im Bio-Supermarkt in Haidhausen. "Namaste!", begrüßt die weltgewandte Kassiererin eine Kundin. Die grüßt mit "Namaste!" zurück. "Sie sind doch aus Indien, oder?", fragt die Verkäuferin sicherheitshalber. "Yes", antwortet die Kundin. Die Verkäuferin zieht das Stück Rindfleisch übers Band und weist beflissen darauf hin: "Holy cow. You can't buy this." Sie sei nicht religiös, antwortet die Kundin und besteht auf ihrem Bio-Rindfleisch. Die Kassiererin verabschiedet sie, natürlich auf Indisch. Die nächste Kundin wird phänotypisch als Einheimisch einsortiert und mit einem langweiligen "Hallo!" begrüßt. Da sagt die Kundin: "Wenn man hier in seiner Landessprache begrüßt werden kann, dann würde ich das auch gern in Anspruch nehmen." Sie komme aus Bayern. Da sagt die Kassiererin: "Bairisch - das kann ich leider nicht."

Nora Reinhardt

SZ vom 3. Januar 2020

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Catania

Jetzt muss der junge Mitarbeiter der Autovermietung am Flughafen in Catania nur noch die Schäden am Mietwagen im Übergabeprotokoll markieren. Er bringt das Klemmbrett in Position und begutachtet die Motorhaube. Sieht doch ganz gut aus, sagt er. Hier ein Kratzerchen, da ein Kratzerchen. Mit dem Kugelschreiber markiert er die Positionen auf der vorgedruckten Autosilhouette. Dann die rechte Fahrzeugseite. Ein paar Dellen mehr. Na gut, eigentlich ist diese Seite komplett zerschrammt - und ein bisschen eingedrückt. Sorgenfalten auf der Stirn des Mitarbeiters, während sein Kuli das Papier schraffiert. Jetzt die Radkappen. Rundum verkratzt. Alle. Der Kuli kreiselt. Nach und nach weicht die Anspannung in seinem Gesicht einem Ausdruck der Zufriedenheit. Große Teile des Vordrucks sind ausgemalt. "Today I feel like Picasso", sagt er und strahlt.

Christian Jooß-Bernau

SZ vom 3. Januar 2020

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Mitten in ... Wien

"A Must-see", steht auf den Plakaten, die für die Albrecht-Dürer-Ausstellung in der Wiener Albertina werben. Und natürlich sind die Bilder des Nürnberger Renaissance-Malers ein Muss, keine Frage. Dummerweise sehen das viele Kunstfreunde genauso, das Museum ist proppenvoll. Jeder will die Betenden Hände oder den Feldhasen mit seinem geheimnisvollen rechten Auge sehen. So auch die zwei Italienerinnen, die an den Bildern entlang spazieren und jedes davon abfilmen. Selbstverständlich in aller Seelenruhe. Man will sich schon beschweren, verschwinden doch die erstaunlich kleinen Bilder komplett hinter ihren bedenklich großen Tablets. Als aber eine von ihnen den Hasen heranzoomt, erkennt man es im Display: Das Hasenauge schaut sich in Dürers Atelier um, dessen Fensterkreuz ist deutlich zu erkennen. A Must-see, keine Frage!

Josef Grübl

SZ vom 27. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Landsberg am Lech

Auf nach Freiburg, einer der besten Freunde aus Kindertagen wird 30. Die Bahn wäre sehr teuer und würde sehr, sehr lange brauchen. Dann doch lieber mit dem Auto. Schlechten Umweltgewissens eingestiegen und - ha! - der Einfall. Man hat ja diesen wiederverwendbaren Kaffeebecher aus gepresstem Kaffeesatz im Schrank. Könnte man jetzt endlich mal benutzen, als kleine Kompensation für den CO2-Ausstoß. Den also noch schnell geholt und dann los in aller Herrgottsfrühe, die Autobahn runter Richtung Bodensee. Draußen ist es grau, die Bäume ziehen vorbei, Chet Baker singt aus dem Lautsprecher. Dann Kaffeepause in Landsberg am Lech, den Becher gezückt und über die Theke geschoben. Der Barista stutzt, nimmt ihn aber. Schiebt einen To-go-Becher unter die Kaffeemaschine. Lässt ihn volllaufen. Füllt den Kaffee um. Wirft den Pappbecher weg: "Bitte sehr."

Benedikt Peters

SZ vom 27. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Doha

Alles geht so schnell und reibungslos am Flughafen in Doha, dass man geradezu dazu verleitet wird, aus der Reihe zu tanzen. Schon frühmorgens kontrollieren strahlende Gesichter die Bordkarte, bereits vor der Gepäckaufgabe, damit auch ja niemand umsonst wartet. Dann erklärt einem die perfekt gestylte Mitarbeiterin seelenruhig, dass man nicht zu lange im Duty Free Shop trödeln soll, damit man den Flughafenzug noch schafft, der einen zum Gate bringt. So viel Perfektion braucht Rebellion. Also schlüpft man kurz vor der Sicherheitskontrolle unter dem Absperrband durch, um sich das dreimal im Zickzack Laufen zu ersparen. Ist ja niemand vor einem. Da brüllt ein katarischer Sicherheitsmann quer durch die Halle: "Ich bin doch kein Sack Guaven und steh' hier umsonst! Zurück mit Ihnen! " Da ist er ja endlich: Der Orient, so wie man ihn kennt - und liebt.

Dunja Ramadan

SZ vom 27. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Köln

Zugfahrt von Köln nach München mit einem Sport- und Unterhaltungsprogramm der Bahn für die Fahrgäste. Vor der Abfahrt werden sie von Gleis 11 treppauf nach Gleis 2 geschickt, dann doch zurück nach Gleis 11. Dort wird die Änderung der Wagenreihung angekündigt. Nach dem Spurt über den Bahnsteig endlich im Zug angekommen, merkt man: Die Information war falsch. Dieser Teil des ICE fährt nur bis Nürnberg. Mit Dutzenden Reisenden steigt man in Frankfurt in den hinteren Teil um. Eine halbe Stunde vor Nürnberg die Durchsage: Es gibt technische Probleme. Kollektives Aufstöhnen. Mit Dutzenden Reisenden wechselt man in Nürnberg wieder nach vorne und lässt sich erschöpft in der ersten Klasse nieder. Versuchte jetzt ein Kontrolleur, einen in die zweite Klasse zu schicken, man würde ihn glatt auslachen. Ach, aber: Ankunft top pünktlich.

Ingrid Hügenell

SZ vom 20. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Verdun

Morgens am Bahnhof von Verdun, bis zum Abend wollen wir nach München. Der Automat im Schalterraum hilft leider nicht bei der Frage, ob wir unsere Räder mit in den Zug nehmen dürfen, die SNCF-App löst das Rätsel auch nicht. Aber kein Problem: Schlag 9.30 Uhr öffnet der Schalter. Wir würgen unser Anliegen in stückigem Schulfranzösisch hervor. "Wir streiken jetzt", antwortet der Mann am Schalter. "Der Strom wird abgestellt." Der Ticketautomat geht aus. "Was machen wir jetzt?" Der Mann zeigt auf einen gedruckten Fahrplan, sagt, welchen Zug wir nehmen sollen, wo wir umsteigen müssen. Die Räder? "Überhaupt kein Problem." Wie kaufen wir ein Ticket? "Egal, steigt einfach ein." Der Zug fährt pünktlich um 10.37 Uhr, wie es im Fahrplan steht, der Mann von der Bahn winkt freundlich zum Abschied. Toll, so ein Streik bei der französischen Bahn.

Sebastian Herrmann

SZ vom 20. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Würzburg

Der Mann Ende zwanzig sieht gelassen aus, als er in Würzburg in den Zug steigt. Er trägt modische Löcher in den Jeans, die Haare an den Knien entblößen, wie man sie früher auf der Brust von Sean Connery sah. Der Hipster macht es sich bequem und beginnt, auf seinen Nachbarn einzureden, einen höflich-leisen Amerikaner. Es jammert und schimpft der Hipster in einem Englisch, das reich an Vokabeln ist, aber auch brutal im deutschen Zungenschlag, der wie eine Masche klingt. Davon könnten sich die Mitreisenden ein Hörbuch machen, weil Mr. Allwissend seine Tiraden in der Lautstärke eines Stadionsprechers hält. Zu seinen Lieblingsworten gehören "shame", "shocking" und "annoying". 55 Minuten geht das so, dann verlässt er den Zug, wortreich und aufgebracht, seine Arme wedeln vorwurfsvoll. Im Zug, hinter dem Fenster, hört man: nichts.

Milan Pavlovic

SZ vom 20. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Manang

Die aufregendsten Dinge, die man in Nepal tun kann, in aufsteigender Gefährlichkeit: durch den Himalaja kraxeln, am öffentlichen Nahverkehr teilnehmen, am öffentlichen Nahverkehr im Himalaja teilnehmen. Der funktioniert so, dass Jeeps über Staubpisten klappern, auf denen auch Monstertrucks umgehend Havarie erleiden würden. Aber wer nach seiner Trekking-Tour schnell zurück in die Hauptstadt will, kommt daran nicht vorbei, also: auf zum Jeep-Parkplatz in Manang. Unser Fahrer wechselt fünf Minuten vor Abfahrt seelenruhig das rechte Vorderrad, kurz darauf steuert er das Gefährt mit einer Hand durch mondkratertiefe Schlaglöcher und Zentimeter an einer Trekking-Gruppe vorbei, mit der anderen telefoniert er gelangweilt. Die Beifahrer? Hüpfen wie Flummis auf und ab. Den Rest des Rückwegs sind wir dann doch gelaufen.

Johannes Knuth

SZ vom 13. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Santa Cruz

Der Urlaub auf der Insel ist vorbei, am Flughafen noch ein Blick auf den berühmtesten Madeirer: Cristiano Ronaldo in Bronze. Es ist die zweite Büste, die erste kam nicht gut an, zu verzerrt das Gesicht. Immerhin hatten die Reisenden damals zum Abschied etwas zu lachen. Jetzt zurrt man emotional wenig bewegt den Gurt zurecht und schaltet in Erwartung der Sicherheitsbelehrungen innerlich in den Flugmodus. Plötzlich knistert eine gut gelaunte Männerstimme aus dem Lautsprecher. "Ich wär jetzt endlich so weit: Wir möchten Sie mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen." Beim Punkt "Schwimmwesten" sagt die Stimme: "Schließen Sie den Gurt um Ihre schlanke Taille." Die Mundwinkel der Flugbegleiterin, die die Schwimmweste vorführt, zucken. Gerade noch rechtzeitig schafft sie es, die entgleisenden Gesichtszüge hinter gelbem Plastik verbergen. Segensreiche Sache, so eine Sauerstoffmaske.

Eva Dignös

SZ vom 13. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Endlich das Rauchen aufgehört. Vor sechs Monaten, was noch nicht viel ist, aber auch nicht nichts. Jedenfalls genau die Phase, in der man sich immer mal wieder wünscht, an einer Zigarette zu ziehen. Nur ein bisschen. Vor ein paar Tagen zum Beispiel, auf dem Weg zur Arbeit, den man neuerdings, aus lauter Überschwang, radfahrend zurücklegt. Die Denninger Straße, Münchner Osten, man radelt also vor sich hin. Geht ein Mensch in Richtung Radweg, zieht an einer Zigarette, bläst aus, und es steht fest: Man wird jetzt gleich direkt durch den Rauch fahren. Die Sache ist geritzt, denkt man, diese Wolke gehört mir. Schnell, schnell, bloß nichts verpassen. Dann ist man umwölkt, atmet tief ein - Allmächt! Menthol-Zigaretten. Ein minziges Unglück. Sofort wieder ausgehustet. Danach schnell weitergeradelt, leise fluchend.

Josef Wirnshofer

SZ vom 13. Dezember 2019

Kolumne Mitten in

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Memphis

Immer wieder gibt es Phänomene, die - neben dem amtierenden Präsidenten - Vorurteile gegen Amerika nähren. Zum Beispiel "Dr Pepper", ein koffein- und zuckerhaltiges Erfrischungsgetränk, das ein Apotheker namens Charles Alderton 1885 erfunden hat. In Deutschland wirbt Dr Pepper mit dem Claim: "Schmeckt. Aber nicht jedem." Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht dieser Geschichte aus Memphis. Das ist die Stadt, in der Elvis Presley begraben liegt und die deshalb jedes Jahr mehr als eine halbe Million Besucher anzieht. Einer dieser Touristen besucht eines Abends ein nobles Restaurant an der Main Street, es ist in einem alten Prachtkino untergebracht und schon deshalb einen Besuch wert. Er bestellt sein Abendessen und bittet den Kellner um ein bisschen Pfeffer ("some pepper"). Worauf dieser ihm ein Glas Dr Pepper auf den Tisch stellt.

Nikolaus Piper

SZ vom 6. Dezember 2019

Kolumne Mitten in

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Prag

Im Sprachengewirr der Touristenscharen in Prag ist das Paar unzweifelhaft als Besucher aus dem Südwesten Deutschlands auszumachen. Munter schwätzt es auf dem Weg zum jüdischen Viertel vor sich hin, auf der Suche nach der ältesten Synagoge der Stadt, ja der ältesten ohne Zerstörung erhaltenen Synagoge in Europa. Zweimal um die Ecke noch, und man steht vor der frühgotischen Altneusynagoge (Altneuschul) aus dem 13. Jahrhundert. Sicherheitskontrollen gibt es hier keine, Einlass in den Hauptsaal mit dem Thora-Schrein wird aber nur mit Eintrittskarte gewährt, für knapp acht Euro pro Person. Die Schwaben-Frau will hinein, das Interesse des Schwaben-Mannes allerdings schwindet rasch angesichts der Preisliste. "Mir henn dahoim bei ons do au a Synagog, 's werd do drin au ned recht vil anders ausseha", sagt er. Beide drehen ab.

Werner Schmidt

SZ vom 6. Dezember 2019

Mitten in Münster

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Münster

Im größten und teuersten Schuhgeschäft Münsters ist an diesem Samstag fast kein Durchkommen. Gefühlt sind das halbe Münsterland plus ein Viertel der Niederlande auf der Suche nach neuen Winterstiefeln. Auswahl gibt es in dem Geschäft auf dem Prinzipalmarkt so viel, dass man Tage, wenn nicht Wochen bräuchte, um alle durchzuprobieren. Etwa 70 000 Paar Schuhe zwischen 15 und 990 Euro sollen vorrätig sein. Ein älteres Paar schlendert von Regal zu Regal, die Frau nimmt mal eine Chelsea-Stiefelette in die Hand, dann gefütterte Leo-Print-Ballerinas, ihr Blick fällt auf strassbesetzte High Heels und schwarze Schlupfstiefel. Ihr Mann will offenbar bei der Entscheidung helfen, er überlegt länger, dann sagt er, ganz ernst: "Es gibt ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten: flache Schuhe oder welche mit Absatz."

Jana Stegemann

SZ vom 6. Dezember 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Phu Quoc

Schon den ganzen Tag strahlt die Sonne erbarmungslos auf dieses vietnamesische Inselchen nahe Kambodscha. Die Hitze ist eigentlich unerträglich. Trotzdem liegen die meisten Asiaten in langer Kleidung am Strand. Sie schätzten ihre Blässe, erklärt mir einer von ihnen. Als die untergehende Sonne schließlich erste spektakuläre Farbtöne an den Himmel malt, springt eine junge Asiatin plötzlich auf und entkleidet sich in Sekundenbruchteilen. Sie will bestimmt endlich ins Wasser, jetzt, wo die Strahlung nachlässt. Denke ich. Doch sie setzt sich im Bikini in den Sand, baut sich aus leeren Bierdosen ein Stativ und stellt ihr Smartphone auf. Dann hält sie sich eine Creme ans Gesicht, vor die Brust, auf den Bauch, über den Kopf. Sie macht Werbung für ein Hautpflegeprodukt. Kaum eine Minute lang knipst sie Bild auf Bild, dann springt sie auf. Schnell wieder anziehen.

Max Sprick

SZ vom 29. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Paris

Das Portemonnaie ist weg - samt Bargeld, Kreditkarte, EC-Karte, Personalausweis. Auf der Polizeistation in Paris großes Desinteresse. Liegt es vielleicht noch im Bistro? Der Wirt schüttelt den Kopf. Beim Vietnamesen findet man zwar eine Geldbörse, aber das ist nicht meine. Da klingelt das Handy, der Vater aus Deutschland. Es habe ein Franzose angerufen. Er habe nichts verstanden, aber noch die Nummer auf dem Display, hier, bitte. Es meldet sich Olivier, ein Postler im Briefverteilzentrum des 14. Arrondissement. Mein Portemonnaie liege vor ihm, mit allem drin außer Bargeld. Jemand habe es wohl in einen Briefkasten geworfen. Auf dem Notfallausweis hat er meine alte Heimatadresse gesehen und gegoogelt. Olivier sagt, bei ihm landeten tagtäglich Geldbörsen, mal drei, mal zehn. Briefkästen - das sind offensichtlich die Mülleimer für Pariser Taschendiebe.

Michael Kläsgen

SZ vom 29. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Heyerode

Pauline ist ein Vorschulkind, behütet von Eltern, Großeltern und dem Rest der Sippe im ländlich-friedlichen Unstrut-Hainich-Kreis in Thüringen. Ihr Heimatdorf Heyerode, keine 500 Einwohner, ist alles andere als ein Sündenbabel. Dennoch hat Pauline die dunklen Seiten des Daseins entdeckt. Wie das passierte, weiß kein Mensch. Pepe, ihr älterer Bruder, sei süchtig, erzählt sie der Omi. Süchtig? "Süchtig nach Fußball." Stimmt. Der Sport hat die Leidenschaft Pepes für Feuerwehrdinge längst ersetzt. "Und du bist auch süchtig", attestiert Pauline der geliebten Omi. Wie bitte? Omi spielt nicht Fußball und hat auch keine Probleme mit Kaufwahn, legalem oder illegalem Glücksspiel, Alkohol, Nikotin, von härteren Drogen ganz zu schweigen. "Nach was bin ich denn süchtig?", fragt die Omi verwundert. "Nach uns", antwortet das Kind.

Susanne Höll

SZ vom 29. November 2019

© SZ/ihe

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