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Kolumne "Mitten in ...":Das Geheimnis seiner Schönheit

... verrät der unverschämt gutaussehende Nachbar in Los Angeles bereitwillig. Und in Georgien heißt es: Folge dem weißen Einhorn.

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Bad Endorf

Barfuß, den Saum der Jogginghose abgerissen, schlurft der Mann am Bahnsteig entlang. Und spricht fast jeden an, der auf den Zug nach München wartet. Manche flüchten ans andere Ende des Gleises, ein Pärchen bietet ihm etwas zu essen an. Verstehen kann man sein Lallen nur schwer. Im Zug labert er über den Gang hinweg, ein Reisender droht ihm mit Prügeln, wenn er ihn nicht in Ruhe lasse. Der Mann schläft ein, wacht auf, brabbelt weiter. Armer Kerl, denkt man und sieht ihm nach, wie er in München aussteigt und wegschlurft. Ein paar Wochen später am S-Bahn-Gleis. Ein Mann sprintet die Treppen hoch zum Zug. Ist das nicht ...? Klar. Dieselbe Statur, dieselbe Frisur, nur jetzt mit Schuhen und Military-Jacke. Der Zwillingsbruder? Vielleicht auch einfach ein schneller Weg zurück in die Zivilisation. Oder ein etwas entgleister Wochenendausflug.

Carolin Gasteiger

SZ vom 22. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Schatili

Die Bergstraße nach Schatili? Gehört zu den gefährlichsten in Europa, sagt die Frau von der georgischen Autovermietung, denn der Pass ist nicht befestigt. Absturzgefahr. Wer schwindelfrei sei, könne es gerne versuchen. Aber nur mit dem richtigen Auto, Vierradantrieb, Benzinreserven nicht vergessen. Und überhaupt, zwei Ausländerinnen alleine auf dieser Höllenstrecke? Todesmutig fahren wir los. Nach ein paar Kilometern taucht am Wegrand ein kleiner, petrolfarbener VW auf, britisches Kennzeichen. Drinnen: zwei Herren, auf dem Dachgepäckträger: ein weißes Einhorn, groß wie ein Shetlandpony. "Geht's hier nach Schatili?", fragt der Fahrer durchs Fenster. Von da an fährt das Einhorn voraus - aber nur bis zur übernächsten Baustelle. Da wird es aus dem Verkehr gezogen, kein Vierradantrieb. Und die lebensmüden Touristinnen? Interessieren keinen, werden durchgewinkt.

Silke Bigalke

SZ vom 22. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Los Angeles

Und dann kommt der Nachbar mit zwei bierfassgroßen Kanistern die Straße runter. Er grunzt, schwitzt, flucht, aber er gibt nicht auf. Er muss ein neues Fitnessprogramm entdeckt haben. Die Kalifornier sind ganz vernarrt in Selbstoptimierung - und sie sind vernarrt darin, über Selbstoptimierung zu reden. Meist sieht die schlicht so aus, dass sie ein bisschen weniger essen und ein bisschen mehr trainieren, aber sie nennen das lieber "Ketogenic", hört sich nun mal viel besser an. Der Nachbar sieht unverschämt gut aus, er war vor ein paar Monaten so freundlich, die ungefragte Frage zu beantworten, worüber ein veganer Crossfitter zuerst ungefragt redet, und nun verrät er einem gerne das Geheimnis der Kanister: Er hole jeden zweiten Tag 20 Liter Wasser für seine Familie aus dem Shop - alkalisches natürlich, von einem Gletscher in Island.

Jürgen Schmieder

SZ vom 22. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Osaka

Urlaub in einem fremden Land ist noch eine Schippe aufregender, wenn man weder Sprache noch Schrift der Einheimischen beherrscht. Es kann dann passieren, dass der Japan-Urlauber auf der Suche nach einem besonders guten landestypischen Restaurant in Osaka beim Chinesen landet. Dort sprechen weder Chefin noch Angestellte Englisch, dafür wird beim Kochen geraucht. Erleichterung wartet auf den Touristen in Form einer Speisekarte mit vielen Bildern. Das da sieht doch gut aus, muss Hühnchen sein. Als die Wirtin das Essen serviert, erinnert es nicht mehr an Hühnchen, eher an Tintenfischringe. Aber schmeckt gar nicht mal schlecht. Später im Hotel liefert die Internetrecherche das Ergebnis. Bei dem eher unjapanischen Gericht, das man da serviert bekommen hat, handelt es sich um eine chinesische Spezialität: Schweinedickdarm.

Dominik Fürst

SZ vom 15. November 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

In der Münchner S-Bahn, irgendwo zwischen Ostbahnhof und Hackerbrücke: Ein junger Mann, Typ Aussteiger, nicht sein erstes Bier in der Hand (er hat es mit den Zähnen geöffnet), sitzt am Gang. Eine ältere Dame kommt herein, traut sich aber nicht, zu fragen, ob er ans Fenster rutschen könnte, um ihr Platz zu machen. Er: "Wollen Sie sich setzen?" Sie setzt sich. Er: "Man muss doch nur kommunizieren. Sehen Sie sich die beiden da an", er zeigt auf die Mitfahrer gegenüber, "starren nur noch in ihre Handys. Wir entwickeln uns zurück." Kurzes Schweigen, dann sagt er: "Wollen Sie ein Bier? Ich hab auch Wein." Sie: lacht. Er: "Lagen Sie eigentlich schon mal unterm Tisch?" Sie: lacht schrill. "Ach kommen Sie, Sie lagen bestimmt schon mal unterm Tisch." Schweigen. Kurz danach verabschiedet sich die Dame: "Ach, ich muss ja aussteigen." Er: "Oh, ich auch, ich begleite Sie."

Sebastian Winter

SZ vom 15. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Formentera

Auf Formentera ist das Leben so schön, dass nach einigen Tagen sogar Frühsport verlockend erscheint. Das Hotel verspricht "Pilates-Awakening" am Strand, Aufwach-Training mit Meeresrauschen, doch daraus wird nichts, die Morgensonne hat den Sand schon zu sehr erhitzt. Also treffen sich die Urlauberinnen (und ein Urlauber) im Hotelgarten. Der Blick auf das klarste Wasser des Mittelmeers, Stichwort Neptungras, "kleine Karibik", ist trotzdem grandios. Martina, die Animateurin und Pilateslehrerin, fragt nach den Tagesplänen. Klar, alle haben Freizeit- und Ausflugsstress. Schließlich lebt niemand im Urlaub einfach so in den Tag hinein. Nicht mal, wenn die Insel nur 19 Kilometer lang und 1,5 Kilometer breit ist. Zwei junge Frauen kommen angeschlendert. "Was habt ihr heute noch vor", will Martina wissen. Die eine lacht und sagt: "Nichts."

Jana Stegemann

SZ vom 15. November 2019

Susanne Höll

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Berfa

Raststätte Berfa an der Autobahn 5 in Nordhessen. Eine schwarze Karosse deutscher Provinenz rollt auf den Parkplatz, viel Chrom, dunkle Scheiben, russisches Kennzeichen. Ein finster aussehender Mann steigt aus, zwei bullige, ziemlich furchteinflößende Hunde tun es ihm nach. Andere Parkende schließen lieber schnell Türen und Fenster. Man weiß ja nie. Dem Trio würde man ungern auf dem Trottoir begegnen, tagsüber nicht und nachts gleich dreimal nicht. Die Vierbeiner müssen Gassi. Auf dem Rasen hinterlässt jeder von ihnen einen Haufen von erstaunlicher Größe. Der finstere Mann bleibt stehen, nestelt in der Hosentasche. Was, um Himmels willen, sucht der denn? Er zieht zwei Plastiktütchen hervor, nimmt sorgfältig jeden Krümel der Haufen auf. Und entsorgt sie, wie es sich bekanntlich gehört, im Abfallkübel.

Susanne Höll

SZ vom 8. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... London

Auf dem Heimweg von einem Konzert in Marylebone, die U-Bahn-Station Bond Street liegt am nächsten. Der Zugang ist voll, die lange Rolltreppe in die Tiefe noch voller, was für ein Gedränge! Plötzlich beginnen weiter unten erst einige, dann Dutzende zu singen. Ist ein Fußballspiel zu Ende? Hat eine populäre Mannschaft gewonnen? Die Singenden sehen aber gar nicht aus wie Football-Fans, keine Vereinsfarben, keine Schlachtrufe. Was singen die da? In unserer Nähe stimmen Hunderte unter Gelächter und Freudenschreien ein: "I'm loving angels instead!" Plötzlich singt, nein, brüllt die ganze Station "Angels" von Robbie Williams. Ein Straßensänger am Fuß der Rolltreppe hatte den Song intoniert, ein paar verschleierte Teenager hatten eingestimmt, nun pflanzt sich die Melodie nach oben fort. Das ist Lebensfreude pur.

Cathrin Kahlweit

SZ vom 8. November 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Rottnest Island

Die Quokkas auf Rottnest Island im Westen Australiens genießen Kultstatus. In sozialen Medien kursieren unzählige Selfies mit den großäugigen, zutraulichen Minischwanzkängurus. Es gibt sie nur auf dieser Insel, weshalb ein Besuch einfach sein muss. Doch auf den elf Kilometern vom Fährhafen zur Westspitze der Insel zeigt sich kein einziges Beuteltier. Auf der Rückfahrt endlich: das erste Quokka. Aber es ist belegt. Drei Reisende aus Asien kauern neben dem Tier am Straßenrand. Eine der Frauen aus der Gruppe wirft sich bäuchlings auf den Boden, drapiert ihr Haar über das Känguru und schießt ein Selfie. Dann ist ihre Freundin an der Reihe. Schließlich darf der Dritte im Bunde ran, ein junger Mann. Er wühlt im Rucksack, zieht einen Teddy heraus und setzt ihn neben das Quokka. Mann, Bär, Känguru. Und jetzt selbst ein Foto mit Beuteltier? Ach, danke.

Johanna Pfund

SZ vom 8. November 2019

MittenIn

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Bad Gastein

Die Qualität einer Zugfahrt bemisst sich neben dem Komfort vor allem an der Sitznachbarschaft. Sechs Stunden sind es nach Slowenien, und schon beim Einsteigen schwant mir: Es wird eine anstrengende Reise. Zwei Mädchen fordern lautstark in breitestem Fränkisch die Daueraufmerksamkeit ihrer Eltern. Auf Höhe von Bad Gastein einigt man sich auf Stadt, Land, Fluss als Zeitvertreib. Der Buchstabe in Runde eins: D. Eine der Kategorien: Berufe. Dachdecker, Dekorateur, Detektiv, denke ich. Schwer ist das nicht - originell aber auch nicht, wie ich mir gleich eingestehen muss. "Dieselnachfüller", ruft Kind 1 stolz durchs Abteil. "Diener", kontert die Mutter. "Dailändischer Restaurantbesitzer", legt Kind 2 nach. "Drogendealer", verkündet der Papa triumphierend, während ich versuche, unbemerkt aus dem Fenster zu lachen. Es gibt vier Mal zehn Punkte.

Iris Spiegelberger

SZ vom 25. Oktober 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Wien

Jetzt sind wir schon so weit, dass die Kinder uns Reisetipps geben. "Wenn du satt werden willst, gehst du auf den Naschmarkt", empfiehlt die Tochter in Erinnerung an ihre Klassenfahrt nach Wien. Klingt vielversprechend, denn üblicherweise ist die Kasse der Jugendlichen bei solcher Gelegenheit klamm, ihr Geld haben sie längst in der "Räuberhöhle" im Bezirk Favoriten ausgegeben. Also auf zum "All you can eat - for free". Am ersten Stand werden getrocknete Orangenscheiben, Ananasringe und Ingwer probiert. Und weiter: mozzarellagefüllte Oliven, scharfe Salami, Baklava, Bergkäse. Die Häppchen-Völlerei aber ist nicht jedermanns Sache. Das Angebot, ein Stück Kaminwurz zu kosten, schlägt ein Herr dankend aus. Doch die Verkäuferin hält ihm energisch die Wurst vor die Nase. "Ist das hier der Naschmarkt? Ja oder ja?" Widerstand zwecklos. Der Mann greift zu.

Karin Kampwerth

SZ vom 25. Oktober 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Seoul

Ein junger Südkoreaner unterbricht mich in meiner Bemühung, am Automaten eine U-Bahn-Fahrkarte zu kaufen. Er deutet aufgeregt auf ein Papier in seiner Hand und sagt: "Finished." Mehr englische Wörter scheint er nicht zu kennen. "Finished." Was ist finished? Es ist gleich Mitternacht, da ist so einiges zu Ende, selbst in Seoul, aber eines ist klar: Der Fahrkartenautomat läuft. Er tut genau das, was er tun soll. Er spuckt für 1850 Won, etwa 1,40 Euro, eine Fahrkarte zur Station "Hongik University" aus. "Hongik", sagt der Südkoreaner. Ganz genau, zur Hongik-Universität, und auch das nächste, etwas verzweifelt vorgebrachte "Finished" dieses dahergelaufenen Einheimischen ändert daran nichts. Die Fahrkarte fällt ins Ausgabefach. Auf geht's. Durch die Schranke. Die Treppe runter. Der Bahnsteig ist verdächtig leer. Auf der Anzeige am Gleis steht: "Finished." Betriebsschluss.

Thomas Hahn

SZ vom 25. Oktober 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Berlin

Ein Hinterhof in Moabit, eine Handvoll Menschen mit deutlichen Anzeichen fortgeschrittener Übersättigung sitzen um einen Tisch, der noch gut gefüllt mit Essen ist. Wieder einmal zeigt sich die Unfähigkeit des Menschen, die Relation "Grillgut zu Anzahl der mitessenden Personen" realistisch zu berechnen. Aber, Idee: Womöglich freut sich der Obdachlose, der sich im Park nebenan aus Paletten und rissiger Plane einen notdürftigen Schutz vor Wetter und Blicken über seine Matratze gebaut hat, über ein wenig Essen. Der Gastgeber schürt das Feuer noch mal, erwärmt Hühnchen, Lamm, Gemüse und richtet alles samt Salat, Dipp und Brot auf einem Pappteller appetitlich an. Dann macht er sich auf den Weg. Zehn Minuten später kommt er mit dem immer noch vollen Teller zurück. Der Mann habe sich zwar gefreut, aber höflich dankend abgelehnt: Er habe bereits gegessen.

Christian Helten

SZ vom 18. Oktober 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Lembongan

Lembongan, eine kleine Insel vor Bali. Der Frühstücksplatz der Pension bietet einen herrlichen Blick auf die Bucht. Gegenüber spritzen die "Teufelstränen": wilde Gischt, die hin und wieder vorwitzige Touristen ins Meer spült. Fast jeden Tag kreisen Hubschrauber über den Klippen, die entweder Schwimmer retten - oder reiche Leute transportieren, die Land kaufen möchten oder schon hier residieren. Beim zweiten Cappuccino hört man den Rotor. Er wirbelt eine Staubwand auf, die Teufelstränen-Besucher werfen sich zu Boden. Der Hubschrauber gehört einem malaysischen Palmöl-Multimillionär, der gleich ums Eck seine Villa hat. Blöd bloß, dass der Helikopter sich selbst die Sicht genommen hat und vor lauter Staub nicht landen kann. Der Reiche muss zurück nach Bali fliegen und wie alle Normalbürger mit dem Schnellboot nach Lembongan übersetzen. Der Arme.

Susanne Perras

SZ vom 18. Oktober 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Istanbul

Der Matrose schaut finster, er fürchtet wohl Schlimmes, als immer mehr Menschen auf das alte große Schiff drängen, das von der Prinzeninsel im Marmarameer ablegt. Alle wollen am Abend nach Hause, Istanbuler und Hunderte arabische Touristen. Ich spüre Fluchtreflexe, werde aber vom Menschenstrom aufs Oberdeck geschoben. Dort sitzen sie schon überall, auf dem Boden, zwischen den vollen Bänken. Das Schiff legt sich schräg, oje, aber tut es das nicht immer? An der nächsten Insel - es gibt vier - steigen noch mehr Leute zu. Werde ich das hier überleben? Der Blick aufs schwarze Wasser: abgründig. Der Blick in den Sternenhimmel: grandios. Dann ein Trommelschlag, der Ton einer Flöte. Die Ersten stehen auf, tanzen, immer mehr, alle im Taumel. Nach der Ankunft in Istanbul gehen alle ganz langsam von Bord. Keiner hat es mehr eilig.

Christiane Schlötzer

SZ vom 18. Oktober 2019

Kolumne "Mitten in ..."

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Liencres

Der Chef wirft eine Papierdecke über den Tisch und komplimentiert die Gäste in die Plastikstühle. Die junge Bedienung in dem Restaurant im nordspanischen Liencres spricht ausschließlich Spanisch und erkennt sofort: Bei diesen Touristen ist mit Kenntnissen der Landessprache nicht zu rechnen. Macht aber nix, sie überreicht das "English Menu". Die Gerichte sind nummeriert, was das Bestellen nachher leichter machen dürfte. Endlich ist man sich einig über Vorspeise, Hauptspeise, Nachtisch. Calamari, Lammkotelett, Milchreis. Die Bedienung kommt mit dem Block - aber unsere Bestellung versteht sie nicht, sie kann ja kein Englisch. Okay, dann halt doch die spanische Karte. Aber, o weh, da sind keine Nummern, und die Reihenfolge ist ganz anders. Zum Glück gibt's Übersetzungsprogramme fürs Smartphone. Und das Essen? War... in Ordnung.

Christian Jooß-Bernau

SZ vom 11. Oktober 2019

Kolumne "Mitten in ..."

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Shikinejima

Spektakuläre Onsen hatte der "Lonely Planet" versprochen, heiße Quellen, die auf dieser winzigen Insel vor Tokio aus dem Meer sprudeln sollen. Die Frage ist nur: Wo? Vielleicht am Ende der Bucht, wo die Gestalten im Wasser hocken? Die Gestalten stellen sich als drei verschrumpelte japanische Herren heraus. Gerade will man diskret umkehren, da winken sie einen zu sich ins Becken. Die drei, versteht man nach etwas Radebrechen, bauen auf, was ein Taifun zerstörte. Sie füllen Steine in Säcke und stabilisieren damit die Beckenmauern. "Country"? - "Germany." "Travel? - "Yes." Das Smalltalk-Reservoire ist schnell ausgeschöpft. Ob man nicht helfen könne? Einer reicht einen Sack. Das Wasser blubbert wohlig, die Säcke füllen sich, alle lächeln zufrieden. Es geht doch nichts über die völkerverständigende Wirkung der Baukultur.

Luise Checchin

SZ vom 11. Oktober 2019

Kolumne "Mitten in ..."

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Seit Monaten sehe ich sie da liegen. Bei uns um die Ecke, am Straßenrand, halb verborgen unter Grasbüscheln. Immer wieder zieht sie meine Augen an: eine Fahrradleiche, aber eine schöne, Marke Amsterdam, edles Lila, weiße Reifen. Verrostet, verbeult, kaputt halt, aber mit ein bisschen Liebe und gutem Zureden könnte das Ding wieder rollen. Ist es nicht sogar meine Pflicht, es vor der Verrottung zu retten? Fahrräder haben bestimmt auch eine Seele. Im Schutz der Finsternis schleiche ich hin. Mist, das Rad hängt an einer Wegbegrenzung, samt Kabelschloss. Mit der Zange zerre ich daran herum. Und zerre. Und zerre. Da höre ich über mir lautes Lachen. Eine Trinkgesellschaft schaut mir vom Balkon aus zu. "So wird dös nix", sagt einer. Dann kommt seine Freundin runter und reicht mir einen gescheiten Seitenschneider. Geht doch.

Thomas Kirchner

SZ vom 11. Oktober 2019

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