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Kolumne "Mitten in ...":Tanz wie auf der Titanic

Auf der Fähre im Marmarameer setzen Fluchtreflexe ein - aber nur kurz. Vor Bali wiederum kämpft ein Millionär im Hubschrauber gegen die blöde Natur.

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Berlin

Ein Hinterhof in Moabit, eine Handvoll Menschen mit deutlichen Anzeichen fortgeschrittener Übersättigung sitzen um einen Tisch, der noch gut gefüllt mit Essen ist. Wieder einmal zeigt sich die Unfähigkeit des Menschen, die Relation "Grillgut zu Anzahl der mitessenden Personen" realistisch zu berechnen. Aber, Idee: Womöglich freut sich der Obdachlose, der sich im Park nebenan aus Paletten und rissiger Plane einen notdürftigen Schutz vor Wetter und Blicken über seine Matratze gebaut hat, über ein wenig Essen. Der Gastgeber schürt das Feuer noch mal, erwärmt Hühnchen, Lamm, Gemüse und richtet alles samt Salat, Dipp und Brot auf einem Pappteller appetitlich an. Dann macht er sich auf den Weg. Zehn Minuten später kommt er mit dem immer noch vollen Teller zurück. Der Mann habe sich zwar gefreut, aber höflich dankend abgelehnt: Er habe bereits gegessen.

Christian Helten

SZ vom 18. Oktober 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Lembongan

Lembongan, eine kleine Insel vor Bali. Der Frühstücksplatz der Pension bietet einen herrlichen Blick auf die Bucht. Gegenüber spritzen die "Teufelstränen": wilde Gischt, die hin und wieder vorwitzige Touristen ins Meer spült. Fast jeden Tag kreisen Hubschrauber über den Klippen, die entweder Schwimmer retten - oder reiche Leute transportieren, die Land kaufen möchten oder schon hier residieren. Beim zweiten Cappuccino hört man den Rotor. Er wirbelt eine Staubwand auf, die Teufelstränen-Besucher werfen sich zu Boden. Der Hubschrauber gehört einem malaysischen Palmöl-Multimillionär, der gleich ums Eck seine Villa hat. Blöd bloß, dass der Helikopter sich selbst die Sicht genommen hat und vor lauter Staub nicht landen kann. Der Reiche muss zurück nach Bali fliegen und wie alle Normalbürger mit dem Schnellboot nach Lembongan übersetzen. Der Arme.

Susanne Perras

SZ vom 18. Oktober 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Istanbul

Der Matrose schaut finster, er fürchtet wohl Schlimmes, als immer mehr Menschen auf das alte große Schiff drängen, das von der Prinzeninsel im Marmarameer ablegt. Alle wollen am Abend nach Hause, Istanbuler und Hunderte arabische Touristen. Ich spüre Fluchtreflexe, werde aber vom Menschenstrom aufs Oberdeck geschoben. Dort sitzen sie schon überall, auf dem Boden, zwischen den vollen Bänken. Das Schiff legt sich schräg, oje, aber tut es das nicht immer? An der nächsten Insel - es gibt vier - steigen noch mehr Leute zu. Werde ich das hier überleben? Der Blick aufs schwarze Wasser: abgründig. Der Blick in den Sternenhimmel: grandios. Dann ein Trommelschlag, der Ton einer Flöte. Die Ersten stehen auf, tanzen, immer mehr, alle im Taumel. Nach der Ankunft in Istanbul gehen alle ganz langsam von Bord. Keiner hat es mehr eilig.

Christiane Schlötzer

SZ vom 18. Oktober 2019

Kolumne "Mitten in ..."

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Liencres

Der Chef wirft eine Papierdecke über den Tisch und komplimentiert die Gäste in die Plastikstühle. Die junge Bedienung in dem Restaurant im nordspanischen Liencres spricht ausschließlich Spanisch und erkennt sofort: Bei diesen Touristen ist mit Kenntnissen der Landessprache nicht zu rechnen. Macht aber nix, sie überreicht das "English Menu". Die Gerichte sind nummeriert, was das Bestellen nachher leichter machen dürfte. Endlich ist man sich einig über Vorspeise, Hauptspeise, Nachtisch. Calamari, Lammkotelett, Milchreis. Die Bedienung kommt mit dem Block - aber unsere Bestellung versteht sie nicht, sie kann ja kein Englisch. Okay, dann halt doch die spanische Karte. Aber, o weh, da sind keine Nummern, und die Reihenfolge ist ganz anders. Zum Glück gibt's Übersetzungsprogramme fürs Smartphone. Und das Essen? War... in Ordnung.

Christian Jooß-Bernau

SZ vom 11. Oktober 2019

Kolumne "Mitten in ..."

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Shikinejima

Spektakuläre Onsen hatte der "Lonely Planet" versprochen, heiße Quellen, die auf dieser winzigen Insel vor Tokio aus dem Meer sprudeln sollen. Die Frage ist nur: Wo? Vielleicht am Ende der Bucht, wo die Gestalten im Wasser hocken? Die Gestalten stellen sich als drei verschrumpelte japanische Herren heraus. Gerade will man diskret umkehren, da winken sie einen zu sich ins Becken. Die drei, versteht man nach etwas Radebrechen, bauen auf, was ein Taifun zerstörte. Sie füllen Steine in Säcke und stabilisieren damit die Beckenmauern. "Country"? - "Germany." "Travel? - "Yes." Das Smalltalk-Reservoire ist schnell ausgeschöpft. Ob man nicht helfen könne? Einer reicht einen Sack. Das Wasser blubbert wohlig, die Säcke füllen sich, alle lächeln zufrieden. Es geht doch nichts über die völkerverständigende Wirkung der Baukultur.

Luise Checchin

SZ vom 11. Oktober 2019

Kolumne "Mitten in ..."

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Seit Monaten sehe ich sie da liegen. Bei uns um die Ecke, am Straßenrand, halb verborgen unter Grasbüscheln. Immer wieder zieht sie meine Augen an: eine Fahrradleiche, aber eine schöne, Marke Amsterdam, edles Lila, weiße Reifen. Verrostet, verbeult, kaputt halt, aber mit ein bisschen Liebe und gutem Zureden könnte das Ding wieder rollen. Ist es nicht sogar meine Pflicht, es vor der Verrottung zu retten? Fahrräder haben bestimmt auch eine Seele. Im Schutz der Finsternis schleiche ich hin. Mist, das Rad hängt an einer Wegbegrenzung, samt Kabelschloss. Mit der Zange zerre ich daran herum. Und zerre. Und zerre. Da höre ich über mir lautes Lachen. Eine Trinkgesellschaft schaut mir vom Balkon aus zu. "So wird dös nix", sagt einer. Dann kommt seine Freundin runter und reicht mir einen gescheiten Seitenschneider. Geht doch.

Thomas Kirchner

SZ vom 11. Oktober 2019

Mitten In

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Side

Ein Parkplatz im Ferienort Side. Aus einem weißen Auto steigt ein junger Türke in Turnschuhen, grünes Basketball-Trikot, Gangstersonnenbrille. Auf dem Beifahrerplatz sitzt eine ältere Dame, hinten eine junge Frau in kurzer Hose, aufwendig geschminkt, lackierte Fingernägel. Der Mann eilt in den Shop, kommt mit einem Getränk für die junge Frau zurück, stürmt wieder davon. Sie ruft ihm mit schriller Stimme Anordnungen hinterher: Adem hier, Adem dort. Wieder kommt der Mann zum Auto, reicht nun der Älteren einen Pappbecher, hetzt fort. Derweil lässt die Jüngere ihren Becher gleichgültig auf den Parkplatz fallen. Und was macht Adem? Kommt zurück, hebt, ohne mit der Wimper zu zucken, den Becher auf und macht sich auf die Suche nach einem Mülleimer. Ein Macho der neuen Schule - außen ein Gangster und innen ökologisch korrekt.

Elisa von Grafenstein

SZ vom 4. Oktober 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Vor der guten Eisdiele mit dem Bio-Eis hat sich eine Schlange gebildet, aber eine Mutter mit Kind drängelt sich einfach vorbei. Eine andere Mutter steht vorne, da kann man sich doch prima dazustellen. Die beiden haben sich offenbar länger nicht gesehen und sind ganz begeistert vom Aussehen der jeweils anderen. Wo sie denn die tolle Tasche herhabe, fragt die eine. Ach, die sei aus Thailand, nur 15 Euro am Strand. Das Original koste ja 1700 Euro. Kein Unterschied zu erkennen, nickt die andere und streicht prüfend über das Plastik. Ja, deswegen habe sie dieselbe noch in Schwarz, ebenfalls aus Thailand. Dann ist man auch schon an der Reihe und bestellt. Eine Kugel in der Waffel, bitte. Da mault das Kind, dass es lieber einen Becher hätte. Daraufhin die Mutter streng: "Nein, das machen wir nicht wegen der Umwelt. Im Becher ist doch Plastik drin."

Josef Grübl

SZ vom 4. Oktober 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... New York

Weil es in New York alles gibt, gibt es auch Orte, wo Menschen Federbälle über ein Netz dreschen. In der Midwood High School in Brooklyn etwa. Ken organisiert alles. Er zahlt den Schulwachmann und die Hallenmiete. Und wer spielen will, zahlt zehn Dollar an Ken. Es gibt keine Umkleiden, die Spielfelder müssen von Hand aufgeklebt werden. Ken kommt aus Vietnam. Andere Spieler kommen aus Bangladesch, Pakistan, China - und ich eben aus Deutschland. Einmal wurde ich gefragt, wie ich die sechs Kilometer Anfahrt überwinde. Mit dem Fahrrad, sage ich. Entgeisterte Blicke. Hier kommt jeder mit dem Auto, auch wenn er nur zwei Blöcke entfernt wohnt. Dass ich weiß bin und mit meinen zwei Metern Körpergröße alle anderen um zwei bis drei Köpfe überrage, findet niemand seltsam. Seit der Geschichte mit dem Fahrrad aber halten mich einige für einen Alien.

Thorsten Denkler

SZ vom 4. Oktober 2019

Mitten In

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Ardarroch

Altnacealgach, Inchnadamph, Strathcanairg: Schottische Ortsnamen hören sich oft an, als seien sie von stark erkälteten Schweizern erfunden worden. Meist haben diese Dörfer mehr Buchstaben als Einwohner, und das Postamt ist gleichzeitig Supermarkt, Café, Rathaus und Tankstelle. Auf einer Radtour durch die Highlands muss man die Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr gut planen, so weit sind die Orte voneinander entfernt. Auf einer Durststrecke zwischen Torridon und Ardarroch erscheint direkt nach einer 14-Prozent-Steigung wie eine Fata Morgana eine fahrende Espressobar am höchsten Punkt des Hügels. "Coffee Rescue" steht auf dem Land Rover. Der bärtige Barista bereitet mir einen Espresso zu - und schenkt mir noch einen dazu, damit ich den nächsten unaussprechlichen Berg auch schaffe. Schotten sind geizig? Achwasonquatch (schottisch für "Bullshit")!

Titus Arnu

SZ vom 27. September 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Tokio

Es ist stockdunkel, vierzig Menschen starren ins Leere. Ein Vorhang wird zurückgeschoben. Ein Nachthimmel mit vielen Hundert Lichtlein öffnet sich. Die meisten sind stationär, einige ziehen ruhig dahin, andere schlagen Haken. Und landen auf unsichtbaren Plätzen. Die fast 800 Lichtpunkte sind Leuchtkäfer. Schon vor 1200 Jahren pilgerten die Japaner während der Regenzeit an Bäche, um sie zu bewundern. Sie gelten als Metapher für leidenschaftliche Liebe (und während des Krieges als Seelen toter Soldaten). In Tokio gibt es bis heute Stellen, wo sie natürlich vorkommen. Luxushotels setzen sie in ihren Gärten aus. Und im Stadtteil Gotokuji gibt es sogar ein "Glühwürmchen-Fest". Dort wird ein Schwarm gefangener Leuchtkäfer gezeigt. Kein Lichtstrahl darf in den Raum dringen, sonst hören die winzigen Insekten auf zu leuchten.

Christoph Neidhart

SZ vom 27. September 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Berlin

Samstagnacht, eine Fahrt mit der Berliner U-Bahn. Nebenan sitzen ein junger Mann im exaltierten Outfit, offenbar Modedesigner, und seine beste Freundin. "London Fashion Week! Zum ersten Mal!", jubiliert er. "Da kann einer wie du zeigen, was er kann", sekundiert sie. "Berlin ist für den Anfang ja okay, aber wer in der Modebranche etwas werden will, muss nach London", doziert er. Gemeinsam schmieden die beiden Pläne, was in der britischen Metropole alles möglich wäre. Und nicht zu vergessen die großen Vorbilder der berühmten Modehäuser. Paul Smith, Vivienne Westwood, Stella McCartney! Ach, was man dort alles lernen könnte. "Du ziehst einfach nach London, das wird dein Durchbruch", feuert sie ihn an. "Was könnte dich aufhalten?" Auf einmal wird das Nachwuchstalent ganz still. Dann sagt er leise: "Der Brexit."

Beate Wild

SZ vom 27. September 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Orlando

Micky und Minnie Maus, tanzend und winkend bei der Parade - kannste vergessen. Die beste Show findet am Pool auf dem Disney-Campingplatz statt, in den Hauptrollen: zwei Bademeister, zwei Bademeisterinnen. Rote Shorts, weiße Shirts, Schwimmbretter, Trillerpfeifen, Walkie-Talkies. (Randbemerkung: Das Becken ist überschaubar.) Der Einsatz der Aufpasser folgt einem durchgetakteten Plan, alle halbe Stunde rutscht jeder im Uhrzeigersinn unter großem Brimborium einen Platz weiter. Und wenn die vier nach einer Gewitterunterbrechung wieder ihre Posten beziehen, ist das theatralisch ganz nah dran am Buckingham-Palace-Niveau. Stechschritt, zack, zack, halbe Drehung, stillgestanden, Blickkontakt mit dem Gegenüber, Handzeichen, Handzeichen zurück. Changing of the Lifeguards. Und im Wasser planscht einsam ein einziges Mädchen.

Nadeschda Scharfenberg

SZ vom 20. September 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Malle

Macht ja schon einen Unterschied zu sagen, man fliegt nach Mallorca oder man fliegt nach: Malle. Das Erste steht für entspannten Finca-Urlaub, das Zweite steht für Abschnitt 6 des Strandes in El Arenal. Nach fünf Finca-Tagen wollen wir unbedingt auch mal den Ballermann erleben. Also Niveau und Ansprüche am Pool gelassen und ab auf die Schinkenstraße. Erster Masskrug Jacky Cola, und schon sind wir bereit für das passende Outfit: pinke Bierkönig-Shirts. Nach dem zweiten Krug freuen wir uns auf Mia Julia, früher Porno-, heute Ballermann-Star. Bei der dritten Mass grölen wir mit: "Endlich wieder Malle, endlich wieder da ..." Der Bierkönig bebt. Plötzlich Stille. Mia Julia hüstelt, sie müsse ihren Auftritt leider abbrechen, ihre Stimme sei heiser. Der Bierkönig buht. "Wer jetzt buht, bekommt Malle-Verbot!", sagt die Sängerin. Ich danke ihr still und akzeptiere meine Strafe.

Max Sprick

SZ vom 20. September 2019

Mitten in München

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Hofflohmarkt in Thalkirchen. Der Western-Revolver auf dem Verkaufstisch zieht die Kinder magisch an. Er stammt aus der eigenen Kindheit Ende der 1970er Jahre, ein billiges Modell eigentlich, ohne drehbares Magazin. Das eher schüchterne Knallen wird von einem roten Papierstreifen mit Pulverpünktchen drauf erzeugt. Aber die Pistole ist aus Metall und nicht aus Plastik. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum mehrere Jungen fragen: "Ist die echt?" Ihre Eltern sind weniger angetan. Die meisten belassen es bei einem Nein und drängen zum Aufbruch. Nur aus einer Mutter bricht es heraus: "So etwas kaufen wir nicht!" Ganz zum Schluss, die ersten Stände werden schon abgebaut, kommt ein älterer Mann mit einem Buben vorbei. "Schau mal, die Pistole", sagt er, "das wäre doch was!" Und das Kind? Verzieht stumm das Gesicht und schüttelt den Kopf.

Wolfgang Krause

SZ vom 20. September 2019

Mitten In

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Pedrera

Uruguay, ein Hippie-Dorf an der Atlantikküste. "Wegen Tango, Mate-Tee und der riesigen Steaks brauchen wir Argentinier ja nicht hierherzukommen", sagt Miguel, der von Buenos Aires aus den Rio de la Plata mit dem Schiff überquert hat. Auch nicht wegen Empanadas und Dulce de Leche. "Haben wir selbst alles im Überfluss." Klar, die langen weißen Strände seien super. Aber sonst sei Uruguay doch nur die kleine, langweilige Schwester Argentiniens, doziert er leicht überheblich. Doch seit zwei Jahren, seine Stimme klingt plötzlich anerkennend, seien die Uruguayos um einiges cooler geworden. Wegen der Fußball-Nationalelf? Ach was, wegen des Marihuanas! Seit 2017 ist Kiffen legal. Also sind deshalb die ganzen argentinischen Touristen hier? Leider nicht, seufzt Miguel. Verkauft werden darf das Zeug nur an Einheimische, nicht an Ausländer.

Beate Wild

SZ vom 13. September 2019

MI_Dubrovnik

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Dubrovnik

Oh, das war anstrengender als gedacht, diese Tour mit dem Kajak um die legendäre Insel vor Dubrovnik (ja, die von Game of Thrones). Zurück, sehnt man sich nach einem kühlen Getränk; wie schön, dass sich der Partner in den Supermarkt aufmacht. Es dauert ewig, dann ist er zurück, ohne Getränke, dafür mit Panik in den Augen. Die Kreditkarte ist weg. Man versucht zu beruhigen - und läuft seinen Weg ab, mit wenig Hoffnung, aber wer weiß. Fragt nach bei Bootsverleih, Zeitungskiosk, Bankfiliale, Touribüro: Kreditkarte gefunden? Nein. Nein. Nein. Also zurück, da ist noch ein Hotel, ein letzter Versuch. Großes Gerangel, telefonierende Gäste, man schlängelt sich vor zum Hotelboy und will nach der Karte fragen - da sieht man sie liegen, so unwirklich wie unschuldig direkt auf dem Counter. Hat jemand abgegeben, sagt der Hotelboy. Schön, dass Sie sie holen. Wow!

Cerstin Gammelin

SZ vom 13. September 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Mittagspause. Es ist heiß an diesem Tag, vor einem Feinkost-Bistro an der Prinzregentenstraße aber stehen die Stühle und Tische im Schatten. Die Gäste schauen trotzdem verdrießlich, denn unmittelbar vor den Tischen hält eine Limousine. Eine Dame hat sich zum Einkaufen herfahren lassen, nun ist sie im Laden verschwunden, der Chauffeur lehnt an der Wagentür, und der Motor läuft. Die Gäste würden gerne essen, aber alles riecht nach Benzin. Und bei der Dame dauert es offenbar etwas länger. Nach mehreren Minuten steht einer der Gäste auf und geht hinüber zum Chauffeur. Ob er denn nicht den Motor abschalten könne, während das Auto da herumstehe, die Abgase störten beim Essen dann doch. Aber er blitzt ab. Der Fahrer sagt, ganz cool: "In meinem Arbeitsvertrag steht: Ich habe ein Recht auf einen klimatisierten Arbeitsplatz."

Jakob Wetzel

SZ vom 13. September 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... New York

Viermal in der Woche öffnen sich kurz vor 8.30 Uhr im 1200er-Block der Dean Street in Crown Heights, Brooklyn, die Haustüren und ein seltsames Schauspiel beginnt. Heraus kommen verschlafen dreinblickende Männer und Frauen, manche im Bademantel, manche mit nassen Haaren. Alle mit Autoschlüssel in der Hand. Wenig später steht auf der einen Seite der Straße kein Auto mehr. Um zehn Uhr sind alle wieder zurück. Zwischendurch huscht irgendwann die Straßenreinigung vorbei. Das Spiel wiederholt sich auf dieser Straßenseite jeden Montag und Donnerstag. Auf der anderen jeden Dienstag und Freitag. "New York Park-Dance" nennen das die Leute.

Könnte lustig sein, wenn es nicht so furchtbar nerven würde. In den reichen Vierteln wird übrigens auf jeder Straßenseite nur einmal pro Woche gekehrt. Weil da angeblich die Straßen sauberer sind.

Thorsten Denkler

SZ vom 6. September 2019

MI August

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Frankfurt

Es ist einer dieser heißen Tage in Frankfurt, an denen vernünftige Zwei- und Vierbeiner daheim oder im Schatten bleiben und die Innenstadt meiden. Auf den Straßen und Trottoirs sind nur diejenigen unterwegs, die keine Wahl haben - oder Touristen sind. Letztere bewegen sich nicht nur zu Fuß oder Bus, sondern gern auch mit Leih-Fahrrädern und, klar, den schicken, neuen E-Scootern durch die Stadt. Auf die Herausforderungen des deutschen Verkehrs sind nicht alle eingerichtet, nicht einmal, wenn die Straßen so gut wie leer sind.

Am Kaiserplatz radelt ein Tourist in der Fahrbahnmitte, hört Musik per Knopf im Ohr und singt fröhlich mit. Den Asiaten auf dem E-Roller, der ihm entgegenkommt und auf sein Handy statt auf die Straße blickt, bemerkt er nicht. Zusammenstoß, es scheppert. Erschrockener Blick - auf die Mobiltelefone. Funktionieren noch. Alles okay.

Susanne Höll

SZ vom 6. September 2019

mitten_prag

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Prag

Die Touristin aus Asien hat auf einem weißen Plastikstuhl Platz genommen. Ein Fehler, wie sie gleich erfahren wird. "You must sit on this chair!", bedeutet ihr eine Dame in blauer Uniform. Widerstand zwecklos, die Asiatin schiebt ihren Hintern auf einen spitzen, dreieckigen Holzstuhl, das Replikat eines 1911 entstandenen Designs des Künstlers Pavel Janák. Es ist alles geometrisch und kantig im Kubismus-Museum in Prag, das über dem ebenfalls kubistischen "Grand Café Orient" untergebracht ist.

Die meisten Leute bleiben bei den quadratischen Windbeuteln hängen und schaffen es erst gar nicht bis hinauf, weshalb das Museumspersonal sich jedem Besucher persönlich widmen kann, fest entschlossen, niemanden gehen zu lassen, ehe er nicht zum glühenden Anhänger kubistischer Sitzmöbel geworden ist. Jetzt sind wir an der Reihe. "Setzen!", befiehlt die Uniformierte.

Jutta Czeguhn

SZ vom 6. September 2019

© SZ/ihe

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