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Kolumne "Mitten in ...":Helga - eine tolle Mischung

In London erkennt man echte Weltbürger nicht unbedingt am Namen. Und in München ist der Supermarkt eine sichere Bank.

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... London

Kürzlich habe ich eine Frau kennengelernt, die Helga heißt. Das ist nicht weiter verwunderlich; in London laufen sehr, sehr viele Ausländer herum, unter ihnen auch viele Deutsche. Helga aber kommt aus Puerto Rico. Und hat mandelförmige Augen. Ihre Mutter ist nämlich Puertoricanerin, ihr Vater Chinese. Sie hat mit ihrem Mann, einem Amerikaner, lange in Japan gelebt. Neulich fragte ihr Sohn, was - und wer - er eigentlich sei: Lateinamerikaner, Asiate oder irgendwie mittlerweile Europäer, weil er doch in der EU lebt? Seine Mutter antwortete: "Wer du bist? Eine tolle Mischung. Und was du bist? Ein geliebtes Kind." Ich wagte die Frage, warum sie eigentlich Helga heiße. Sie rollte die Augen. "Meine Eltern wollten etwas, was europäisch klang. Sie glaubten, Helga sei europäisch elegant. Und nein, meine Eltern waren keine Nazis. Sie wollten eine tolle Mischung."

Cathrin Kahlweit

SZ vom 5. Juli 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Zu viel eingekauft, es droht der Zusammenbruch. Gegen 50 Euro Pfand verleiht der nette Kassierer einen rollbaren Plastikkorb. Tags darauf wird der Gatte beauftragt, die Karre zurückzubringen. Doch er kommt unverrichteter Dinge zurück: Man wollte ihm kein Geld geben. Am Abend rollt man höchstpersönlich zum Supermarkt und bittet eine Kassiererin um Auszahlung. Doch auch die geizt mit der Kohle. Panik macht sich breit: Ist man Opfer einer neuen Betrugsmasche geworden? Da erscheint der Kassierer vom Vortag. Nimmt den Korb, zieht 50 Euro aus einem Karton neben der Kasse. "Sie haben Glück, dass ich nicht im Urlaub bin. Oder gekündigt habe." Und fügt hinzu: "Erst heute früh war einer da, der behauptete, seine Frau hätte ihn geschickt. Da könnte ja jeder kommen. Sie sehen, bei uns ist Ihr Geld sicher." Hurra, endlich eine Alternative zum Sparbuch gefunden!

Violetta Simon

SZ vom 5. Juli 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Portland

Wenn über Portland geschrieben wird, darf nicht fehlen: wie liberal-progressiv die Stadt ist. Mülltrennung, Radwege, Craft Bier, Demokraten-Bürgermeister. Noch dazu ist Marihuana in Oregon legal. Beim Alkohol aber, Brauerei-Dichte hin oder her, ist man streng wie im Rest des Landes. Unter 21 geht nichts, weshalb die jungen Leute in viele Kinos nicht reinkommen, da gibt es schließlich Bier. Und beim Saturday Market stehen die Trinker in abgesteckten Trinkerbereichen, wie die Raucher an deutschen Bahnhöfen. Einmal versuchte ich, im Späti ein Bier zu kaufen, die Verkäuferin starrte meinen Ausweis an, suchte nach dem Geburtsdatum und lachte dann laut auf: Ich bin 29. Ein andermal belehrte ein Türsteher mich, dass ein deutscher Personalausweis kein Identitätsnachweis sei. Ich ging nach Hause, da fiel mein Blick auf ein hell angestrahltes Werbeplakat - für einen Cannabis-Lieferdienst.

Elisa Britzelmeier

SZ vom 5. Juli 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Berlin

Seit einiger Zeit lebt in unserer Küche eine Maus. Ich habe nichts gegen Mäuse, solange sie sich anständig verhalten und die Küche meiden. Meine Maus aber kennt keine Grenzen, deshalb soll sie ... also, sie soll bitte verschwinden. In einem Berliner Baumarkt berät mich ein Mitarbeiter beim Kauf einer sogenannten Lebendfalle: "Als Köder machen se Nuss-Nougat-Creme rin", sagt er. Aha. "Dit mög'n die. Aber nich det Original. Det mög'n die nich. Det von Lidl oder Aldi könnse koof'n." Und wenn die Maus in der Nacht in die Falle geht? "Naja, Sie müssen sowieso alle vier Stunden kieken, ob se drinne is." Wie bitte? "Tierschutz." Ich soll meinen Schlaf der Maus wegen unterbrechen? "Alle vier Stunden." Und was mache ich, wenn sie da wirklich drin rumrappelt, nachts um drei? "Tja wat machense. Weeß ick nich. Ick bin ausse Elektroabteilung."

Renate Meinhof

SZ vom 28. Juni 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Hohhot

Statistische Daten werden durch Erhebungen gewonnen. Die Grundlage kann zum Beispiel eine Beobachtung sein. Doch jede Statistik ist nur so gut wie ihre Interpretation, wie eine Fahrstuhlfahrt beweist. Ein freundliches Lächeln beim Einsteigen. Ein Paar mit Tochter auf dem Weg ins Hotelzimmer. Oh, ni hao! Hallo! Smalltalk im Fahrstuhl. Dafür reicht das Chinesisch allemal. Uuund, gefällt dir der Urlaub? Man wird alt, wenn man fremden Kindern solche Fragen stellt. Genervter Blick der vielleicht Achtjährigen. Ihre Mutter ist umso beflissener. Schau, die Ausländerin spricht Chinesisch. Komm, sag doch was auf Englisch. Na los, sprich schon! Das Kind verschränkt die Arme. Ein skeptischer Blick auf die Fremde. Sie gibt sich unbeeindruckt: Mama, die Frau hat schwarze Haare. Alle Menschen mit schwarzen Haaren können Chinesisch sprechen.

Lea Deuber

SZ vom 28. Juni 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Modena

Am besten warten lässt es sich in Italien immer noch in der Bar - doch diesen Cappuccino hätte man sich sparen sollen. Auf zehn Uhr ist die Pressekonferenz anberaumt, um neun war vor dem früheren Sitz eines Energieversorgers niemand zu sehen. Naja, Italien. Um 9.40 Uhr schließt eine junge Frau immerhin die Pforte auf. Die schlechte Nachricht um 9.50 Uhr: Die Veranstaltung wurde an einen anderen Ort verlegt. Die gute Nachricht: Luca aus Venedig kann einen im Auto mitnehmen. Also los, es bleiben zehn Minuten. Erst spinnt das Navi. Noch vier Minuten. Dann schalten - natürlich! - alle Ampeln auf Rot. Es ist zehn Uhr, laut Navi fehlen noch 100 Meter. Endlich angekommen, nichts wie raus aus dem Auto und rein zur Anmeldung. Ob man zu spät sei? No, no, Sie haben nichts verpasst. Wir sind doch in Italien. Die Veranstaltung beginnt schließlich um 10.30 Uhr. Danke trotzdem, Luca!

Carolin Gasteiger

SZ vom 28. Juni 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Immenstadt

Die Nacht ist eisig, und die zwei Radler sind seit fast 30 Stunden unterwegs. Die Langstreckentour, ein "Brevet", führt vom Bodensee über Ulm, Augsburg, München und Füssen zurück an den Bodensee. 615 Kilometer, Zeitlimit 40 Stunden. Die Trinkflaschen sind leer, noch 90 Kilometer bis zum Ziel. In Immenstadt dringt Licht durch die beschlagenen Fenster eines Pilspubs. Der Radlkumpel wankt in die Kneipe, um Apfelschorle zu kaufen. In entgegengesetzter Richtung stolpert ein Zecher heraus. Der Mann ist randvoll, taumelt, klammert sich an einem Geländer fest. Dann versucht er mit seiner E-Zigarette den Mund zu treffen, beharrlich, mit geringem Erfolg. Selbst stehe ich daneben, gute 500 Kilometer in den Beinen, von zwei durchwachten Nächten aus der Umlaufbahn katapultiert und denke: Ja Kumpel, ein jeder schießt sich auf seine Weise weg.

Sebastian Herrmann

SZ vom 21.06.2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Hankavan

In Hausschlappen steht die alte Frau auf ihrer Veranda. Sie verwaltet den Kirchenschlüssel in Hankavan, einem abgelegenen 100-Seelen-Dorf in 2000 Metern Höhe in Armenien. Mitkommen will sie nicht, sie vertraut uns, dass wir nichts klauen aus der Kirche, die Griechen im 19. Jahrhundert hier gebaut haben. Als wir nach der Besichtigung wiederkommen, hat Natalia, 90, Kaffee für uns gekocht. Bald sitzen wir zu sechst in ihrer engen Stube, ihr Mann Giorgos, auch 90, auf dem Bett. Auf dem Holzofen blubbert ein Topf mit Joghurt. Wie wir uns bedanken dürfen, fragen wir. Natalia sieht mein iPhone. Vielleicht die Enkelin im fernen Athen anrufen? Die Nummer findet sie in einem abgegriffenen Büchlein. Es wird ein längeres Gespräch, wer weiß, wann die beiden zuletzt gesprochen haben? Egal. Natalia erzählt und erzählt - und strahlt.

Christiane Schlötzer

SZ vom 21.06.2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Burano

Draußen vor der Cicchetteria, ein französisches Pärchen will Essen bestellen. Die Französin spricht Französisch, die Kellnerin Italienisch, ein bisschen geht das so, bis Hände und Füße zur Lingua Franca erklärt werden. Die Französin steht auf, geht zu einem Schild und zeigt auf ein Bild von frittierten Calamari. Später Verwirrung. Die Kellnerin hat eine Schüssel auf den Tisch gestellt, frittierte Calamari, aber die Franzosen blicken ratlos, heben die Hände in Ablehnung, zeigen irgendwann auf den Tischnachbarn. Der will aber auch keine Calamari bestellt haben. Wieder Diskussion, Französisch hier, Italienisch da, dann bahnt sich die Kellnerin einen Weg zum Speisekartenschild, sie deutet auf das zweite Bild von rechts. Habt ihr etwa das bestellt?, fragt ihre Geste. Das Pärchen nickt, oui, oui, Erleichterung, Freude. Auf dem Bild: frittierte Calamari.

Moritz Geier

SZ vom 21.06.2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Tokio

Schmecken Schnäppchen besser? Im Ozeki-Supermarkt im Viertel Kyodo steht unsere Nachbarin vor der Fischtruhe herum und tut so, als studiere sie Saucenflaschen. Es ist acht Uhr abends. Da kommt der Ozeki-Mitarbeiter, auf den sie wartet - nicht als einzige. Der Mann beugt sich über die Kühltruhe und pappt Kleber auf Sashimi-Packungen: "minus 30 Prozent". Schon bevor er fertig ist, packen die Kundinnen zu. Kyodo ist ein wohlhabendes Viertel, hier muss niemand knapsen. Doch wenn unsere Nachbarn auf dem Takao wandern gehen, dann fahren sie mit der Keio-Linie hin, einer Privatbahn. Die sei billiger als Japan Rail. Stimmt, um 34 Yen, 27 Cent. Jetzt haben die Konvinis, 24-Stunden-Läden, angekündigt, Lebensmittel kurz vor dem Verfallsdatum zu verbilligen. Um den Ausschuss zu verringern, sagen sie. Oder weil Schnäppchen einfach besser schmecken.

Christoph Neidhart

SZ vom 14. Juni 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Prag

Tschechisch lernen ist unheimlich schwer. Vermutlich auch für die kleinen Tschechen. Die beginnen normalerweise mit dem einfachen Wort Mami. Wie wahrscheinlich überall auf der Welt. Nicht so der kleine Junge in der Straßenbahn in Prag. Er ruft weder Mami, noch Papi, noch Oma. Sondern für die ganze überfüllte Tram klar vernehmlich: "Google". Die Mama lacht verlegen und antwortet: "Google ist nicht hier." Das Kind quietscht vor Vergnügen und sagt: "Google". "Wenn er ,Google' sagt, meint er ,zu Hause'", erklärt die Mama den belustigten Fahrgästen um sich herum. "Ja, Google ist zu Hause. Und der Papa ist auch zu Hause", sagt sie zu ihrem Sohn. Der ist unbeeindruckt. An der Haltestelle helfe ich der Frau, den Buggy aus der Tram zu heben. Sie sagt: "Vielen Dank." Das Kind juchzt über das Geschaukel und ruft zum Abschied fröhlich: "Google".

Viktoria Grossmann

SZ vom 14. Juni 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Stuttgart

Ein unhippes Café im Stuttgarter Westen, ein paar Studenten, eine Mutter mit Kind - und als man sich gerade bei dem rückwärtsgewandt-selbstgerechten Gedanken erwischt, wie schön es ist, wenn ein Café mal aussieht, als trinke man schlichtweg Kaffee und suche nicht auf Buffalo-Plateau-Schuhen 2019-verloren nach sich selbst, sieht man ihn in der Ecke. Einen Mann Ende zwanzig, Laptop, Handy in der Hand, in den Ohren Kopfhörer. Er redet auf seinen Computer ein. "Super, dass das klappt mit dem Call", er habe viel zu tun gehabt. Bei ihm laufe es gut. "Wann hast du so den Urknall Instagram gehört? Haha, ja, bei mir war das letztes Jahr." Er stelle sich das so vor: ein Event auf einem Schiff, "kein Problem bei deinem Portfolio, oder?" Da tippt das Kind, ein Mädchen, so zehn Jahre alt, seine Mutter an: "Mama, ist das einer von diesen Leuten, die nicht arbeiten?"

Friederike Zoe Grasshoff

SZ vom 14. Juni 2019

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