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Kolumne "Mitten in ...":Post für Berlusconi

In Rom liegt ein überraschendes Angebot im Briefkasten. Und in Tel Aviv hat der Barbier etwas vergessen.

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Mitten in

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Rom

Gestern kam Post für Berlusconi. Natürlich wäre Post von Berlusconi noch spannender gewesen, wenigstens journalistisch. Berlusconis Post also klebte unter unserer, dem Postboten muss das entgangen sein. "Pres. Berlusconi Silvio", stand da als Anrede. Wenn der Presidente in Rom ist, wohnt er ganz in der Nähe, im Palazzo Grazioli. Ist er aber nicht mehr so oft wie früher, als er noch Präsident von fast allem war, unter anderem auch vom Ministerrat und vom AC Mailand. Nun hätte es die Etikette verlangt, dass wir die Post dem Boten wieder mitgegeben hätten, aber es war eine sehr dünne, in Plastik gehüllte Zeitung - ein breit gestreutes Geschenkexemplar, vier Seiten nur und kaum Text, mit dem pompösen Namen La Piazza d'Italia. Unter dem Titel steht, als Gönner könne man das Blatt für tausend Euro abonnieren. Berlusconi hätte das vielleicht bezahlt.

Oliver Meiler

SZ vom 10. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Tel Aviv

Ein leerer Friseurladen in Tel Aviv, um die Ecke vom Dizengoff-Platz, nachmittags vor der Rushhour. Elanvoll löst sich der Barbier von seinem Kreuzworträtsel. Wie wär's mit einer Rasur, der Herr? 50 Schekel? Nach Austausch der ortsüblichen Rechenexempel werden wir uns für 20 Schekel handelseinig, fünf Euro sind das, nicht schlecht, oder? Jedenfalls nicht für die Rasier-Show, die der Barbier bietet. Unter üppigem Einsatz staubender Talkwolken entfernt er mit großer Geste meinen Fünftagebart. Kaum bin ich raus aus dem Laden, fällt meiner Tochter auf, dass hier noch einige Haare stehen und da auch ... Die kritischen Fingerzeige, beobachtet durchs Schaufenster, gehen dem Barbier gegen die Standesehre. Bewaffnet mit dem Akku-Rasierer stürmt er aus dem Laden und säubert die letzten Stoppeln, im Stehen, mitten auf der King-George-Street.

Klaus Bachhuber

SZ vom 10. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... München

Ach, so schön, der Samstagmorgen beim Bäcker, Kaffee, ein spannendes Buch, keine Termine, zurücklehnen! Als Vergnügen erkennt der Rentner gegenüber das offenbar nicht, sondern raunzt über den Tisch hinweg: "Was arbeiten wir denn?" "Ähm, Journalist ..." "Ah", winkt er ab. "Alles Verbrecher!" Hätte die Unterhaltung doch nur an dieser Stelle geendet. Aber der ältere Herr redet sich warm. Als er mit der Presse fertig ist, schimpft er über Angela Merkel, die Politik generell, wählen gehe er schon lange nicht mehr. So, und über was regt er sich als Nächstes auf? Man hätte es fast ahnen können, noch so ein Klassiker: die Rundfunkgebühr. Viel zu teuer! Radio höre er ja nämlich schon ganz gern. Mein Einwand: Aber die Journalisten-Kollegen beim Radio müssen doch auch von etwas leben? "Ach, die interessieren mich nicht. Schönes Wochenende!"

Carolin Gasteiger

SZ vom 10. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Lucknow

Stau am Abend, Blaulicht auf der rechten Spur. Eine indische Ambulanz sucht die Lücke. Es ist ein alter Toyota, durch die Seitenfenster blickt man in den erleuchteten Innenraum. Drinnen quetschen sich Frauen, Männer und Kinder zusammen. Elf Köpfe. So viele Patienten auf einmal? Haben sie vielleicht alle was Verdorbenes zu essen erwischt? Kollektive Lebensmittelvergiftung, kommt schon vor. Mein ortskundiger Begleiter schüttelt den Kopf, "sieht nach einer Dorfambulanz aus", sagt er. "Wenn da jemand krank wird, fährt gleich der ganze Clan mit." Und ja, sie haben Kochgeschirr eingeladen, Eimer, Decken, Matten, sie werden nun vor der Klinik campieren, wer weiß, was der Patient braucht. Kochen, waschen, einkaufen. Trösten, unterhalten, beraten. Oder auch mal Blut spenden. Großfamilie im Noteinsatz, da wäre jetzt ein Sanitätsbus recht.

Arne Perras

SZ vom 3. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... St. Moritz

Eine spanische Kleinfamilie schlendert über den Hauptplatz von St. Moritz. Der Vater ein Koloss, neben ihm die Mutter, im Vergleich zu ihrem Gatten eine halbe Portion. Fünf Meter dahinter der Sohn, der sich anschickt, ebenfalls ein Hüne zu werden. Er hat schon den Körper eines Mannes, aber sein Gesicht ist noch von kindlicher Sanftheit. Und ziemlich verpickelt. Verdammte Pubertät. Vor einem Schaufenster bleiben die Eltern plaudernd stehen. Der Sohn schließt auf, stiert teilnahmslos. Da wendet die Mutter sich um zu ihrem Riesenkind, mustert sein Gesicht - und fährt die Hände aus, in Richtung Stirn. Sie muss steil nach oben greifen, schließlich ist der Bub eineinhalb Köpfe größer als sie. Ziel ihrer Attacke: der dickste Pickel. Zack, drückt sie ihn aus. Und der junge Mann? Sagt artig und im glockenhellen Knabensopran: "Gracias!"

Nadeschda Scharfenberg

SZ vom 3. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Rosenheim

Im Zug von Kufstein nach München, Höhe Rosenheim. Es ist ein sonniger Samstagnachmittag, viele Ausflügler sind auf dem Rückweg aus den Bergen. Im Gang stehen ein Vater und sein vielleicht zwölfjähriger Sohn mit ihren Mountainbikes. Dunkler Teint, schwarze Haare, sportliches Outfit. Eine ältere Frau schaut von ihrem Sitz auf und räuspert sich. "Have you had a nice day?" fragt sie den Jugendlichen und betont dabei jede Silbe einzeln. Fragender Blick von Vater zu Sohn, fragender Blick von Sohn zu Vater. Die Dame, offensichtlich verunsichert ob ihres holprigen Englisch, wiederholt, jetzt noch ein bisschen langsamer: "Have you had a nice day?" Der Mann antwortet in fehlerfreiem Deutsch: "Mein Sohn spricht kein Englisch." Nun schaut die Frau verdutzt. "Ach so, na dann: Hattest du denn einen schönen Tag?"

Elisa von Grafenstein

SZ vom 3. Mai 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Portland

Großer Vorteil, wenn man zum ersten Mal in die USA reist: Man meint, alles zu kennen. Feuertreppen, Fenster zum Hochschieben - hundertmal gesehen in Filmen und Serien. Großer Nachteil: Man meint, alles zu kennen. Und steht dann in der Dusche im neuen Apartment und bringt das Wasser einfach nicht dazu, oben aus dem Duschkopf zu fließen und nicht unten in die Wanne zu laufen. Ziehen hilft nicht, drücken nicht. Da ist kein Hebel, kein Schalter. Auch nicht an der Wand beim Waschbecken. Und nicht neben dem Klo. Irgendwann badet man notgedrungen, setzt im Kopf Nachrichten an die Vermieter auf, möglichst ohne saudoof zu klingen, hello, just one question... Doch zum Glück gibt es das Internet - und ein Video mit dem Google-optimierten Titel "Dusche USA verstehe ich nicht". Man zieht an der Armatur. Direkt am Wasserhahn, wo es rausfließt. Danke.

Elisa Britzelmeier

SZ vom 26. April 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Hattersheim

In der S-Bahn nach Frankfurt drängen sich schlecht gelaunte Leute. Ein Stellwerk zickte, wieder einmal, mehr als eine Stunde stand der Verkehr still. Immer diese Bahn! Ein Passagier ist besorgt. Seine Tochter wartet am Treffpunkt im Frankfurter Hauptbahnhof, zwölf ist sie und eines der wenigen Kinder ohne Handy. Der Vater versucht nahe der Station Hattersheim, telefonisch einen DB-Menschen zu erreichen, der das Mädchen über die Verspätung informiert. Erster Anruf: Bitte eine andere Nummer wählen. Zweiter Anruf: Dafür sei man nicht zuständig. Stöhnen im Waggon, typisch Bahn. Dritter Anruf: Man will Ausschau halten. Die Missmutigen rollen mit den Augen. Dann surrt das Handy. Man hat die Tochter gefunden und ihr mitgeteilt, dass der Vater auf dem Weg ist. Im Waggon versöhnt man sich schnell wieder mit dieser so viel gescholtenen Bahn.

Susanne Höll

SZ vom 26. April 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Paris

Nicht vergessen: Die im Internet vorbestellten Zugtickets am Fahrkartenautomaten ausdrucken. Normalerweise hat man die ja auf dem Handy. Für mein Reiseziel braucht man aber die alten Papierfahrscheine. Also die Rue de Rennes hoch. Da ist doch eine SNCF-Boutique? War einmal. Nun ist da ein Optiker. Auch die auf dem Boulevard Saint-Michel hat zugemacht, man möge ins Internet gehen. Also zu Fuß durch den Jardin du Luxemboug zum Bahnhof Montparnasse, vorbei am Karussell mit den Holzpferden, den Kindern drauf mit ihren Stöcken in der Hand, mit denen sie wie einst ihre Eltern und Großeltern Metallringe abstechen sollen. Ein Überbleibsel aus einer handylosen Welt. Auf dem größten Ross ein kleines Mädchen, das sein Stöckchen falsch hält. Die Ringe scheppern zu Boden. Eine Fee mit Zauberstab braucht kein Internet. Ich aber brauche meine Tickets.

Joseph Hanimann

SZ vom 26. April 2019

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Mitten in ... Madrid

Zu den pädagogischen Maßnahmen, mit denen die linksalternative Stadtregierung die Hauptstädter zu besseren Menschen machen möchte, gehören die Sinnsprüche auf dem Asphalt, aufgemalt in großen weißen Lettern zwischen Bordsteinkante und Zebrastreifen. Nicht auf das Handy soll man starren, wenn man an der Fußgängerampel warten muss, sondern über den Sinn des Daseins nachdenken. Einer jungen Frau geht ein Spruch des Denkers Pablo Morante so sehr ans Herz, dass sie ihn mit ihrem Handy fotografieren will. Beim Suchen nach dem besten Winkel für das Foto macht sie zwei Schritte auf die Fahrbahn. Bremsen quietschen, ein Taxifahrer schreit die zu Tode erschrockene Frau an: "Sind Sie lebensmüde!? Ich hätte Sie um ein Haar überfahren!" Der Spruch auf dem Asphalt lautet: Immer gibt es einen Moment, um aufs Neue zu sterben!

Thomas Urban

SZ vom 12. April 2019

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Mitten in ... Washington

Seit Kurzem erfreut sich im Quartier in Washington die Website Nextdoor großer Beliebtheit. Nextdoor ist eine Art Facebook für Nachbarn, auf der sich diese über allerlei Wichtiges und Unwichtiges austauschen - klicken statt klingeln. "Wer hat den Paketdieb in der 3rd Street gesehen?" - "Falschparker in der North Capitol Street!" Die Zahl der Beiträge explodiert immer dann, wenn wieder irgendeiner Schüsse im Quartier gehört haben will. "10 bis 12 Gunshots heute Nacht", schreibt Mark vor einigen Tagen, "wer hat es ebenfalls mitbekommen?" Innerhalb von Minuten melden sich ein Dutzend Nachbarn mit der gleichen Beobachtung, die Polizei wird informiert. Amy schreibt, sie überlege sich jetzt ernsthaft einen Umzug. Dann klärt Mark auf: "Habe gerade mit Nachbar Dylan gesprochen. War nur Feuerwerk." Vor Nextdoor war das Leben ruhiger.

Alan Cassidy

SZ vom 12. April 2019

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Mitten in ... München

Es ist Nachmittag, die Münchner U-Bahn ist vollgestopft. Erholung gibt es auf dem Heimweg von der Arbeit schon mal nicht, dafür jede Menge Gesprächsfetzen von den Mitfahrenden. Auf den Fensterplätzen plaudern zwei Teenager. Die Jugendsprache ist zum Schmunzeln absurd. Auch der Mann gegenüber ist belustigt, wir tauschen Blicke aus, zwei Verbündete auf dem Weg in den Feierabend. Auf einmal aber scheppert laute Musik, der ganze Zug muss mithören. Sind das etwa die Teenies? Vielleicht, vielleicht auch nicht, es lässt sich nicht ausmachen, wo das Gedudel herkommt. Binnen Zehntelsekunden wandelt sich das amüsierte Gesicht des Mannes zur Fratze, er brüllt: "Machen Sie die Musik aus!" Diese wird erst leiser, dann verstummt sie, wie auch die Menschen in der Bahn. Betretenes Schweigen. An der nächsten Haltestelle steigt der Mann aus.

Julia Choutka

SZ vom 12. April 2019

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