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Kolumbien:Es soll daraus kein Machu Picchu werden

Ein Wanderer überholt uns, um die 40 und augenscheinlich topfit. Es ist Santiago Giraldo, bis vor kurzem staatlicher Chefarchäologe. Er macht den Anstieg zur Verlorenen Stadt an gerade mal einem Tag. Er müsse die letzten Arbeiten seines Teams begutachten, sagt er. Ab jetzt erforscht und restauriert er die Ruinen im Auftrag der US-Stiftung Global Heritage Fund. Die Tayrona-Krieger lieferten sich 80 Jahre lang einen Guerillakampf mit den Spaniern, erzählt Giraldo, während er zügig weiter wandert. "Am Ende waren es von den Europäern eingeschleppte Krankheiten wie Typhus, Grippe und Pocken, die die hoch entwickelten Indígenas besiegten." Hier in der Sierra Nevada hätten etwa 300 000 Menschen gelebt. Um das Jahr 1600 seien von ihnen nur noch zehn Prozent am Leben gewesen.

In einem Bach klopft eine ältere Kogi-Indianerin mit einem Stein auf ein Hemd, um den Dreck zu lösen. Die etwa 10 000 Kogis sind an ihrer weißen Leinenkleidung zu erkennen, die Männer tragen zudem eine konisch geformte Kappe, ebenfalls in weiß. Die Kogis verstehen sich als direkte Nachfahren der Tayrona. "Sie sind die Überlebenden der Überlebenden, so wie die Franzosen Nachfahren der Kelten sind", sagt Giraldo. Die Epidemien zerstörten das soziale Netz der Tayrona-Gesellschaft, viel Wissen ging verloren. Die Spanier haben aber nie einen Fuß in die Verlorene Stadt gesetzt. Ausgerechnet ein Grabräuber namens Julio Cesar Sepúlveda war es, der die Ruinen 1975 entdeckte. Giraldo erzählt seine Geschichte, die zur Legende geworden ist: "Sepúlveda war auf der Jagd und schoss einen Vogel. Der fiel auf die Stufen einer überwachsenen Treppe, die zur Verlorenen Stadt führte." Sepúlveda und seine Familie begannen heimlich, die dortigen Terrassen zu plündern. Ihre Goldobjekte weckten bald die Gier von Konkurrenten. Sepúlveda wurde in einem Hinterhalt getötet. 1976 schickte die Regierung Archäologen und Soldaten. Die Wissenschaftler begannen, die Ruinen zu erforschen.

Die Kogi haben bestimmt, dass die Zahl der Besucher in der Ruinenstätte begrenzt wird.

(Foto: Thomas Wagner)

Blockhütten tauchen am Wegesrand auf, unter riesigen Zedern, direkt neben einem Bach. Es ist das Camp 3, das Tagesziel. Am nächsten Morgen ist allen leichte Aufregung anzumerken. Heute ist der dritte und entscheidende Tag, die Ciudad Perdida wartet. Einige hundert Meter hinter dem Camp beginnt eine steinerne Treppe. Eines der wenigen Schilder während des Treks weist den Weg.

Der Schritt wird schneller, die Erschöpfung schlägt in Aufregung um. Auf 1200 Metern Höhe, nach angeblich tausend Stufen, gibt der Dschungel ein Bergplateau preis, das von runden und ovalen Steinterrassen bedeckt ist. Die Morgensonne beleuchtet das satte Grün, im Hintergrund sieht man die bewaldeten Berge der Sierra Nevada. Auf jeder Terrasse habe eine Familie gewohnt, erklärt Wilson. Die Tayrona-Gesellschaft sei polygam gewesen. Der Mann und seine Frauen lebten in getrennten Häusern. Weil die Gebäude aus Holz gefertigt waren, blieben sie nicht erhalten. Das Gras auf den Terrassen wirkt wie englischer Rasen. Das ist auch das Verdienst von Santiago Giraldo, der schon einen Tag vor uns hier angekommen ist. Allein im letzten Monat hat sein Team fünf Terrassen auf dem 500 Meter langen Bergplateau instand gesetzt. Eine Daueraufgabe: Umstürzende Bäume, Regenwasser und Termiten beschädigten sie immer wieder.

Zwei weitere Wandergruppen kommen auf dem Plateau an. Insgesamt sind es nicht mehr als 50 Besucher. In der Verlorenen Stadt herrscht kein Rummel, und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. Nur ein halbes Dutzend Agenturen in Santa Marta und dem Badeort Taganga haben die Lizenz, diese Tour anzubieten. Alleine wandern ist nicht möglich. Das entschieden 2010 die Führer der Kogi-Indianer, durch deren autonomes Territorium der Wanderweg führt.

"Die Parkverwaltung will nicht, dass sich die Verlorene Stadt in ein Machu Picchu oder Angkor Wat verwandelt", sagt Giraldo. "Wenn wir zu viele Leute hineinlassen, bricht sie zusammen." Sein Vergleich ist mutig. Die Ciudad Perdida ist die beeindruckendste präkolumbische Stadt Kolumbiens. Aber verglichen mit der Inka-Festung in Peru und der Tempelanlage in Kambodscha nehmen sich die Tayrona-Ruinen deutlich bescheidener aus.

Viel Zeit zum Genießen des Blicks bleibt nicht. Schon nach einer Stunde trommelt Wilson die Gruppe zum Abstieg ins Camp 2 zusammen. Abends erzählt dort Adan de Jesus Bedolla wieder von der Grabräuberei und bedauert, dass sie ein aussterbender Beruf sei: "Um zwei, drei Edelsteine zu finden, musst du bis zu fünf Meter tiefe Löcher schaufeln. Das ist harte Arbeit. Und die Jugend will nicht mehr arbeiten."

Informationen

Anreise: Flug von Bogotá bis Santa Marta, z. B. mit Viva Colombia, hin und zurück ca. 87 Euro, www.vivacolombia.co.

Tour zur Verlorenen Stadt: Start und Ende in Santa Marta. Es gibt eine Vier- und eine Sechstagestour. Der Preis liegt bei rund 220 Euro, unabhängig von Touranbieter Dauer. Agenturen sind u. a. Magic Tour Colombia, www.magictourcolombia.com und Turcol, www.turcoltravel.com.

Übernachtung: Quartiere auf dem Trek sind im Tourpreis inbegriffen. Hotel in Santa Marta: z. B. La Casa del Agua, DZ ab 60 Euro, www.lacasadelagua.com.co.

Weitere Auskünfte: Wissenschaftlicher Hintergrund: www.globalheritagefund.org.