bedeckt München
vgwortpixel

Bergsteiger Kobusch:Online in der Todeszone

Kameras, Laptops, Satelliten-Internet - am Everest ist es "crazy", sagt Jost Kobusch.

(Foto: Robert Haas)

Bergsteiger Jost Kobusch filmt eine Everest-Lawine und kommt zu zweifelhaftem Ruhm. Wie denkt er jetzt darüber?

Der deutsche Bergsteiger Jost Kobusch, 23, wollte mit einer kommerziellen Expedition auf den Lhotse, als im Basislager am Mount Everest nach einem Erdbeben eine Lawine abging. Sie verwüstete das Basislager und riss 18 Menschen in den Tod. Kobusch filmte mit, als die Lawine kam. Sein Video wurde auf Youtube 23 Millionen Mal geklickt. Kobusch hat damit auch Geld verdient.

SZ: Wie oft denken Sie noch an den 25. April, als die Lawine auf Sie zukam?

Jost Kobusch: Immer mal wieder. Ich bin ziemlich empfindsam für Vibrationen geworden. Wenn ein Lkw vorbeifährt und das Haus wackelt, denke ich sofort daran. Auf einer Expedition bin ich auch schon einmal nachts aufgewacht und habe gefragt, warum der Boden wackelt.

Sie haben während des Lawinenunglücks ein Video gedreht. Wie oft schauen Sie sich das noch an?

Es kann vorkommen, dass irgendwer sagt: Hey, du hast doch dieses Video gedreht, hast du's irgendwie da, kann ich es sehen? Und dann zeig ich es auf dem Handy. Aber ich schaue es mir nicht ständig an.

Warum haben Sie eigentlich gefilmt? Andere Menschen würden weglaufen.

Am Anfang habe ich mir gedacht, das wäre ein cooler Blog-Eintrag, ich war noch nie in einem großen Erdbeben. Und wir haben uns auch kaputtgelacht, weil der Boden so gewackelt hat, als ob du auf einem Segelboot bist. Ich habe die Kamera gehalten und sie mit mir mitbewegt. Auch als die Leute weggelaufen sind und ich hinterher, habe ich gefilmt. Sogar als wir uns hinter das Zelt geschmissen haben, ist die Kamera gelaufen. Ich hatte schon Angst, aber in dem Moment hat meine Körper auf Autopilot gestellt und alle Emotionen abgeschaltet. Ich dachte mir: Wenn wir jetzt schon von diesem Ding getroffen werden, dann möchte ich es auch auf Video haben.

Wie kam Ihr Video so schnell ins Internet?

Zuerst habe ich das Video vergessen. Wir haben die Verletzten versorgt und gegessen. Am nächsten Morgen beim Frühstück fiel es mir wieder ein. Und plötzlich wollten im Basislager alle dieses Video sehen. Und dann hab' ich mir gedacht: Das musst du ins Internet laden. Ich hatte meinen Laptop dabei und habe das Video zuerst kleiner und ein bisschen kürzer gemacht. Aber das Internet im Basislager hat nicht funktioniert. Also habe ich mir überlegt, ich könnte ja nach Gorak Shep wandern, das ist das letzte Dorf vor dem Everest-Basislager, da gibt es auch Internet.

Sie haben gerade ein Erdbeben überlebt, sind aber für einen Zugang zum Internet nach unten geklettert?

Hat nur eineinhalb Stunden gedauert. Aber in der Mitte kam ich in ein zweites Beben, Stärke 6,8 oder so. Und als ich dann am Sendemast angekommen bin, hat natürlich gar nichts funktioniert. Ein anderes Bergsteigerteam hat mir dann geholfen. Ich habe auf deren Handy auf "Upload" gedrückt und bin zurück ins Basislager. Am nächsten Morgen hatte ich einen Anruf aus den USA, die wollten mein Video. Da wusste ich, es hat geklappt. Das Video hatte da schon zwei Millionen Klicks. Hammer.

Warum haben Sie sich so gefreut?

Das Video war ein Zeugnis unseres Überlebens. Meine Gruppe verbindet es bis heute mit einer sehr positiven Emotion: Wir haben es geschafft! Auf einmal hatte das Video fünf Millionen Klicks, wir waren happy. Jetzt hat es fast 23 Millionen Abrufe. Das ist richtig irre.

Warum gehen Bergsteiger wie Sie auf Achttausender, setzen ihr Leben aufs Spiel und sind dabei ständig im Internet?

Wenn du auf den Everest gehst, dann weißt du, das ist crazy. Da siehst du nicht nur ein Filmteam, sondern drei. Ich habe gesehen, wie ein Team rund um die Uhr einen koreanischen Bergsteiger begleitet hat, der alle Finger am Denali verloren hat. Ich habe auch einen Youtube-Kanal und bringe ständig Videos. Filmen hat immer dazugehört, deswegen habe ich mich bei der Lawine auch so verhalten. Wenn etwas passiert, schalte ich die Kamera ein.

Gehört das zur Standardausstattung im Everest-Basislager: Laptop, Smartphone, Kameras, Social-Media-Team?

Bis zu einem gewissen Grad: ja. Die Leute haben mindestens das Smartphone dabei. Und im Basislager gibt es Wlan über Satellit. Das heißt, du liegst in deinem Zelt und kannst Beiträge für deinen Blog schreiben oder Whatsapp-Nachrichten verschicken.

Warum konzentriert man sich am Berg nicht ganz auf das Erleben?

So eine Expedition ist extrem teuer. Das bedeutet, wer das Geld nicht hat und mit Sponsoren unterwegs ist, muss eine gute Medienreichweite haben, Bildmaterial zur Verfügung stellen, ständig Updates bringen vom Everest. Und auch wer genügend Geld hat, um auf Sponsoren zu verzichten, will zeigen, was er da oben Geiles tut.

Sind Sie durch das Lawinen-Video berühmt geworden?

Berühmt würde ich nicht sagen. Aber sobald die Menschen rausfinden, dass ich dieser Typ war, der das Video gemacht hat, werden sie richtig aktiv. Ich war in der letzten Zeit in Argentinien. Meine Gastfamilie hat dann gesehen, dass ich dieses Video gedreht habe. Dann war da richtiger Trubel. Die haben das Video angeschaut und kommentiert, haben gesagt: "Du bist doch verrückt, was machst du da?" So was passiert mir am anderen Ende der Welt.

Stört Sie das?

Bei "Spiegel-TV" wurde ich als "der Lawinen-Filmer" vorgestellt. Irgendwie sehen in mir alle Leute eher den Lawinen-Filmer als den Bergsteiger. Es sprechen mich auch Leute auf meine bergsteigerischen Projekte an, aber es sind auch einige dabei, die mich wirklich nur als diesen Lawinenfilmer sehen. Das stört mich schon.

Wie denken Sie jetzt über die Gefahr?

Wenn wir in die Berge gehen, dann wissen wir, da ist ein Risiko. Man versucht es zu minimieren, aber ein Restrisiko bleibt. Die Gefahr ist ja auch Teil des Abenteuers. Man geht auf eine Expedition, um quasi aus der Zivilisation auszubrechen, um irgendwas Wildes zu machen, um ein bisschen wieder die Ferne zu spüren. Und dieses kleine Restrisiko macht es einfach intensiver.

Lesen Sie jetzt mit SZ Plus:
Kurioses "Wir reisen seit zwei Jahren"

Housesitting

"Wir reisen seit zwei Jahren"

Leonore Sibeth und Sebastian Ohlert haben ihre Jobs gekündigt und reisen um die Welt. Statt in Hotels wohnen sie in den Häusern fremder Menschen - umsonst. Über die Erfahrungen des Paares mit Housesitting.   Interview von Monika Maier-Albang