bedeckt München 23°

Kitzbühel:Nur ein paar Daddler

Am nächsten Morgen steigt an der Rezeption der Tenne die Nachfrage nach Aspirin. Das ist kein Wunder, denn Cosima Aichholzer hatte schon gesagt, dass für gewöhnlich die letzten Herzerljäger direkt vom Ballsaal ans Frühstücksbuffet wechseln. Draußen ist der Himmel eher noch ein bisschen grauer und die Straße noch ein bisschen leerer als am Tag zuvor; die Boutiquen von Luis Vuitton und Tommy Hilfiger wirken plötzlich unangebracht.

Jetzt sind sie fast unter sich, die 8000 Kitzbühler und jene 2000 Münchner, Wiener, Salzburger, die das Glück hatten, eine Immobilie gekauft zu haben, die eine so genannten "Freizeitwohnungswidmung" besitzt - nur dann nämlich darf ein Zweitwohnsitz eingerichtet werden - wer immer sonst nach Kitzbühel ziehen möchte, muss seinen Hauptwohnsitz hier eintragen.

Arme Leute würden sowieso nicht kommen, die Preise haben Münchner Niveau, Krassnigg Immobilien zum Beispiel bietet im Schaufenster eine Dachgeschosswohnung an, Zentrum, 360 Quadratmeter, drei Millionen Euro.

Das Casino in der Hinterstadt ist an diesem Abend ein trister Ort: Einer von zwei Roulette-Tischen wird mangels Nachfrage gerade geschlossen, eine Black-Jack-Runde, ein paar Automaten-Daddler, das war's. "Heute hatten wir 100 Gäste", sagt Hannes Hutter, der Direktor. "In der Saison sind's mehr als 1000 am Abend." Dann wird auch der erste Stock geöffnet, den sie jetzt nicht brauchen. Dann fließt der Schampus, und die Jetons fliegen - 700.000 Euro war der höchste Roulette-Gewinn, den ein Gast mal hinausgetragen hat. "Natürlich freuen wir uns, wenn unsere Gäste gewinnen", sagt Hutter tapfer. "Aber an so was knabbern wir schon einige Zeit."

Noch auf einen Plausch zu Annemarie Foidl, die auf ihrer Visitenkarte - wir sind in Österreich - "Dipl. Somm." als Berufsbezeichnung stehen hat, was Diplom-Sommelier bedeutet, also Weinfachfrau. Foidl betreibt die Angereralm, im Moment jedoch nicht - auch dort ist geschlossen bis Anfang Dezember. "Oft ist das Aufmachen teurer als das Zusperren", sagt sie.

Langweilig wird ihr aber sicher nicht: Sie ist Präsidentin des österreichischen Sommelierverbands, deshalb muss sie jetzt erst einmal nach Lettland zu einem Wettbewerb, dann nach Velden, dann nach Zürich und schließlich nach Japan zum Kongress, weil sie im Weltverband für die Ausbildung zuständig ist. Danach aber hat sie doch noch ein paar Tage frei, und die wird sie natürlich in Kitzbühel verbringen. "Das ist die schönste Zeit", sagt Annemarie Foidl, "alles schön ruhig, wenig Leute, Platz in der Stadt."

Eine Stadt lebt vom Tourismus und freut sich, wenn die Touristen weg sind. Kitzbühel inszeniert zehn Monate im Jahr den Rausch und wundert sich über den Kater, wenn er vorbei ist. Zehn Monate im Jahr ist Kitzbühel unsichtbar, und wenn es dann wieder auftaucht, bleibt eine kleine Stadt in Tirol. Beim Billa in der Vorderstadt gibt es heute Surrollbraten. Wenn man nicht aufpasst, kann man leicht "surreal" lesen.