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Kitzbühel:Zwischen Sommersause und Winterwahn

Eine Stadt wird wieder sichtbar: Münchens "Nobelvorort" Kitzbühel verarbeitet im Herbst den Stress der vergangenen Saison.

Vor den Fenstern die Geranien, sie sind schon lange verblüht. Der Regen tropft auf Kopfsteinpflaster, beim Billa gibt es "Schweinsripperl geselcht", 5,99 Euro das Kilo. Hubert, der Kutscher, sitzt auf seinem Kutschbock und starrt die fast leere Straße hinunter. "Naa", sagt er, "jetz is vorbei."

Kitzbühel im Oktober - eine Stadt wird sichtbar, wieder sichtbar. Von Dezember an verstellen die Touristen den Blick auf Kitzbühel, schütten ihn zu mit Champagner, feiern alles Beschauliche weg: Fast eine Million Übernachtungen im Jahr, in einem Ort, der selbst nur 8000 Einwohner hat.

Jetzt aber gibt das Sporthotel Reisch auf Zetteln bekannt, dass es erst am 4. Dezember wieder aufmacht, der Kutscher Hubert spürt, dass er seine beiden Rösser und die Kutsche aus Polen, 11.000 Euro hat sie gekostet, bald einwintern kann, und im McDonald's an der Gänsbachgasse ist so wenig los, dass der Big Mac frisch zubereitet und von der Servicekraft an den Tisch gebracht wird.

Bei Ilse Siegner allerdings sind am Abend die Tische gut besetzt, was zum einen sicher an der Ente liegt, die sie serviert, zum anderen aber auch daran, dass das Restaurant "Alt-Kitzbühel" vor dem ganzen Touristen-Wahnsinn nicht komplett kapituliert hat - hierhin kommen Eingesessene, auch wenn im Gästebuch am Eingang Einträge auf Griechisch, Kyrillisch, Französisch, Englisch und Finnisch zu finden sind. Die Kitzbühler, sagt Ilse Siegner, machen's Neuankömmlingen nicht leicht - "man braucht, bis man an sie rankommt und dazugehört". Ein Platz an den beiden großen Tischen vorne rechts im "Alt-Kitzbühel" - das könnte schon ein guter Beleg dafür sein, dass es vorangeht mit der Integration.

"Getränke! Wir brauchen viel mehr Getränke!", schreit Cosima Aichholzer um ein Uhr nachts im Festsaal des Hotels "Zur Tenne". Hier findet gerade so etwas wie das letzte Aufflackern des mondänen Kitzbühels statt, und das ist natürlich ohne Wodka überhaupt nicht auszuhalten: Der "Herzerljäger-Ball", den Aichholzer seit fünf Jahren veranstaltet, vereint all jene, die in Wien, Salzburg, Monaco und München wichtig sind oder das von sich zumindest glauben.

München ist in diesem Jahr allerdings nicht so gut vertreten, weil drüben, im Arosa-Hotel, am selben Abend Robert Hübner Geburtstag feiert, den sie einen Münchner Immobilien-Mogul nennen, was sich unter anderem darin beweist, dass er von seiner Frau endlich den dringend benötigten Mitflug in einem Kampf-Jet geschenkt bekommt.

Dort also weilen an diesem Abend die Promibohrer und Schnittchenschmierer von Kitzbühel, dem Nobelvorort Münchens, während in der Tenne Werner Baldessarini recht alleine die bayerische Fahne hochhält. Es gab zur Begrüßung einen Händedruck von Johannes Mitterer, dem Hoteldirektor, dann vier Gänge und nun einen DJ, trotz Dirndl und Lederhose wird gerockt, was das Mieder hergibt.

Mittendrin Tatjana Batinic, die sich ihre Einladung dadurch erarbeitet hat, dass sie mal Miss Austria war, was wiederum Christian Abermann schwer beeindruckt. Er hat sich einen Namen gemacht als Veranstalter der "Almrausch"-Party, eine Art Ballermann für Besserverdienende, die sich statt mit Sangria mit Champus die Kante geben.