Katastrophentourismus:Dem Tod auf den Fersen

Zwischen zwei Strandtagen ein bisschen Gänsehaut einschieben: Reisen zum Schauplatz von Katastrophen erfreuen sich guter Nachfrage.

Hans Gasser

Die Basler Nachrichten bieten an: "Reklamefahrten" im Auto über das "Schlachtfeld par excellence" von Verdun. "Unvergessliche Eindrücke" werden versprochen, dort, wo es "keinen Quadratzentimeter Oberfläche (gibt), der nicht von Granaten durchwühlt wurde" und "vielleicht 1,5 Millionen Menschen verbluteten". Gleichzeitig werden "erstklassige Verpflegung, Wein, Kaffee, Trinkgelder" inklusive zugesichert und, als besondere Attraktion, könne man im Beinhaus von Thiaumont der Einlieferung von "nicht agnostizierten Gefallenen" beiwohnen - das alles für 117 Franken.

Geigerzähler am Unglücksreaktor in Tschernobyl, AFP

Führungen mit Geigerzähler am Unglücksreaktor von Tschernobyl

(Foto: Foto: AFP)

Die Annonce in den Basler Nachrichten stammt aus dem Jahr 1921, Karl Kraus hat sie konserviert und galligst kritisiert: "Sie erkennen, dass Staaten (. . .) die Ehre von Preßpiraten ausdrücklich schützen, die aus dem Tod einen Spott und aus der Katastrophe ein Geschäft machen und den Abstecher zur Hölle als Herbstfahrt besonders empfehlen."

Was man vielleicht der Verrohung der Menschen unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg zuzuschreiben neigt, ist etwas, das seit jeher gang und gäbe ist und heute geradezu eine Blüte erfährt.

Katastrophentourismus, oder, auf Englisch, Dark Tourism, wird in den verschiedensten Facetten angeboten: Seien es Touren zum Reaktor von Tschernobyl, zu Folterkammern auf mittelalterlichen Burgen, sei es die Besichtigung von Ground Zero, eine organisierte Reise in den umkämpften Irak oder zu den Killing Fields in Kambodscha - Leiden und Tod übten auf Menschen immer schon eine starke Faszination aus.

"Speziell dann, wenn es anderer Leiden und Tod sind und man sich gerettet und privilegiert fühlen kann", sagt der Tourismusforscher John Lennon von der Glasgow Caledonian University. In seinem Buch "Dark Tourism" untersucht er anhand von Feldstudien an Verbrechensschauplätzen wie den Killing Fields in Kambodscha, an Auschwitz oder den Schlachtfeldern der Weltkriege, wie diese Art von Tourismus funktioniert.

Dieser würde oft mit dem erzieherischen Gehalt gerechtfertigt, der Erinnerung und dem "Nie wieder". Allerdings sei bei vielen Besuchern auch die voyeuristische Motivation vorhanden, nahe an das Grauen und an den Tod heranzukommen, dabei aber nichts zu riskieren.

Katastrophentourismus sei ein altes Phänomen, so Lennon. Bereits einen Tag nach der Schlacht von Manassas im amerikanischen Bürgerkrieg habe man daraus eine touristische Attraktion gemacht. Bis heute sind Nachstellungen von Bürgerkriegsschlachten mit tausenden Darstellern etwa in Virginia jedes Jahr wieder Reiseziel für Massen von Schaulustigen.

Das Problem sei, dass an vielen Gedenkstätten die Geschichte oft stark verkürzt, manchmal falsch wiedergegeben werde, so Lennon. "Ein Weniger an Information muss oft einem Mehr an Unterhaltung weichen. Die Leute wollen außergewöhnliche, dramatische Erfahrungen machen."

Zu den solchen gehört wohl auch ein Besuch des Reaktors von Tschernobyl in der Ukraine. Begleitet von einem Führer mit Geigerzähler, kann man bis zum 1986 explodierten Reaktorblock 4 fahren.

Dem Tod auf den Fersen

Die Nachfrage nehme jedes Jahr zu, mittlerweile gebe es rund zehn Unternehmen, die Touren zum Reaktor anbieten, sagt Sergei Ivanchuk, der mit seinem Unternehmen Solo East Travel in die Sperrzone führt. Insgesamt besuchten pro Jahr schätzungsweise zwischen sieben- und neuntausend großteils ausländische Touristen Tschernobyl.

Zwar gebe es auch Sensationshungrige, die nur mitfahren, damit sie zuhause angeben könnten. Die meisten Besucher aber seien wirklich interessiert an den damaligen Geschehnissen und wollten darüber etwas erfahren.

Ein gewisses Gruselbedürfnis sei meistens im Spiel, sagt Tourismusforscher Lennon. Hinzu komme eine durch Filme oder Fernsehpräsenz ausgelöste Popularität mancher Stätten. Werde etwa im Fernsehen ein Film über die Ermordung Kennedys gezeigt, schnellten die Besucherzahlen im Gedenkmuseum in Dallas in die Höhe. Ähnlich habe es sich mit "Schindlers Liste" und Auschwitz verhalten.

Touristen kommen vor allem durch Reiseführer und Filme darauf, die Massengräber in Kambodscha zu besuchen, weniger dadurch, dass sie sich vorher mit der Geschichte des Landes befasst hätten. Dies zumindest ergaben Interviews, die Lennon mit Reiseveranstaltern dort geführt hat.

Die in den vergangenen Jahren in Mode gekommenen Rundfahrten durch südafrikanische Slums oder brasilianische Favelas seien auch mit Vorsicht zu genießen, sagt Heinz Fuchs von Tourism Watch, dem Informationsdienst für Dritte Welt Tourismus der Evangelischen Kirche. Es komme sehr darauf an, wie sensibel die Touren geführt und wie gut die Hintergründe und Zusammenhänge der Armut erklärt würden.

So sei ein Veranstalter, der Spenden an Kinder, sei es Geld oder Kugelschreiber, zulasse, nicht seriös. Wenn aber wirkliches Verständnis gefördert werde, das vielleicht auch zu Spenden an Hilfsorganisationen führe, so könne man gegen diese Art von Tourismus nichts sagen, so Fuchs. "Es gibt schließlich immer noch genügend Touristen, die nicht aus ihrer Anlage rauskommen und von der Armut rundherum nichts mitbekommen."

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