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Karneval in Brasilien:Phantasie statt Sex-Appeal

Karneval Maracatu Cambinda Brasileira Pernambuco Brasilien

Herrschaftliche Kleidung gehört dazu. Die Karnevalsumzüge im Bundesstaat Pernambuco werden von einer "Dama do Paço" begleitet.

(Foto: Alexandre Severo/Reuters)

In Rio tobt das Samba-Spektakel, auf dem Land aber sind die alten Rituale des brasilianischen Karnevals erhalten geblieben. Einst krönten sich dabei Sklaven zu Königen - und waren frei wie nie.

Flirrende Wesen wie aus einer anderen Welt hocken im Schatten der Fächerpalmen am Kirchplatz. Sie lehnen ihre Flitterhaarbüsche an schlecht verputzte Hauswände, liegen auf dem Bürgersteig, daneben Gestalten in Reifröcken und Stöckelschuhen. Die Damen zeigen sonnengegerbte Gesichter und manch zahnloses Lächeln unter den Schleiern, bei den Männern lugen unter den prächtigen Kostümen abgetretene Turnschuhe hervor, oft fehlen die Schnürsenkel.

Jeder Zentimeter Schatten ist besetzt. Trommelrhythmen lassen die Zuschauer erbeben, dazu lärmen Kuhglocken und Trillerpfeifen. Es ist Karneval in Nazaré da Mata im Nordosten Brasiliens - und großes Treffen der Maracatús.

Aus Afrika nach Brasilien

50 Kilometer von Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco, entfernt, ist die Hitze in dieser Jahreszeit drückend. Zona da Mata heißt die Region, in der es selten regnet und vor allem Zuckerrohr gedeiht. Maracatú ist ein Rhythmus und eine Tradition, die mit den Sklaven aus Afrika nach Brasilien gelangt ist und sich hier mit indigenen und europäischen Elementen vermischt hat. Ausschließlich von Trommeln und anderen Perkussionsinstrumenten begleitet, führen Tanzgruppen mit Dutzenden Mitgliedern eine Art Theater auf, in dem ein Hofstaat in prächtigen Kostümen noch luxuriöser gekleidete Prinzessinnen und Königspaare begleitet. Zu Kolonialzeiten war das Spiel Verspottung der Herren und Anmaßung zugleich. Bis heute wird die Tradition vor allem von Arbeitern der Zuckerrohrplantagen gepflegt, manche der Gruppen bestehen seit mehr als 100 Jahren.

Brasilien

Sehenswertes abseits von Rio de Janeiro

Viele der Maracatús sind schon vor Tagen angereist. "Wir schlafen in der Schule", sagt Valdir dos Santos, der müde aussieht, aber leuchtende Augen hat. Eben hat er einen Teller der vom Bürgermeister gestifteten Bohnensuppe gelöffelt, jetzt lässt er sich zwei Finger hoch Misturado einschenken, eine Mischung aus Zuckerrohrschnaps und Gewürzen: "Das ölt die Stimme!"

Irgendwann im Laufe des Tages wird Valdir dos Santos mit den anderen vor der Jury auf der Tribüne die Viehtreiberweisen singen, die nach altem Brauch spontan erfunden werden und vom Leben in der einsamen Weite erzählen. Seit Monaten fiebert er darauf hin. Dutzende solcher Gruppen proben auf einsamen Plantagen in Pernambuco ihr Tanztheater mit einer Choreografie, die an die Tänze ihrer afro-brasilianischen Religion erinnert. Hier in Nazaré treffen sie die Mitglieder der anderen Maracatús, präsentieren sich stolz und freuen sich, wenn Fremde sie filmen und fotografieren.

Zwei Tage lang, am Karnevalssamstag und am Sonntag, besetzen die Kostümierten die Straße zum Kirchplatz, und der Ort vibriert im Rhythmus des alten Spiels. Nur eine Handvoll Touristen staunt über die archaischen Gestalten: Das Treffen in Nazaré ist immer noch ein Geheimtipp.