Süddeutsche Zeitung

Karibiktraum: Caye Caulker in Belize:"Go slow!"

Gelassenheit ist Pflicht auf Caye Caulker - die braucht man, wenn der Bootsführer vor dem Schnorcheln mit Haien ruft: "Springt, die lieben weißes Fleisch!"

Vor dem Ablegen in Belize City steigt der Stresspegel ein letztes Mal rasant an. Werbung für ein Hotel soll das auf der Informationstafel sein, aber es klingt eher nach einer Reisewarnung: "Lassen Sie sich nicht von den Hustlern am Bootsteg anreden, gehen Sie wortlos und schnell an ihnen vorbei, dann rechts am Strand entlang!" Horden von aufdringlichen Werbern mitten im Karibikparadies?

Nach einer Stunde Bootsfahrt übers Meer endlich die beruhigende Aussicht: Weit und breit kein Hustler in Sicht, dafür soweit das Auge reicht Mangroven und Kokospalmen. Auf einem Streifen Sandstrand stehen bunt angestrichene Holzhäuschen. Ein Verkehrsschild empfängt die Besucher: "Go slow".

Die wirklich wilden Zeiten von Caye Caulker - einer von mehr als 200 Inseln entlang des Belize Barrier Reef - liegen lange zurück: Im 17. Jahrhundert gingen englische und schottische Piraten von der Insel aus auf Raubzug. Sie plünderten vor allem spanische Handelsschiffe.

Von den Spaniern mehrfach um Hilfe gebeten, machten die Briten der Piraterie 1670 ein Ende, um den Spaniern dann im Jahr 1798 ganz Belize abzujagen.

Bis 1973 trug das Gebiet den Namen Britisch-Honduras. Seit 1981 unabhängig, ist das zweitkleinste Land Mittelamerikas mit der Größe Hessens und nur 300.000 Einwohnern jedoch immer noch Mitglied im Commonwealth.

Englisch ist die offizielle Landessprache und Königin Elisabeth II. ist weiterhin auf den Belize-Dollar-Noten abgedruckt.

Die Geschäftigkeit Londons ist hier aber kaum vorstellbar. Die Einwohner von Caye Caulker betrachten es als Vorteil, dass sie wegen der Hitze, die tagsüber auf ihrer Insel herrscht, nicht schnell vorankommen. "Go slow" ist zu ihrem Lebensmotto geworden.

Junge Rastamänner gehen langsam und barfuß über die sandigen Wege. Ein Vater bringt seinen beiden kleinen Söhnen das Angeln bei und damit auch eine Lektion in Geduld. Ein Händler legt liebevoll langsam Kokosnüsse auf seinen Verkaufstresen. Eine junge Mutter fährt mit ihren Kindern auf dem Fahrrad über die Insel, so langsam, dass man sich wundert, wie sie das Gleichgewicht hält.

Autos gibt es auf Caye Caulker nicht. Außer einer Handvoll altersschwacher Transporter schleichen hier nur ein paar Elektro-Golfwagen über die Sandwege.

Schnorcheln mit Haien

Einigen Nervenkitzel verspricht allerdings die größte Attraktion der Insel: Mit Haien Schnorcheln im zweitgrößten Korallenriff der Erde, direkt vor der Insel! Captain Charlie, ein älterer Rastamann steuert das Segelboot gemütlich hinaus in die geschützten Korallengärten.

Dann ruft er: "Worauf wartet ihr noch? Springt rein, die Haie lieben weißes Fleisch!"

Die europäischen und US-amerikanischen Gäste schauen sich überrascht und ein wenig ängstlich an, während der Bootsmann die Ammenhaie mit Fischködern anlockt.

Die braunen, etwa zwei Meter großen Raubfische reißen hungrig an den Stücken. Das Wasser platscht und spritzt. "Keine Sorge, von euch wollen sie nichts", versichert der Bootsmann mit einem Grinsen. "Los, springt rein, sonst verpasst ihr was!"

Das Wasser ist wunderbar warm und kristallklar. Die Schnorchler verhalten sich möglichst ruhig, während die Haie nur wenige Meter entfernt ihre Beute fressen. Dann schwimmen sie davon, verschwinden im tiefen Meeresblau.

Der Zauber der Langsamkeit unter Wasser

Hier unten im Meer offenbart sich nun in seiner ganzen Herrlichkeit der Zauber der Langsamkeit. Violette Korallenfächer wehen wie in Zeitlupe im Wasser. Eine Schildkröte taucht ruhig durch die gelben und roten Korallenfelsen.

Fischschwärme scheinen im Wasser zu schweben. Die Fische leuchten blau und gelb. Nur ganz langsam bewegen sie ihre Flossen. Go slow!

Über 350 verschiedene Fischarten soll es entlang des circa 290 Kilometer langen Barriereriffs geben. Fischer Chuba macht sich jeden Tag auf die Jagd nach ihnen.

Mit Harpunen taucht er bis zu 40 Meter zum Meeresboden hinab und schießt dann vor allem die silbrig glänzenden Barrakudas, die er nachmittags am Strand ausnimmt, filetiert und dann an eines der Restaurants verkauft, in denen die Filets abends frisch serviert werden.

Chuba hat früher im Süden von Belize als Bauer gelebt. "Das war eine Schufterei und gebracht hat es nichts außer einem krummen Rücken", sagt er.

Vor 20 Jahren kam er auf die Insel, erlernte von anderen Fischern das Handwerk und kaufte sich irgendwann sein eigenes Boot.

"Siehst du", sagt einer seiner Freunde, "so ist das bei uns: Jeder schafft sich seinen eigenen Job. Wenn du Lust auf Fischen hast, fährst du raus aufs Meer. Du kannst aber auch Malen oder Kunst verkaufen, du kannst dein Geld als Handwerker verdienen oder Touristen zum Tauchen begleiten. Was du willst! Überleben kannst du immer."

Fremd bleibt auf Caye Caulker niemand lange

Die meisten Menschen leben hier vom sanften Tourismus. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie auch immer wieder stückchenweise Land verkauft, hauptsächlich an wohlhabende US-Amerikaner, die sich auf der Insel ihren Karibiktraum erfüllen.

Ausverkauft haben sie die Insel aber nicht. Es gibt auch keine Betonburgen wie im benachbarten San Pedro, das durch Madonnas Hit "La Isla Bonita" weltweit Berühmtheit erlangte.

Jeder weiß Bescheid über jeden

Fremd bleibt auf Caye Caulker auch niemand lange. Die 1300 Insulaner leben fast alle im einzigen Dorf - und jeder scheint hier über jeden Bescheid zu wissen.

Der nördliche Teil der Insel, der 1961 durch den Hurrikan Hattie vom südlichen Teil abgetrennt wurde, ist fast unbewohnt. Wer es schafft, die etwa 20 Meter breite Wasserstraße zwischen Süd und Nord trotz starker Strömung zu durchschwimmen, kann fast unberührte Palmen- und Mangrovenwälder durchwandern.

Für die meisten Besucher und Einheimischen ist aber am nördlichsten Teil der Südinsel Schluss. Hier am Strand gibt's eine kleine Bar, Reggae-Musik und eisgekühltes Belikin-Bier. Nach Sonnenuntergang füllen sich auch die Restaurants mit Leben, auf auseinandergesägten Öltonnen wird der Fang des Tages gegrillt.

Von außen kommen wenig aufstachelnde Signale nach Caye Caulker. Es gibt nur in den wenigen Sterne-Hotels Fernsehen, das Internet ist teuer und die Lokalzeitung aus Belize City erscheint nur zweimal pro Woche.

"Aber wer braucht das schon, wenn du das hier hast", sagt der alte Manuel, draußen auf dem Bootsteig sitzend. Jeden Morgen kurz nach sechs kommt der Hotelier hierher. Er schaut hinaus aufs Meer, aus dem sich rasch ein riesiger, feuerroter Ball emporhebt.

Manuel rückt seinen Strohhut zurecht und lächelt. Dann fährt er mit seinem Golfmobil nach Hause zum Frühstücken mit seiner Frau - mit zehn km/h.

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