Karibik-Kreuzfahrt Salsa, Fanta, Sprite

Bordunterhaltung, heiße Rhythmen und künstliche Hafenwelten: Auf einer Seereise zwischen Havanna und Yucatán mischen sich echtes und inszeniertes Kuba-Gefühl. Den Urlaubern ist es recht so.

Von Ingrid Brunner

Mitternacht am Pool der MSC Opera. "It's salsa time!", heizt Animateurin Manuela die Tänzer an. Während das Schiff Kurs nimmt auf die Cayman Islands, ist die Bühne umringt von Menschen. Sie bewegen sich nach den Kommandos der Tanzlehrerin. "Y uno, dos, tres!" Etliche kreisen die Hüften schon recht locker, andere sind steif im Rücken. Ist auch egal: Hier übt die Oma mit der Enkelin, Mütter wiegen ihre Söhne im Rhythmus. Ob junge Frauen auf High Heels oder reifere Herren in Sportschuhen - jeder macht mit. Die Tanzfläche verlässt man nur, um sich einen Mojito oder einen Daiquiri zu holen. Das karibische Lebensgefühl scheint ansteckend zu sein. Und wenn hier um ein Uhr Schluss ist, geht die Party in der Disco weiter.

Seit dem Ablegen vom Start- und Zielhafen Havanna geben kubanische Rhythmen den Takt vor. Ein Heer von Servicekräften arbeitet daran, karibisches Flair zu verbreiten. Das klappt ganz gut, auch tagsüber ist die Bühne auf dem Sonnendeck das Epizentrum der guten Laune. Animateure mit Mikro und Headset machen zu Lautsprechermusik Aerobic, Stretching und laden ein zu teils recht albernen Spielen. Etwa zum Hüpfspiel "Fanta Cola Sprite": Ein paar Meter Klebestreifen auf die Planken gepinnt, und schon kann's losgehen. Man springe bei Cola nach links, beim Kommando Fanta nach rechts; bei Sprite ist ein Bein links und eins rechts von der Linie - wie beim Gummihüpfen. Wer sich verhüpft, ist raus. Gewonnen hat, wer am Ende übrig bleibt - wie bei der Reise nach Jerusalem. Der Trick dabei: Die Teilnehmer müssen weder Einstein noch Schwarzenegger sein, um mitmachen zu können - es ist also ein bisschen wie beim Salsa.

Klar, wer meditative Stille und Einsamkeit sucht, ist hier fehl am Platz. Man kann sich nun genervt von fern über derlei Treiben mokieren. Lässt man sich aber darauf ein, so als Selbstversuch, geschieht Folgendes: Man hüpft mit, lacht mit und irgendwann ist man raus. Erstaunlich ist aber, wie viele Leute man unterdessen kennengelernt hat. Etwa die überaus höfliche und schüchterne Japanerin, die sich zum Abschied beinahe entschuldigend verneigt, als sie aus dem Spiel ausscheidet. Oder Maria, eine reifere Dame aus Madrid, die mit Großfamilie an Bord ist. Eben sie, die Großfamilie, ist die Zielgruppe der italienischen Reederei MSC. Sie will nicht nur Opa und Oma - bislang die klassische Klientel von Kreuzfahrten -, sondern auch Papa, Mama und Enkel an Bord holen. Das Italienische wird gepflegt - es ist Teil der Marke MSC. Dazu gehört auch, dass bislang alle zwölf Schiffe der MSC-Flotte von Sophia Loren, Jahrgang 1932, getauft wurden.

Es trifft den Geschmack eines Großteils der Passagiere, die in der Mehrheit aus Italien, Frankreich und Spanien kommen. Dort liebt man auch im Urlaub Geselligkeit, feiert gern das Leben, Lärm ist für diese Gäste keine große Belästigung. Auch Deutsche, Engländer und eine stattliche Kanadierfraktion sind dabei, sie wollen für kurze Zeit dem Winter entfliehen, suchen sich aber schon ganz gern mal ein ruhiges Eck an Bord. Es ist also ein recht bunt gemischtes Publikum, geeint in dem Willen, sich auf die eine oder andere Art zu amüsieren - sei es im Kasino, im Theater, beim Bastelkurs, oder bei einer Havanna in der Raucherlounge. Und nimmt man nun das eine oder andere Unterhaltungsangebot an, stellt man als positiven Nebeneffekt fest: Immer mehr Leute winken oder nicken einem im Laufe der Reise zu.

Bei so viel Zerstreuung an Bord: Wie wichtig ist da noch das Fahrtgebiet, die Karibik und vor allem Kuba? Das Land ist seit der vorsichtigen politischen Öffnung als Reiseziel gefragt wie nie. Da die MSC Opera zwei Tage im Hafen von Havanna liegt, nutzen die Passagiere trotz umständlicher und zeitraubender Kontrollen im Cruise Terminal die Gelegenheit zum Stadtbummel. Der Hafen liegt in der vor Leben und Leuten vibrierenden Altstadt: Bars, Restaurants oder eine der angeblich einzig echten Shows diverser Buena-Vista-Social-Club-Orchester sind zu Fuß erreichbar. Das Floridita, Hemingways bevorzugte Daiquiri-Bar, ist nur einen Steinwurf von der Bodeguita del Medio entfernt, der Kneipe, wo Hemingway seine Mojitos konsumierte.

Stilvoller geht es im Hotel Nacional de Cuba zu. Das Haus verströmt im Inneren den Glanz der spanischen Kolonialzeit, auch wenn es erst 1930 eröffnet wurde - eine perfekte Illusion. Wer im Garten unter Arkaden sitzt, hat einen unvergleichlichen Blick auf die Bucht von Havanna - und genießt den Service eines Spitzenhotels, wie man ihn andernorts auf Kuba noch vermisst. Die Hotellerie und Gastronomie im Land ist erst im Aufbau begriffen. Das Dienstleistungsverständnis ist noch nicht sehr ausgeprägt.

Reiseinformationen

Die MSC Opera, Baujahr 2004, bietet Platz für maximal 2680 Passagiere in 1075 Kabinen. Seit zwei Jahren ist sie in Havanna stationiert und fährt ab/bis Havanna auf ein- bzw. zweiwöchigen Kreuzfahrten in karibischen Gewässern. Preisbeispiel: Die einwöchige Kuba-Karibik-Tour ab/bis Havanna kostet bei Doppelbelegung in der Innenkabine pro Person ab 719 Euro - ohne Flug. Vom 8. April an ist die Opera auf zweiwöchigen Karibiktouren unterwegs. Das Tischgetränkepaket kostet zusätzlich 16,50 Euro pro Person und Nacht. Darin enthalten ist eine Auswahl an alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränken, inklusive Wein (2 Weißweine, 2 Rotweine und 1 Roséwein), Bier vom Fass und Mineralwasser während des Mittag- und Abendessens (www.msc-kreuzfahrten.de).

Banken, Kirchen, Briefkästen: Grand Cayman ist für gewöhnliche Besucher ein eher öder Ort

Für einen ersten, wenngleich oberflächlichen Eindruck von der kubanischen Hauptstadt und eventuell einen Landausflug reicht die Liegezeit allemal. Und zu mehr reicht es naturgemäß auch in den anderen Häfen - auf Jamaika, auf Grand Cayman und in Yucatán nicht. Noch dazu trifft man dort auf eine stattliche Anzahl von amerikanischen Kreuzfahrtschiffen. Entsprechend dem Geschmack der mehrheitlich US-amerikanischen Touristen erwartet die Besucher bei ihren Stippvisiten das immer gleiche Einerlei von Andenkengeschäften, Uhren- und Schmuckläden und nicht zuletzt ein Ableger der Margaritaville-Kette. Die Laden-Lokale des amerikanischen Systemgastronoms Jimmy Buffett verkaufen Karibik-Kitsch mit Buffetts Logo und wässrige Margaritas in maßkruggroßen Plastikhumpen. Da nimmt man doch besser ein Bad im wannenwarmen Karibischen Meer, wenn sich schon die Gelegenheit bietet. Was nicht selbstverständlich ist: Oft schauen die Passagiere auf großen Schiffen vom Oberdeck sehnsuchtsvoll auf das tief darunter liegende verlockende Wasser, ohne jedoch hineintauchen zu können. Da bleibt dann nur der Pool.

Immerhin: Georgetown, Hauptstadt der Cayman Islands und Hauptstadt des Geldversteckens, hat man nun auch gesehen: 55 000 Einwohner, 200 000 registrierte Briefkastenfirmen, 450 Banken, fünf davon mit Kundenverkehr. Ein eher öder Ort, bizarrerweise dominiert von Banken und Kirchen. Da wünscht man sich ganz schnell zurück an Bord, wo sorgsam und professionell die schönere Karibik inszeniert wird. Hochsommerliche Temperaturen, milde Winde und tropische Luftfeuchtigkeit tun ein Übriges. Und der kubanische Barmann Eduardo Morales macht ganz klar die bessere Margarita. Schon zwei Jahre, seit die Opera von Havanna aus auf Karibik-Kreuzfahrten geht, arbeitet er an Bord. Für Morales eine tolle Gelegenheit, wie er sagt: So könne er für kubanische Verhältnisse gutes Geld verdienen und sehe seine Familie dennoch regelmäßig. Auf einem anderen Schiff um die Welt fahren? Für ihn undenkbar. "Meine kleine Tochter fragt auch so schon ständig, ,Papa wann kommst du nach Hause?'"

Abends hat Morales Dienst in einem der beiden großen Restaurants. Beim Dinner erweist es sich für den Gast als Vorteil, auf einem italienischen Schiff zu reisen. Die Speisekarte ist ein klares Bekenntnis zur Mittelmeerküche: bissfeste Pasta mit wunderbarem Sugo, zart gegrillter Schwertfisch, mediterraner Meeresfrüchtesalat. So mischen sich auf der Opera das italienische und das karibische Lebensgefühl recht angenehm: tagsüber Bambini, Eiscreme und Pizza, nachts kubanische Klänge und Salsa. Das könnte auch der Taufpatin Sophia Loren gefallen.