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Eisbären-Lodge in Kanada:"Ich fühle mich wie das Tier im Zoo"

Canada Nunavut Territory Repulse Bay Polar Bear and young cub Ursus maritimus cling to melting

Im Herbst wandern Manitobas Eisbären von ihren Sommerquartieren im Hinterland an die Küste der Hudson Bay, wo es Nahrung gibt.

(Foto: Danita Delimont/imago images)

In der Hudson Bay an Kanadas Küste gibt es eine Lodge mit besonderer Aussicht auf wilde Tiere. Manager Nicole Spinks und Ben Lawrence halten die Stellung, ganz allein - damit die Eisbären nicht zu Einbrechern werden.

Interview von Ingrid Brunner

Im Herbst wandern Manitobas Eisbären von ihren Sommerquartieren im Hinterland an die Küste der Hudson Bay und warten darauf, dass das Meer zufriert. Dann beginnt ihre Jagd auf Robben. Die Migration der Tiere lockt in normalen Jahren Besucher aus aller Welt in die Seal River Lodge - eine Art Hochsicherheitstrakt in der Wildnis. Denn aus so kurzer Distanz wie dort lassen sich Eisbären selten beobachten. Dieses Jahr kommen wegen Corona keine Gäste. Nur die Lodge-Manager Nicole Spinks, 31, und ihr Partner Ben Lawrence, 33, halten die Stellung.

SZ: Ich nehme an, Sie bekommen nicht viel Besuch auf Ihrem Außenposten?

Ben Lawrence: Besucher sind wirklich extrem selten. Mitarbeiter der Naturschutzbehörde aus Churchill kamen mal vorbei. Immer, wenn wir ein Flugzeug oder einen Hubschrauber hören, lassen wir alles liegen und stehen und raten, wer das wohl ist über uns.

Haben Sie sich freiwillig für diesen Job gemeldet?

Nicole Spinks: Ja, wir konnten es kaum erwarten, Terry abzulösen.

Nicole Spinks und Ben Lawrence, Lodge Manager der Seal River Lodge in Manitoba, Kanada 2020.

In diesem Winter halten Nicole Spinks und Ben Lawrence allein die Stellung.

(Foto: Nicole Spinks)

Terry Elliot hielt hier zwei Monate lang allein die Stellung. Man nannte ihn den isoliertesten Mann in Kanada. Sind Sie nun Kanadas isoliertestes Paar?

Spinks: Ja und nein. Zwar ist hier niemand außer uns, der nächste Ort Churchill ist 30 Flugminuten entfernt. Aber wir sind zu zweit, und wir haben tatsächlich auch viel zu tun.

Was denn? Wie verbringen Sie die Zeit?

Lawrence: Na, wir haben ständig ein Auge auf die Eisbären und auch auf die anderen Wildtiere. Außerdem müssen wir Holz hacken, und es gibt Wartungsarbeiten an der Lodge zu erledigen, damit die Leitungen und der Generator gut über den Winter kommen.

Spinks: Und wir gehen raus zum Beerensammeln.

Dürfen Sie denn die Lodge verlassen?

Spinks: Ja, aber nur in Begleitung. Glücklicherweise hat Ben das Bärentraining an der Waffe und ich bin trainiert, die Tiere mit Lärm zu verjagen. Das macht es uns möglich, auf Streifzüge hinauszugehen. Denn wenn ich ein paar Tage nicht aus der Lodge komme, kriege ich einen Lagerkoller. Und dieses Jahr gibt es so unglaublich viele Cranberries. Die reichen für uns und die Bären.

Seal River Lodge mit Eisbärin Manitoba, Kanada.
Foto: Dennis Fast, Churchill Wild
Die Rechte liegen bei Churchill Wild
Online-Rechte: ja

Die Eisbären kommen der Lodge so nahe, dass sie zu einem beliebten Beobachtungspunkt wurde - in normalen Jahren.

(Foto: Dennis Fast, Churchill Wild)

Ist das nicht trotzdem gefährlich?

Spinks: Ob Holzsammeln, Wasserpumpen oder Beerenpflücken: Das geht nur mit Bärenausrüstung. Selbst wenn du nur ein paar Schritte von der Lodge entfernt bist, musst du ständig nach den Tieren Ausschau halten.

Und drinnen: Fürchten Sie nicht, die hungrigen Tiere könnten in die Lodge einbrechen, auf der Suche nach Nahrung?

Lawrence: So gut es aus der Lodge auch riechen mag, wenn Nicole Kuchen backt: Das ist aus Sicht der Eisbären nichts im Vergleich zu einem Beluga oder einer Robbe, die stehen ganz oben auf ihrem Speiseplan. Und der Lärm, den wir Menschen machen, schreckt die Bären zusätzlich ab.

Aber es gab ja schon Vorkommnisse.

Lawrence: In den 27 Jahren, seit es die Lodge gibt, gab es einige Einbruchsversuche - nicht nur von Eisbären, auch von anderen Tieren. Glücklicherweise war der einzige Einbrecher, den wir beide bis jetzt ertappt haben, ein frecher Baummarder.

Fühlen Sie sich manchmal ein wenig wie im Zoo - mit verkehrten Rollen?

Spinks: Ja, absolut, ich fühle mich wie das Tier im Zoo. Die Bären, Füchse, Wölfe und Hasen da draußen kommen und gehen, wann sie wollen.

Wie viele Eisbären sind es denn bis jetzt, die am Ufer sitzen und aufs Eis warten?

Spinks: Bis jetzt haben wir eine Mutter mit zwei Jungtieren und ein sehr großes, männliches Tier. Wir schätzen, dass insgesamt so zwischen 20 und 30 Tiere kommen werden - nach und nach.

Können Sie die Tiere auseinanderhalten?

Spinks: Ich finde es ziemlich schwierig, die weiblichen Tiere zu unterscheiden, einige haben tatsächlich rundere Hüften als andere. Und die männlichen Tiere erkennt man oft an alten Narben - von Revierkämpfen. Wie zum Beispiel Scarface, ein riesiger Kerl mit deutlichen Narben am Kopf. Wenn man die sieht, mag man sich gar nicht vorstellen, wie der andere nach dem Kampf wohl ausgesehen hat.

Friert die Hudson Bay schon zu?

Spinks: Bis jetzt haben wir nur Pfannkucheneis, diese runden Eisformationen, die auf dem Wasser schwimmen. Es dauert noch, bis sich eine feste Eisdecke bildet.

Wie lange müssen Sie die Lodge noch bewachen?

Lawrence: Wir sind seit Mitte September hier und bleiben bis Ende November. Bis dahin hat sich eine feste Eisdecke gebildet, dann gehen die Bären aufs Eis - und damit entfällt der Grund für unser Lodge-Sitting. Wir machen dann alles dicht, bis zur Wiedereröffnung im Juni.

© SZ vom 12.11.2020/ihe
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