Weiße Bären in Kanada:"Die Bärinnen benutzen uns jetzt als Babysitter", sagt Smith

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An der Mündung lebe derzeit rund ein Dutzend Bären, erzählt Smith am Abend bei Lachs und Rotwein. "Sie sind Gewohnheitstiere. Sie bleiben wochenlang an einem Fressplatz und folgen ihrer täglichen Routine." Das Flusstal ist für sie ein idealer Lebensraum: Im Sommer schlabbern sie auf den Hängen die Beeren von den Büschen, und nach dem großen Fressen im Herbst, wenn die Lachse die Flüsse hinaufwandern, müssen sie nur den Hang hochschlurfen für den Winterschlaf.

"Die Bärinnen benutzen uns jetzt als Babysitter", erläutert Smith. Sie wissen, dass sich die dominanten Männchen von den Menschen fernhalten. Und dass ihren Jungen somit keine Gefahr droht.

Die Alphamännchen haben guten Grund zur Vorsicht. "Alle unsere Gäste denken, dass die Bären hier geschützt sind", sagt Smith. Doch lange waren sie es nicht. Allein im Great Bear Rainforest wurden in den vergangenen Jahren jeweils 26 Grizzlys geschossen, in ganz British Columbia waren es geschätzt 300 bis 350. Sportjäger aus aller Welt zahlten bis zu 20 000 Dollar, um auf einer geführten Jagd einen Grizzly zu erlegen. "Was ist daran sportlich", ruft Smith, "so einen Bären mit einem modernen Präzisionsgewehr zu erschießen?"

Wie recht er damit hat, sehen seine Gäste zwei Tage später in der Khutze Bay, einem Delta, eingerahmt von nebelverhangenen Bergen. Weißkopf-Seeadler sitzen in den Ästen, an denen Flechten hängen wie Lametta. Im Sand findet Smith Abdrücke und Kot von Wölfen. Seewölfe nennt er sie, denn sie fressen lieber Lachse als Rehe. Ihre Lebensweise ist so besonders, dass Wissenschaftler sie als eigene Subspezies eingeordnet haben.

In Gummistiefeln stapft man durch Sitka-Fichten, deren Äste mit Moos gepolstert sind wie die Arme eines Teddys. An einem Baum ist die Rinde abgeschmirgelt von all den Bären, die sich hier reiben. Und gleich daneben verläuft eine Doppelreihe tellergroßer Mulden: "Ein Bärenpfad", sagt Smith. "Die Bären treten über Generationen immer in die gleichen Abdrücke. Wie Kinder beim Hüpfspiel auf dem Schulhof." Warum? Niemand weiß es. Die Gruppe ist auf dem Rückweg, als Smith plötzlich den Motor abdreht. Direkt am Ufer durchwühlen eine Bärin und zwei Jungtiere die Erde nach Essbarem. Immer näher treiben die beiden Boote heran, aber die Bären scheint das nicht zu stören. Als würde sie für die Fotografen posieren, richtet sich die Mutter auf und pflückt Holzäpfel von den Zweigen. Man könnte sie nun mit einer Steinschleuder treffen. So viel zur Sportjagd. Erst als die Boote auf zehn Meter herangekommen sind, wirft sie herrisch den Kopf herum. "Das war das Signal", wispert Smith und paddelt zurück.

"Wenn wir vor 15 Jahren hierherkamen, fanden es die Gäste schon toll, einen Bärenhintern zu sehen", erzählt Smith später, zurück am Steuerrad. "Sobald die Bären uns rochen, rannten sie weg." Doch seit 2006 ist der Fjord geschützt, und ohne Jäger verlieren die Bären ihre Angst. "Aber kleine Schutzgebiete sind nur als Fotomotive gut", sagt Smith. "Wir brauchen große, zusammenhängende Schutzgebiete." Oder, noch besser, ein Ende der Bärenjagd.

2012 erklärte eine Allianz der Coastal First Nations in seltener Eintracht, dass die Trophäenjagd mit ihrer Kultur unvereinbar und auf ihrem Stammesgebiet verboten sei. In einer Telefonumfrage im Jahr 2015 sagten 91 Prozent der Befragten in British Columbia, dass sie die Trophäenjagd ablehnen. Dazu machten ein halbes Dutzend Naturschutz-Organisationen Druck. Mit Erfolg. Im Dezember 2017 rang sich die neu gewählte Provinzregierung dazu durch, die Grizzlyjagd zu verbieten. Nur die First Nations dürfen die Bären weiter wegen ihres Fleischs und für zeremonielle Zwecke jagen.

Die Buckelwale sind zurückgekehrt. Nun jagen sie wieder erfolgreich im Team

"Verbote allein helfen nicht", sagt Smith. Besser sei eine Naturschutz-Wirtschaft. Vor allem, wenn sie den First Nations zugute komme. Eine Studie der Universität Stanford fand 2013 heraus, dass Bärensafaris elf Mal mehr Einkommen bringen als die Jagd. Zudem lassen sich mit der Tierbeobachtung wesentlich mehr Jobs generieren: 510 Menschen arbeiteten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie im Bären-Ökotourismus, nur elf bei Jagdanbietern. Und der Bärentourimus wächst beständig.

Smith schwärmt vom großen Potenzial, von der "Spirit Bear Lodge", welche die Kitasoo höchst erfolgreich betreiben, und vom Talent der indigenen Guides fürs Geschichtenerzählen. Bis wieder ein Schrei übers Deck hallt: "Wale!" Eigentlich kein Grund mehr zur Aufregung, denn alle paar Stunden schießen irgendwo Fontänen aus dem Meer, jagen Weißflankenschweinswale vor der Bugwelle hin und her oder hebt sich eine Fluke. Aber diesmal gibt es ein einzigartiges Schauspiel zu sehen.

Es beginnt mit einzelnen Blasen neben dem Felsufer. Langsam schließen sie sich zu einem Kreis. Und dann bricht ein rosafarbener Schlund durch diesen Ring. Fische hüpfen panisch und werden doch hinab gesogen, den Rest schnappen sich die herabstoßenden Möwen. Ein zweites Maul öffnet sich, die geriffelten Hautfalten im Rachen sind deutlich zu sehen. Zwei mächtige Rücken wölben sich, und schließlich schnellen die Fluken in die Höhe als finales Fotomotiv.

"Bubble-net feeding" nennen Wissenschaftler diese Form der Treibjagd. Mehrere Wale schwimmen dabei im Kreis und blubbern einen Vorhang aus Luftblasen ins Meer. Der Fischschwarm formt zur Abwehr einen Ball - und wird verschlungen.

Noch vor 100 Jahren waren Buckelwale in British Columbia fast ausgestorben. Aber als die Jagd gestoppt wurde, kamen sie zurück. So wie die Grizzlys nach dem Ende des großen Pelzrauschs. Geisterbären dagegen bleiben extrem selten. Wer sie sehen will, muss nach Gribbell Island, wo einer von drei Schwarzbären weiß ist. In das Reich von Boss.

In den Unterständen am Fluss wird es langsam unruhig. Manche sprechen schon vom bequemen Boot und vom Abendessen. Doch dann wackeln plötzlich die Büsche am Ufer. Und Boss betritt, humpelnd auf seiner angewinkelten Tatze, die Bühne. Die Fotografen können sich ihre Teleobjektive sparen, er kommt auf ein paar Meter an ihre Linsen heran. Schnuppert ein wenig herum, frisst hier und da Lachse, die andere Bären liegen gelassen haben. Und humpelt schließlich davon, über moosgrüne Steine und Baumstämme. Wird er den nächsten Winter überleben? Ja, glaubt Kevin Smith. "Es gibt einen Grund, warum er Boss heißt."

Reiseinformationen

Anreise: Aus München und Frankfurt gibt es Direktflüge nach Vancouver. Von dort fliegt man mit Pacific Coastal Airlines zwei Stunden weiter nach Bella Bella.

Reisezeit: Im Sommer scheint oft die Sonne und es wird mehr als 20 Grad warm. Die beste Zeit, um Geisterbären zu sehen, ist in der Regel Mitte September.

Segeln: Je nach Jahreszeit werden auf der Maple Leaf verschiedene Touren durch den Great Bear Rainforest angeboten. Die Gemeinschaftskajüte ist einfach, das Essen an Bord hervorragend. Die neuntägigen Rundreisen im Herbst kosten rund 4000 Euro, http://mapleleafadventures.com/destinations/great-bear-rainforest.

Weitere Auskünfte: Destination British Columbia, info@msi-germany.de, www.hellobc.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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