Kalabrien:Ein Gott in jedem Fremden

Lesezeit: 6 min

Die alten griechischen Dörfer am Aspromonte waren fast ausgestorben. Dagegen helfen Gastfreundschaft und Menschen, die ihre Kultur pflegen.

Von Stefan Ulrich

Vielleicht begann die griechische Renaissance in Kalabrien an jenem Septembertag vor 17 Jahren. Alessandra Ghibaudi kam zum Mittagessen in das Behelfslokal, in dem Pietro Romeo und seine Freunde von der Kooperative San Leo die Gäste bewirteten, die sich in den Ort Bova in den Bergen des Aspromonte verirrten. "Ich bin Norditalienerin und immer pünktlich", sagt Alessandra. Daher sei noch kein anderer Gast da gewesen. Sie ging in die Küche. Dort kochte Pietro. "Wir haben uns verliebt und geheiratet." Es war ein Glücksfall für Bova und die ganze Area Grecanica, das Gebiet der griechischen Dörfer im südlichsten Winkel des italienischen Festlandes, das so heißt, weil hier bis weit ins 20. Jahrhundert griechisch gesprochen wurde - und es zum Teil immer noch wird.

Alessandra Ghibaudi zog vom Comer See, einer der reichsten Gegenden Italiens, in das ärmste Gebiet des Landes. Einige der griechischen Dörfer, die wie Muschelkolonien an den Berghängen und auf den Felsrippen der verkarsteten Südseite des Aspromonte kleben, waren damals schon ausgestorben. Roghudi etwa oder der alte Ortsteil von Amendolea. Bova selbst, die historische Hauptstadt der Griechengegend, siechte dahin. Hatte es in den besten Zeiten mehr als 5000 Einwohner, Schulen, Polizei, ein Gericht samt Gefängnis und eine Bischofskathedrale, so lebten nun nur noch ein paar Hundert Menschen in einem vom Staat fast aufgegebenen Ort. "Die Dächer stürzten ein. Die Straßen zerbröckelten. Und nachts war es stockdunkel, weil es keine Straßenlampen mehr gab", erinnert sich Alessandra. "Wir waren ein Ort im Koma", sagt ein Jugendfreund Pietros.

Warum sie trotzdem dort blieb? Wegen Pietro natürlich. Aber auch wegen der Herzlichkeit der Bovesi, die sie so offen bei sich aufnahmen. "Filoxenia", nennen sie das hier, Fremdenfreundlichkeit, Gastfreundschaft. Sie gehe auf die alten Griechen zurück, sagt Alessandra. "Die glaubten, in jedem Fremden könne ein Gott stecken".

Die junge Norditalienerin brachte Pietro und seinen Freunden, die sich um die Wiederbelebung des Ortes bemühten, ein Gastgeschenk mit. Ihre Ausbildung. Sie hatte Wirtschaftswissenschaften studiert und sich auf die Fonds der EU spezialisiert. Das kommt Bova seither zugute. "Wenn ein so kleiner Ort eine Ausschreibung gewinnen will, muss seine Bewerbung perfekt sein", sagt die energische Frau mit dem hellen Teint. Daher arbeitet sie als Beraterin der Gemeinde, damit deren Pläne mit europäischem Geld verwirklicht werden. "Mein Job ist wunderschön. Denn ich mache nicht nur Projekte, sondern kann auch bei ihrer Umsetzung zusehen."

So kommt sie voran, die Renaissance in Bova, das inzwischen als einer der schönsten Orte Italiens ausgezeichnet wurde. Aus dem sterbenden Dorf unterhalb der Ruine eines Normannenkastells ist ein schmuckes Städtchen geworden, mit restaurierten Kirchen und Stadtpalästen, sorgfältig gepflasterten Straßen, einem Freilichtmuseum im ehemaligen Judenviertel und gepflegten Plätzen, von denen der Blick über Ziegeldächer, Berge und die Straße von Messina hinweg zum rauchenden Ätna in Sizilien reicht. Einige Bed & Breakfasts, Agriturismi, Bars und Trattorien sowie ein Infozentrum samt Buchladen sind entstanden, um Besucher zu empfangen.

Kalabrien: Wie ein Schwalbennest klebt das Dorf Roghudi am Hügel. Die Häuser sind heute verlassen. Doch die alte griechische Kultur, die Orte wie Roghudi prägte, wird in der Region wieder gepflegt.

Wie ein Schwalbennest klebt das Dorf Roghudi am Hügel. Die Häuser sind heute verlassen. Doch die alte griechische Kultur, die Orte wie Roghudi prägte, wird in der Region wieder gepflegt.

(Foto: mauritius images)

Denn es hat sich herumgesprochen, dass Bova ein ausgezeichneter Standort ist, um die fantastische Bergwelt des Aspromonte mit ihren Räuberhöhlen, Feenwäldern und Drachenschluchten zu erwandern, Geisterdörfer zu entdecken, die ursprüngliche Küche zu genießen und sich auf die Spur der alten Griechen zu machen.

Lange galt der Aspromonte, der raue Berg, selbst unter den Bewohnern an seinen Abhängen als verbotenes Reich, in dem die 'Ndrangheta, die inzwischen weltweit wuchernde kalabrische Mafia, Entführungsopfer versteckte und Ermordete verscharrte. Heute herrscht die 'Ndrangheta noch immer in Kalabrien, allerdings hat sie es auf Drogen, Menschenschmuggel und Bauaufträge abgesehen, nicht auf Touristen. Und der Nationalpark Aspromonte hat gute Chancen, von der Unesco bald als Geopark ausgezeichnet zu werden.

"Buongiorno", sagt Santo Casile, und dann versteht man gar nichts mehr. Der Bürgermeister ist ins Grecanische übergewechselt, die griechisch-kalabrische Sprache. Er schmunzelt unter seinem dichten schwarzen Schnurrbart, als er die Ratlosigkeit des Besuchers bemerkt und ins Italienische übersetzt: "Wir hier in Bova gehen auf Großgriechenland zurück."

Man streitet darüber, ob das Griechische auf das Mittelalter oder die Antike zurückgeht

Nun, unumstritten ist das nicht. Manche Forscher vermuten, die griechische Sprachinsel rühre vom Mittelalter her, als Kalabrien zum byzantinischen Reich gehörte. Wohl die Mehrheit aber geht davon aus, das Grecanische wurzele im antiken Griechenland, in der Zeit ab dem 8. Jahrhundert vor Christus, als die Griechen Süditalien kolonialisierten und Städte wie das heutige Reggio Calabria oder Locri gründeten. Casile lässt daran keinen Zweifel: "Unsere Sprache stammt aus der Zeit Homers."

Wie zum Beweis hat er im Ort ein didaktisch hochmodernes Sprach- und Kulturmuseum bauen lassen, das dem deutschen Gerhard Rohlfs gewidmet ist. Der 1986 verstorbene Romanist hatte sich über Jahrzehnte mit den Dialekten Süditaliens und insbesondere dem Grecanischen beschäftigt, in unzähligen Einzelgesprächen Wörter und Redewendungen gesammelt und schon früh die These aufgestellt, das Grecanische entstamme den Zeiten Großgriechenlands.

Bis weit in die Neuzeit hatte sich die Sprache in einem größeren Gebiet Kalabriens gehalten. Doch die Latinisierung durch die katholische Kirche, später der Faschismus und schließlich das Fernsehen drängten sie immer weiter zurück. Heute sprechen sie nur noch recht wenige Menschen in Bova, Roccaforte del Greco und ein paar anderen Dörfern am Aspromonte. Bürgermeister Casile ist einer von ihnen. Er hat es in seiner Kindheit in Bova von den Alten gelernt, in jenen wilden Zeiten, als die Gefangenen noch in Eisenketten zum Gefängnis gebracht wurden und dann von oben Bonbons auf die Kinder auf der Straße herab warfen. "Auch etliche junge Leute lernen inzwischen wieder Grecanisch", sagt er. "Für Bovas Zukunft bin ich optimistisch."

Die Bovesi haben erkannt, dass ihr ungewöhnliches kulturelles Erbe ein wirtschaftlicher Trumpf sein kann. Zogen noch vor zwei, drei Jahrzehnten die meisten jungen Leute auf der Suche nach Arbeit weg - nach Norditalien, Nordeuropa, Übersee -, so bleiben nun etliche hier oder kommen sogar zurück. Sie führen, wie Pietro Romeo, Trekkinggruppen durch den Aspromonte, lassen Ferienwohnungen aus Ruinen entstehen, kultivieren aus der Antike stammende Weinreben und tischen Touristen die kräftige lokale Küche auf.

Area Grecanica

Die griechischen Dörfer am Aspromonte bieten inzwischen eine einfache, aber gute Infrastruktur für Touristen an.

Infos zu Bova unter https://borghipiubelliditalia.it/borgo/bova/.

Unterkünfte in Privathäusern, Trekkingtouren und Ausflüge in die Area Grecanica organisieren die Cooperativa San Leo in Bova (https://coopsanleobova.it/) sowie die Cooperativa Naturaliter in Amendolea, (naturaliterweb.it)

Zimmer und eine Ferienwohnung im Zentrum von Bova vermietet das B&B Kalos von Alessandra Ghibaudi, www.bb-kalos.it/it/. Ihr Mann Pietro Romeo führt Wanderer und Bergsteiger durch den Nationalpark Aspromonte.

Die Trattoria Al Borgo etwa serviert 'Nduja, eine weiche, orangerote Salami aus Schweinenacken, Speck und reichlich Peperoncino; Soffritto di Vitello, Innereien vom Kalb, die mit Tomaten, Knoblauch, Zwiebeln, Sellerie und Lorbeer geschmort werden; und Lestopitta Calabrese, ohne Hefe zubereitetes dünnes, knuspriges Brot, das mit Käse, Gemüse oder auch Nduja gefüllt werden kann. Danach hilft nur noch der vom Wirt selbst gebrannte Digestivo aus Bergamotten und wildem Fenchel.

Um anderntags die Kalorien zu verbrennen und sich wieder Appetit für den Abend anzulaufen, bieten sich Wanderungen in die Umgebung an. Bova ist durch ein Netz uralter Hirtenpfade und Maultierwege mit den benachbarten Griechendörfern verbunden. So geht es hinab in eine surreal anmutende Canyon-Landschaft, die Fiumara Amendolea, und am anderen Ufer des breiten, geröllreichen Flussbetts wieder hinauf nach Gallicianò, in ein besonders ursprüngliches Griechendorf, in dem sonntags die Messe bis heute auch in griechisch-orthodoxem Ritus gefeiert wird. Oder tief hinein ins Hinterland, nach Roghudi und Ghorio di Roghudi, zwei Geisterdörfer, in deren Ruinen noch Bettgestelle, Schränke, Waschschüsseln und Feuerstellen zu sehen sind - Spuren Jahrhunderte alter Gemeinschaften, denen Hochwasser, Erdbeben, Erdrutsche und Zwangsumsiedlungen den Garaus gemacht haben.

Früher tauschten die Eltern ihre Geheimnisse auf Grecanisch aus

Salvino Nucera ist hier, in Ghorio di Roghudi, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren aufgewachsen. Wenn seine Eltern über etwas redeten, was er nicht verstehen sollte, sprachen sie Grecanisch miteinander. "Also habe ich es gelernt. Aus Neugierde." Heute ist der pensionierte Lehrer, Dichter, Romancier und Feinschmecker ein weltweit vernetzter Experte der griechisch-kalabrischen Sprache.

"Ìrthame sto Vua na tragudume

ta szulistà loghia greca na mi chathùne",

beginnt eines seiner Gedichte.

"Wir kommen nach Bova, um zu singen,

damit die schönen griechischen Stimmen nicht verloren gehen."

Nucera widmet sein Leben einer Sprache und ihren Dörfern, die ohne Leute wie ihm längst ausgestorben wären. Nun sitzt er in einer Trattoria unterhalb von Bova und amüsiert sich darüber, wie sich sein Gesprächspartner über die Fülle der Vorspeisen wundert. Mehr als ein Dutzend warme und kalte Delikatessen bringt die Bedienung, für einen Preis, den man in Deutschland als Spottpreis bezeichnen würde. "Sehen Sie? Der Gast ist hier heilig", sagt der Dichter. "Wie in den Geschichten Homers. Das ist nicht so dahingeredet." Er erzählt von den Griechen der Antike, den Byzantinern und dem Leben im alten Roghudi, als seine Eltern ihre Geheimnisse auf Grecanisch austauschten. Tempi passati. "Doch solange junge Leute unsere Sprache lernen, werden wir nicht untergehen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB