Süddeutsche Zeitung

Kakapos in Neuseeland:Wo die scheuen Kerle wohnen

In Neuseeland wollen alle Touristen den Kiwi sehen. Dabei gibt es doch den Kakapo! Der ferkelgroße, nachtaktive Vogel duftet manchmal nach Honig, kann nicht fliegen - und ist einer der seltsamsten Kauze der Welt.

Von Winfried Schumacher

Irgendwo in diesem Urwald muss er stecken! Vom Mount Rakeahua, einer der höchsten Erhebungen von Stewart Island, geht der Blick weit über die Berghänge. Regenwald bedeckt sie, Wolkenfetzen hängen an ihnen. Ein frostiger Seewind fegt über sie hinweg. Würde man von hier aus in Richtung Süden aufbrechen, das erste Land in Sicht wäre die Antarktis. Vor den tief eingeschnittenen Buchten von Stewart Island liegt ein Band bewaldeter Inselchen. Dort lebt einer der seltensten und wohl auch seltsamsten Vögel der Welt.

Der Kakapo oder Eulenpapagei ist groß wie ein Ferkel und der einzige seiner Art, der nicht fliegen kann. Auf Zeichnungen der ersten europäischen Entdecker in Neuseeland sieht der dickliche, nachtaktive Vogel mit seinem Wust an ausgedünnten Federchen um den übergroßen Schnabel recht sonderbar aus. Der Kakapo ist ein komischer Kauz.

"Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob es die Papageien in den dichten Wäldern von Stewart Island vielleicht doch noch gibt", sagt Deidre Vercoe. Seit acht Jahren leitet die Wildhüterin das Kakapo-Schutzprogramm der neuseeländischen Naturschutzbehörde. "Alle uns bekannten Kakapos gehen auf 48 Vögel von Stewart Island und ein überlebendes Männchen aus Fjordland zurück." Diese letzten Tiere ihrer Art wurden Anfang der 1990er-Jahre auf das vorgelagerte Codfish Island und zwei weitere raubtierfreie Inseln umgesiedelt. "Das hat sie wahrscheinlich vor dem Aussterben gerettet", so Vercoe.

In Neuseeland wollen alle Touristen einen Kiwi sehen. Von dem ebenfalls flugunfähigen Nationalvogel der Neuseeländer sollen nach Angaben des WWF noch 70 000 hier leben, davon 20 000 allein auf Stewart Island. Das sind immens viele im Vergleich zum Kakapo, von dem nur noch 157 Individuen bekannt sind. Deshalb lieben viele Neuseeländer sie noch inbrünstiger als ihre Kiwis. Der seltene Papagei gibt der gefährdeten endemischen Tierwelt des Landes ein Gesicht und ist ein Maskottchen des Naturschutzes.

Einst bevölkerten wahrscheinlich mehrere Millionen Eulenpapageien die Nord- und Südinsel, bis die Maori ihr Fleisch als Delikatesse entdeckten, ihre getrockneten Köpfe als Ohrschmuck für Häuptlinge. Noch gefährlicher aber wurde den Vögeln die Ankunft der Europäer und ihrer Hunde. Hermeline und Frettchen, die gegen die Kaninchenplage ausgesetzt wurden, rotteten die Vögel fast aus.

International bekannt wurde der Kakapo vor allem durch eine Paarungsattacke auf einen Zoologen. Die BBC strahlte aus, wie ein an Menschen gewöhntes Exemplar der wilden Haarpracht eines Tierfilmers nicht widerstehen konnte. Sirocco vergnügte sich vor laufenden Kameras mit dem Hinterkopf des Briten und schlug ihm die ungelenken Flügel um die Ohren. Das Lustspiel wurde ein Youtube-Hit. Für zweifelhaften Ruhm sorgte eine Internet-Umfrage zum hässlichsten Tier der Erde. Der Kakapo belegte den zweiten Platz. Gewinner wurde die Dickkopf-Groppe, ein Tiefseefisch, der sich nur wenig von einem Klumpen Schleim unterscheidet.

"Egal", sagt die Vogelschützerin Deidre Vercoe, "wir freuen uns über jede Art von Publicity. Die Kakapos sind starke Persönlichkeiten und äußerst intelligent. Außerdem haben sie einen wunderbaren Geruch: Vor allem in der Balzzeit duften sie geradezu nach Honig."

Bis zu 600 000 Euro jährlich gibt die Regierung aus, um ihn vor dem Aussterben zu retten

Und auch für Matt Jones könnte es keinen begehrenswerteren Vogel geben als den Kakapo. "Dieses runde Eulengesicht! Für mich ist er der schönste überhaupt", schwärmt der englische Naturfotograf. Er ist unterwegs auf dem Rakiura-Track auf Stewart Island. Der bestens ausgeschilderte Wanderweg führt durch den üppigen Regenwald und entlang windgepeitschter Strände. Jones sucht hier nach seltenen Vogelarten. Von einigen, wie dem Südlichen Maori-Regenpfeifer, gibt es nur noch einige Dutzend. Jones' Spuren sind an diesem frühen Morgen die einzigen, die ein Mensch im Sand hinterlässt. Ein nächtlicher Regenschauer hat längst die Fährten von Kiwis und Weka-Rallen verwischt.

"Es ist nicht leicht, in Neuseeland einen Kiwi zu Gesicht zu bekommen", sagt Jones, "aber nirgendwo stehen die Chancen besser als hier." Er wünsche sich, einmal eine Zeitreise in das Neuseeland vor der Ankunft des Menschen zu machen, so Jones.

Seit sich die ersten Menschen in Neuseeland niederließen, ist die Hälfte der ursprünglich vorhandenen Landvogelarten ausgestorben oder am Rand der Ausrottung. Der Naturforscher Joseph Banks, der 1770 mit James Cook die Südinsel Neuseelands erkundete, beschrieb den Gesang der Vögel als unvorstellbar kraftvoll: "Das Schiff lag in einer Entfernung von weniger als einer Viertelmeile von der Küste, und am Morgen wurden wir durch den Gesang der Vögel erweckt. Eine unglaubliche Menge schien ihre Kehlen in gegenseitigem Wettstreit anzustrengen. Diese wilde Melodie war unendlich erhaben über alles, was wir je in der Art gehört hatten." Ganz so vielfältig ist das Konzert heute nicht mehr. Aus den Baumkronen dringt immerhin das Gezeter der Ziegensittiche, der rauschende Flügelschlag der Waldtauben und der helle, melodische Gesang des Maori-Glockenhonigfressers. Die Insel ist aber nicht nur für Birdwatcher lohnend. Vielen Urlaubern ist der kurze Überflug mit dem Kleinflugzeug und selbst die Fähre zu teuer. Dabei bietet Stewart Island, wonach sie auf den Hauptinseln oft vergeblich suchen: ein Abenteuer in menschenleerer Natur ohne ausgebuchte Wanderhütten und belagerte Campingplätze. Stewart Island ist fast halb so groß wie Mallorca und hat weniger als 400 Einwohner.

Matt Jones kramt seine Kamera aus dem Rucksack. Auch ein heftiger Regenschauer hält ihn nicht davon ab, einen seltenen Vogel ins Visier zu nehmen. Vor 20 Jahren war der Engländer zum ersten Mal zum Fotografieren hier und so begeistert, dass er sich zehn Jahre später ganz auf Stewart Island niederließ. Einen Kakapo hat Jones bisher nur auf Codfish Island fotografiert. Dort hat er sogar geholfen, Jungvögel mit kleinen Sendern auszustatten, sodass die Mitarbeiter des Kakapo-Schutzprogramms die Tiere besser orten können.

Im vergangenen Jahr hatten die Umweltschützer besonderen Grund zur Freude: 34 geschlüpfte Küken, die auch die kritischen ersten Monate überstanden haben. "Es war die erfolgreichste Brutsaison seit der Gründung des Schutzprogramms 1990", sagt Vercoe. Bis zu 600 000 Euro jährlich lässt sich Neuseeland den Erhalt des Eulenpapageis kosten. Die Nester der Tiere werden rund um die Uhr von Rangern und Kameras überwacht. Artenschützer sammeln Spenden, um das Erbgut des Vogels sequenzieren zu lassen. "Als erste Tierart überhaupt soll von sämtlichen Individuen eine Genanalyse durchgeführt werden", erklärt Vercoe. "Das hilft uns, zum Beispiel über Krankheiten und Unfruchtbarkeit besser Bescheid zu wissen." Einige der Kakapoküken wurden sogar auf die Südinsel geflogen, wo Hunderte Vogelfreunde sie sehen durften. Ein besonderes Vorrecht, denn die Kakapo-Inseln selbst dürfen nur mit Sondergenehmigung betreten werden.

Sirocco hat inzwischen seine eigene Facebook-Seite und fliegt jährlich mit Air New Zealand auf Tournee. In Tierparks in Auckland, Wellington und Dunedin ist er bereits vor Schulklassen und kreischenden Teenagern aufgetreten. Die Neuseeländer sind vernarrt in ihre Kakapos.

"Ich hoffe, dass wir ihn irgendwann von der Liste der bedrohten Arten streichen können und die Vögel wieder auf die Hauptinseln zurückkehren", sagt Vercoe. "Und wir wollen es schaffen, dass jedes Kind auf der Erde weiß, was ein Kakapo ist, genauso wie ein Tiger und ein Elefant."

Auf Stewart Island ist es inzwischen Nacht geworden. Ein paar Vogeltouristen haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Direkt im Wald hinter dem Ort haben sie den Ruf eines Kiwis gehört. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen wandern durch das Farnwalddickicht. Der Ruf des Kiwis ist plötzlich ganz nah. Und tatsächlich: Für einen Augenblick huscht einer der urtümlichen Vögel durch den Lichtkegel und ist sogleich schon wieder verschwunden. Zwar kein Kakapo, aber viel besser als nichts.

Reiseinformationen

Anreise: Zum Beispiel mit Air New Zealand über London und Los Angeles nach Auckland, hin und zurück ab 1500 Euro, www.airnewzealand.com; von Invercargill kommt man mit der Fähre nach Stewart Island, www.stewartislandexperience.co.nz, oder mit dem Kleinflugzeug, www.stewartislandflights.com

Unterkunft: zum Beispiel Baymotel, Dreibettzimmer für ca. 120 Euro, www.baymotel.co.nz

Wandern: Stewart Island ist ein Wanderparadies. Auf dem Rakiura Track kann man den Regenwald auf einem bestens instand gehaltenen Wanderweg erkunden, www.greatwalks.co.nz. Abenteuerlicher ist eine Inselumrundung auf dem Circuit Track.

Vogeltouren: www.stewartislandexperience.co.nz

Weitere Auskünfte: www.newzealand.com

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SZ vom 16.02.2017/ihe
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