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Kakapos in Neuseeland:Bis zu 600 000 Euro jährlich gibt die Regierung aus, um ihn vor dem Aussterben zu retten

Und auch für Matt Jones könnte es keinen begehrenswerteren Vogel geben als den Kakapo. "Dieses runde Eulengesicht! Für mich ist er der schönste überhaupt", schwärmt der englische Naturfotograf. Er ist unterwegs auf dem Rakiura-Track auf Stewart Island. Der bestens ausgeschilderte Wanderweg führt durch den üppigen Regenwald und entlang windgepeitschter Strände. Jones sucht hier nach seltenen Vogelarten. Von einigen, wie dem Südlichen Maori-Regenpfeifer, gibt es nur noch einige Dutzend. Jones' Spuren sind an diesem frühen Morgen die einzigen, die ein Mensch im Sand hinterlässt. Ein nächtlicher Regenschauer hat längst die Fährten von Kiwis und Weka-Rallen verwischt.

"Es ist nicht leicht, in Neuseeland einen Kiwi zu Gesicht zu bekommen", sagt Jones, "aber nirgendwo stehen die Chancen besser als hier." Er wünsche sich, einmal eine Zeitreise in das Neuseeland vor der Ankunft des Menschen zu machen, so Jones.

Seit sich die ersten Menschen in Neuseeland niederließen, ist die Hälfte der ursprünglich vorhandenen Landvogelarten ausgestorben oder am Rand der Ausrottung. Der Naturforscher Joseph Banks, der 1770 mit James Cook die Südinsel Neuseelands erkundete, beschrieb den Gesang der Vögel als unvorstellbar kraftvoll: "Das Schiff lag in einer Entfernung von weniger als einer Viertelmeile von der Küste, und am Morgen wurden wir durch den Gesang der Vögel erweckt. Eine unglaubliche Menge schien ihre Kehlen in gegenseitigem Wettstreit anzustrengen. Diese wilde Melodie war unendlich erhaben über alles, was wir je in der Art gehört hatten." Ganz so vielfältig ist das Konzert heute nicht mehr. Aus den Baumkronen dringt immerhin das Gezeter der Ziegensittiche, der rauschende Flügelschlag der Waldtauben und der helle, melodische Gesang des Maori-Glockenhonigfressers. Die Insel ist aber nicht nur für Birdwatcher lohnend. Vielen Urlaubern ist der kurze Überflug mit dem Kleinflugzeug und selbst die Fähre zu teuer. Dabei bietet Stewart Island, wonach sie auf den Hauptinseln oft vergeblich suchen: ein Abenteuer in menschenleerer Natur ohne ausgebuchte Wanderhütten und belagerte Campingplätze. Stewart Island ist fast halb so groß wie Mallorca und hat weniger als 400 Einwohner.

Reisekarten

SZ-Grafik

Matt Jones kramt seine Kamera aus dem Rucksack. Auch ein heftiger Regenschauer hält ihn nicht davon ab, einen seltenen Vogel ins Visier zu nehmen. Vor 20 Jahren war der Engländer zum ersten Mal zum Fotografieren hier und so begeistert, dass er sich zehn Jahre später ganz auf Stewart Island niederließ. Einen Kakapo hat Jones bisher nur auf Codfish Island fotografiert. Dort hat er sogar geholfen, Jungvögel mit kleinen Sendern auszustatten, sodass die Mitarbeiter des Kakapo-Schutzprogramms die Tiere besser orten können.

Im vergangenen Jahr hatten die Umweltschützer besonderen Grund zur Freude: 34 geschlüpfte Küken, die auch die kritischen ersten Monate überstanden haben. "Es war die erfolgreichste Brutsaison seit der Gründung des Schutzprogramms 1990", sagt Vercoe. Bis zu 600 000 Euro jährlich lässt sich Neuseeland den Erhalt des Eulenpapageis kosten. Die Nester der Tiere werden rund um die Uhr von Rangern und Kameras überwacht. Artenschützer sammeln Spenden, um das Erbgut des Vogels sequenzieren zu lassen. "Als erste Tierart überhaupt soll von sämtlichen Individuen eine Genanalyse durchgeführt werden", erklärt Vercoe. "Das hilft uns, zum Beispiel über Krankheiten und Unfruchtbarkeit besser Bescheid zu wissen." Einige der Kakapoküken wurden sogar auf die Südinsel geflogen, wo Hunderte Vogelfreunde sie sehen durften. Ein besonderes Vorrecht, denn die Kakapo-Inseln selbst dürfen nur mit Sondergenehmigung betreten werden.

Sirocco hat inzwischen seine eigene Facebook-Seite und fliegt jährlich mit Air New Zealand auf Tournee. In Tierparks in Auckland, Wellington und Dunedin ist er bereits vor Schulklassen und kreischenden Teenagern aufgetreten. Die Neuseeländer sind vernarrt in ihre Kakapos.

"Ich hoffe, dass wir ihn irgendwann von der Liste der bedrohten Arten streichen können und die Vögel wieder auf die Hauptinseln zurückkehren", sagt Vercoe. "Und wir wollen es schaffen, dass jedes Kind auf der Erde weiß, was ein Kakapo ist, genauso wie ein Tiger und ein Elefant."

Auf Stewart Island ist es inzwischen Nacht geworden. Ein paar Vogeltouristen haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Direkt im Wald hinter dem Ort haben sie den Ruf eines Kiwis gehört. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen wandern durch das Farnwalddickicht. Der Ruf des Kiwis ist plötzlich ganz nah. Und tatsächlich: Für einen Augenblick huscht einer der urtümlichen Vögel durch den Lichtkegel und ist sogleich schon wieder verschwunden. Zwar kein Kakapo, aber viel besser als nichts.

Reiseinformationen

Anreise: Zum Beispiel mit Air New Zealand über London und Los Angeles nach Auckland, hin und zurück ab 1500 Euro, www.airnewzealand.com; von Invercargill kommt man mit der Fähre nach Stewart Island, www.stewartislandexperience.co.nz, oder mit dem Kleinflugzeug, www.stewartislandflights.com

Unterkunft: zum Beispiel Baymotel, Dreibettzimmer für ca. 120 Euro, www.baymotel.co.nz

Wandern: Stewart Island ist ein Wanderparadies. Auf dem Rakiura Track kann man den Regenwald auf einem bestens instand gehaltenen Wanderweg erkunden, www.greatwalks.co.nz. Abenteuerlicher ist eine Inselumrundung auf dem Circuit Track.

Vogeltouren: www.stewartislandexperience.co.nz

Weitere Auskünfte: www.newzealand.com

© SZ vom 16.02.2017/ihe
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