Johannesburg im Umbruch:Wohnen mit Mission

Diesen Neustart sehen viele auch als Chance. Jonathan Liebmann zum Beispiel, Johannesburger Immobilien-Investor mit Vision. 25 ruinöse Innenstadt-Häuser hat der 31-Jährige inzwischen aufgekauft.

Sein Vorzeigeprojekt ist das 2009 eröffnete Maboneng ("Platz des Lichts") mit dem Künstlerzentrum "Arts on Main", in dem auch das Goethe-Institut eine Dependance unterhält. Galerien und Buchläden, das Boutique-Hotel "12 Decades", das Programmkino Bioscope und ein halbes Dutzend schicker Restaurants sind in dem seit 1888 existierenden ehemaligen Handwerks- und Kleinindustrie-Viertel eingezogen. Mit seinen Lagerhallen, Graffiti-Wänden und Lofts (Startpreis: 50.000 Euro) erinnert die Nachbarschaft an das einstige Brooklyn oder Tribeca.

Doch von Gentrifizierung, der Verdrängung alteingesessener Bürger durch Schickimicki-Klientel, könne man in Afrika nicht sprechen, meint Liebmann. Er will vor allem junge Familien aller Couleur und kleine Gewerbetreibende wieder in die Innenstadt locken. "Wer hier hinzieht, weiß, er ist selber Teil des Umbruchs und der Wiederbelebung der Stadt", sagt etwa der Maler Fred Clarke, 27, der im "Arts on Main"-Komplex ein Wohnatelier unterhält. Das Wohnen mit Mission liegt im Trend: "I was shot in Jo'burg" heißt die Fotogalerie des Künstlers Mehluli P. Ndlovu, der mit diesem Namen einerseits auf die extrem hohe Kriminalitätsrate abzielt, andererseits für seine Schnappschüsse wirbt.

Shop-Eröffnung als politisches Statement

Die Modedesignerin Anisa Mpungwe entwirft und verkauft Afro-Kollektionen und Tunika-Kleider in ihrer Boutique "Loin Cloth & Ashes". Die Shop-Eröffnung in Maboneng ist für sie fast ein politisches Statement: "Wir trauen uns wieder in die City", heißt es jetzt, nachdem Ende der 90er-Jahre auch der letzte verbliebene Einzelhändler in die sichereren nördlichen Vororte geflohen war. In Kürze sollen in Maboneng das erste Hotel für Rucksacktouristen, "Curiocity", und ein Café mit Pool eröffnen. Auch mehr Grün soll es bald geben. Jonathan Liebmann plant Pop-up-Gärten, kleine Parks, die von den Bewohnern selbst unterhalten werden sollen.

Mit 2,5 Millionen Besuchern ist Jozi, wie die Stadt von ihren Bewohnern genannt wird, nach offiziellen Statistiken die meistfrequentierte Metropole des Kontinents. Doch die Touristen blieben zum Übernachten und Einkaufen bislang eher in den weißen Vorstädten wie Rosebank und Sandton. Wie konnte es in den Straßenschluchten der Innenstadt überhaupt so finster werden? Warum gingen in der 1886 gegründeten ehemaligen Goldgräbersiedlung ausgerechnet nach dem Abschütteln der Apartheid die Lichter aus?

Die Innenstadt implodierte

Schon Nelson Mandela, der erste frei gewählte Präsident Südafrikas, habe eine "spektakulär gescheiterte Stadt" übernommen, sagt Stadtplaner Gerald Garner, wenn er Besucher neuerdings wieder zu den kunstvollen Art-déco-Gebäuden, den Rotklinker-Häusern aus den 60er-Jahren und den verzierten Eingängen mit Portierslogen im Zentrum von Johannesburg führt, einst Aushängeschilder der Boom-City, heute vielerorts mit windschiefen Gittern verrammelt.

Schon vor dem Ende der Apartheid Mitte der 90er-Jahre zogen immer mehr Weiße und internationale Firmen weg. "Viele ließen ihren Besitz vergammeln, andere vermieteten später winzige Wohnungen an Dutzende Einwanderer. Kein Mensch kümmerte sich mehr um Wartung, Strom und Wasser", erzählt Garner. Jobsuchende aus Nachbarländern kamen zuhauf nach Johannesburg. Die Innenstadt implodierte. Erst 2007 einigte sich die Stadtverwaltung auf eine "Regeneration Charter" mit vier Säulen: Busse, Bahnen, Sicherheit und Infrastruktur - der Anfang zur Rettung.

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