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Jodeln:Du dödeldu?

Hedwig Roth, Jodellehrerin

Kopf- und Bruststimme sind das Ying und Yang beim Jodeln. Die Jodellehrerin Hedwig Roth zeigt mit den Händen, ob die Stimme nach oben oder unten gehen soll.

(Foto: Ramona Götzfried)

Musikerin Hedwig Roth gibt im Allgäu Jodelkurse für Anfänger. Die müssen ganz schön mutig sein - dafür stimmen echte Hirsche mit ein.

Hedwig Roth geht gleich in die Vollen und begrüßt die Runde mit einem Jodler. Acht Frauen sitzen im Allgäu in der Stube der Wannenkopfhütte und wollen genau das lernen. "Jodeln ist etwas ganz Persönliches", sagt Roth, ein Urton, der ohne Worte auskomme. Dem Urschrei des Kindes gleich, ehrlich, direkt, nicht angepasst.

Hedwig Roths Jodler sind besonders persönlich, sie komponiert ihre Stücke selbst. Roth, 40 Jahre alt, ist in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Aber erst mit 18 Jahren kam sie zum Jodeln. Denn Jodeln war Männersache im traditionell eingestellten Allgäu. Ein Film des Schweizers Stefan Schwietert war für sie Anlass, die Männerbastion zu stürmen. In "Heimatklänge - vom Juchzen und anderen Gesängen" hörte sie erstmals alpinen Kehlkopfgesang, der wild und frei klingt, Anleihen beim Jazz nimmt. Das hat sie elektrisiert. Heute singt und jodelt Hedwig Roth in mehreren Formationen und wechselt mühelos zwischen neuer Volksmusik à la Hubert von Goisern und traditionellem Liedgut. Wer also eine zünftige Alpenbewohnerin im feschen Dirndl erwartet hat, wird enttäuscht. Hedwig Roth trägt Jeans, T-Shirt und hat eine Gitarre dabei - wie beim Hüttenabend.

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Nur dass die Jodelnovizinnen nicht so entspannt sind, wie sie es dort wohl wären. Sie sitzen vielmehr ziemlich verkrampft auf den Holzbänken und blicken ein wenig bang dem Moment entgegen, an dem sie selbst diesen Urton produzieren sollen. Ja, so ist das: Erst wollte man unbedingt mal etwas Neues, etwas anderes ausprobieren, doch jetzt, da die Hedwig losjodelt, dass die Wände wackeln, gerät man schon ein wenig ins Schwitzen. Just in diesem Moment kommt der Hüttenwirt Michael Kreck mit einer Runde Hüttenschluck. Ein milder Bitter mit Kräutern aus dem Allgäu, die erste Ölung vor der alpinen Kehlkopfübung. Hedwig kennt das: "Es ist immer das Gleiche, alle sagen, ich kann nicht singen, dann können sie es doch. Aber auch wer nicht singen kann, kann jodeln. Also Augen schließen, Mund auf und auf A mitsummen."

Beim Jodeln gibt es kein Richtig und kein Falsch. Eine Botschaft, die man dankbar vernimmt

So geht sie also los, die Suche nach der tiefen Brust- und der hohen Kopfstimme und dem Wechsel zwischen beiden, auf den es so ankommt in dieser Disziplin. Jetzt auf "u-jo-u-ri-ju-o", wobei das U hoch und das O tief sein soll. Alle tasten sich von Ton zu Ton, vom Brust- zum Kopfregister. Entscheidend ist die isolierte Brust- und Kopfstimme - wenn man das nicht hinbekommt, jodelt man nicht, man singt.

Eine weitere Hürde: "Für Männer ist es eher schwierig, die hohe Kopfstimme, das Falsett, zu singen. Das gilt als total unmännlich." Umgekehrt haben Frauen Probleme mit der tiefen Bruststimme. Die hohe weibliche Stimme, sagt Hedwig Roth, sei das Ying und die tiefe männliche Stimme das Yang beim Jodeln. Aber hätten ihre Schüler das Ying-Yang erst einmal entdeckt, dann löse das etwas aus bei ihnen. "Ich stelle oft fest, dass Frauen selbstbewusster werden, wenn sie diese dunklen männlichen Töne in sich entdecken." Wie auch immer. Es gebe beim Jodeln kein Richtig und kein Falsch, erklärt sie - eine Botschaft, die man dankbar vernimmt.