Süddeutsche Zeitung

Urlaub in Japan:Sehr ruhig, sehr sauber

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Viele Touristen schätzen an Japan die Natur, die Tempel - und die Ordnung. Und genau die sehen viele Japaner durch die zunehmende Gästezahl gefährdet. Nun will die Regierung gegensteuern.

Von Thomas Hahn

Wenn es um den inneren Frieden geht, wird der Ton rauer in Japan. Die Botschaften der Banner, die in dieser Halloween-Nacht im Tokioter Bezirk Shibuya die Straßen säumen, haben jedenfalls eher etwas mit Vertreibungs- als mit Willkommenskultur zu tun. "Shibuya an Halloween ist kein Mülleimer, Haudrauf-Ort oder Aschenbecher", steht darauf auf Japanisch und Englisch, als hätte das jemals jemand behauptet. Die Statue des Hundes Hachiko am Bahnhof, eine klassische Touristen-Attraktion, ist hinter hohen Stellwänden verschwunden. "Sie können Hachiko von Samstag bis Mittwochfrüh nicht sehen", ist darauf zu lesen. Und an der berühmten Riesenkreuzung lenken Polizisten mit Absperrbändern die teilweise verkleideten Fußgänger-Massen und rufen, dass man weitergehen solle. Immerhin sagen sie bitte.

Shibuyas Bürgermeister Ken Hasebe hat diese ungastliche Art für das Kostümfest verfügt. Er wollte so einer Katastrophe verbeugen, wie sie sich vergangenes Jahr an Halloween in Südkoreas Hauptstadt Seoul ereignete; 159 Menschen starben damals bei einer Massenpanik im Vergnügungsviertel Itaewon. Hasebes Verordnung betraf nicht nur ausländische, sondern vor allem japanische Halloween-Besucher. Trotzdem passte sie auch zu einem Trend. Denn Japan will grundsätzlich mehr tun gegen die Umstände, die Gäste bereiten.

Das Thema Overtourism ist nicht neu für Japan, es hatte von Anfang 2020 an nur fast drei Jahre lang Pause. In der Pandemie schloss Japans Regierung die Grenzen für Urlauberinnen und Urlauber aus dem Ausland. Die Gastronomie litt, andere genossen insgeheim den Frieden. Aber seit vergangenem Herbst sind die Grenzen wieder offen. Die Zahl der Besucher habe fast schon wieder das Niveau der vorpandemischen Zeit erreicht, meldet die Tourismus-Behörde.

So kamen in den ersten neun Monaten dieses Jahres mehr als 17 Millionen Reisende ins Land. Prompt sind die Beschwerden mancher Einheimischer wieder da wegen Lärm, Müll und überfülltem Nahverkehr, vor allem in Tokio, Osaka und Kyoto.

Die Gäste sollen unbekannte Regionen besuchen. Ob sie das wollen?

Japans Tourismus war vor der Corona-Krise ein wachsender Markt. Der Tourismus-Behörde zufolge gab es 2019 durch ausländische Besucher Rekordeinnahmen von mehr als 4,8 Billionen Yen, umgerechnet rund 30 Milliarden Euro. Aber in Japan hat man es eben gerne nach heimischer Sitte ruhig und sauber. Also sehr ruhig und sehr sauber. Und der rechten Regierung in Tokio ist das Seelenwohl der Landsleute wichtig. Das Tourismusministerium hat deshalb zuletzt einen Anti-Overtourism-Plan vorgestellt. Premierminister Fumio Kishida erklärte, durch den Plan solle Japan "eine nachhaltige Tourismus-Location" werden, in der Besucher so wenig stören, dass Einheimische sie akzeptieren können.

Der Plan setzt vor allem auf eine verbesserte Infrastruktur an Tourismus-Hotspots, mehr Taxis, mehr Busse, mehr Direktverbindungen von Bahnhöfen zu begehrten Attraktionen. Aber das Ministerium will auch mehr Touristen von Orten wie Tokio oder Kyoto umleiten in weniger bekannte Regionen. Zum Beispiel in die Halbinsel-Landschaft von Ise-Shima, Präfektur Mie, oder in den dünn besiedelten Osten der Nordinsel Hokkaido. Die Idee könnte ein Gewinn für Japan-Besucher werden. Sie würden das Land von seiner naturbelassenen Seite kennenlernen, könnten etwa in Ise-Shima mit Ama-Taucherinnen Meeresfrüchte essen oder in Hokkaido Touren durch die Berge unternehmen.

Aber ob diese Alternativen jene überzeugen, die immer schon mal in die alte Kaiserstadt Kyoto wollten oder in den lichternden Hochhaus-Dschungel Tokios? Vor allem wären die Gäste sicher nicht begeistert, wenn die Japan-PR ihnen erklärt: "Sie können nicht sehen, was sie sehen wollen."

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